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Was geschah mit DDR-Bauten nach 1990?
DFG-Projekt erforscht ostdeutsches Bauerbe mit digitalen Methoden
Ein Projektteam des Forschungsschwerpunkts „Zeitgeschichte und Archiv“ nutzt Ansätze der Digital History, um zu erforschen, wie öffentliche Gebäude der DDR nach 1990 genutzt wurden und durch wen. Dazu entwickelt es auch eigene Softwarelösungen. Die Ergebnisse werden räumlich wie auch zeitlich visualisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Seit Herbst 2023 untersucht das DFG-Projekt „Der Wert der DDR-Architektur“ unter Leitung von Architekturhistorikerin Stefanie Brünenberg, was nach der deutschen Vereinigung aus öffentlichen Bauten wurde, die zum sogenannten „Volkseigentum“ der DDR gehörten. Das Projekt nimmt besonders öffentliche und betriebliche Gebäude wie Ferienheime, Kulturhäuser und Warenhäuser in den Blick. Es untersucht die Rolle der Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft (TLG) bei der Verwertung der Bauten und untersucht deren Nachnutzung (oder ihren Abriss) infolge der veränderten Eigentumsstrukturen. Daraus werden im Projekt Folgen dieses Wandels für die lokale Identität und Erinnerungskultur abgeleitet.
Jetzt beginnt im Projekt eine neue Arbeitsphase: Ein digitaler Workflow wird erarbeitet, um verschieden Bauten datenbankgestützt zu erfassen, zu analysieren und später mit digitalen Karten zu visualisieren. Für diese Arbeitsschritte ist Sarah Day zuständig, die als wissenschaftliche Dokumentarin seit kurzem das Projektteam verstärkt. Sarah Day bringt umfangreiche Erfahrung in der Modellierung, Strukturierung und Qualitätssicherung sowie in der digitalen Präsentation von Daten mit. Bereits zwischen 2019 und 2022 war sie für das IRS im Projekt „Stadtwende“ tätig.
Schon im Rahmen der letzten Projektphase, der Erforschung der Institution TLG, begann die Erfassung der Gebäude. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, welche Objekte den Kommunen angeboten, welche verkauft und welche restituiert – also an frühere Eigentümer*innen zurückgegeben – wurden. Darauf aufbauend wird nun untersucht, wie sich die Gebäude nach dem Ende der DDR verändert haben, etwa aufgrund von Abriss, Sanierung oder Umnutzung. Konkret geht es dabei um die folgenden Fragen:
- Welchen Einfluss haben Herkunft und juristische Form – Privatpersonen, Unternehmen oder Kommunen – der Käufer*innen?
- Welche Rolle spielten lokal geführte Debatten, insbesondere in der regionalen Presse, für Entscheidungen über Erhalt, Umbau oder Abriss?
- Wurden Gebäude der unmittelbaren Nachkriegszeit, die noch unter dem Einfluss des sozialistischen Realismus entstanden, anders behandelt als die stärker typisierte und standardisierte Architektur der 1960er und 1970er Jahre?
- Gibt es Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Räumen, etwa mit Blick auf repräsentative Bauten in den sozialistischen Stadtzentren der Bezirkshauptstädte und Gebäuden in periphereren Regionen?
Die empirische Grundlage für die Untersuchung bildet eine umfangreiche Auswertung von Archivmaterial. Dazu gehört beispielsweise eine Quelle zu den Verkäufen ehemaliger FDGB-Ferienheime. Erste Ergebnisse zeigen, dass etwa die Euromill Real Estate GmbH als international agierender Großinvestor mehr als ein Dutzend Ferienobjekte erwarb. Das aus Thailand stammende Unternehmen eröffnete 1992 eine Niederlassung in Berlin, investierte vor allem in große Hotelanlagen und verlor diese nach der eigenen Insolvenz Ende der 1990er-Jahre wieder an andere Hotelketten.
Solche zeitlichen Verläufe sollen künftig in einer interaktiven Karte online sichtbar gemacht werden, um vergleichende Analysen zu ermöglichen. Ein zentrales Ziel der jetzt beginnenden Projektphase ist die Auswertung und Visualisierung der erhobenen Daten. Die Karte soll auf dem Portal der Wissenschaftlichen Sammlungen stadt-raum-geschichte.de veröffentlicht werden und damit die Ergebnisse des Projektes einer interessierten Öffentlichkeit unter Einhaltung des FAIR-Prinzips zur Verfügung gestellt werden. Erste Visualisierungsansätze wurden bereits mit der Open-Source-Software Nodegoat erprobt, die unter anderem im Projekt „Conquering with Concrete" zum Einsatz kam. Für die Integration, die geplanten Analysen und die Darstellungsformen erweist sich jedoch eine stärker individualisierte technische Lösung als notwendig.
Vor diesem Hintergrund werden die digitalen Workflows im Projekt weiterentwickelt. Die Arbeit von Sarah Day setzt hier an und zielt darauf ab, mithilfe von Python eine passgenaue Infrastruktur zur Datenstrukturierung, -auswertung und Visualisierung zu entwickeln, die insbesondere die Darstellung von Kartenmaterial auf Basis aufbereiteter Daten ermöglicht. Damit wird die aktuelle Projektphase nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch zu einem wichtigen Schritt in der digitalen Erforschung des Werts und Wandels der DDR-Architektur nach 1990.

