Leitprojekt

Geschichte von unten – revisited. Boden als vernachlässigte Grundlage historischer Prozesse im langen 20. Jahrhundert

Forschungsschwerpunkt: Zeitgeschichte und Archiv

Projektleitung im IRS: Prof. Dr. Kerstin Brückweh

Projektteam: Dr. Monika Motylińska Dr. Rita Gudermann Anastasia Betsa Clementina Irimină

Laufzeit: 01/2026 - 12/2029

Raum lässt sich nicht ohne Boden denken und Boden nicht ohne Raum. Während der Raum mittlerweile fest im Bewusstsein der geschichtswissenschaftlichen Forschung verankert ist, wurde der Boden historiografisch vernachlässigt. Das liegt unter anderem daran, dass Boden vieles zugleich meint – er ist materielle Grundlage, rechtlich und politisch geregelt und kulturell aufgeladen. Diese Vielschichtigkeit macht es schwer, den Begriff eindeutig zu fassen. Hinzu kommt, dass der Begriff im Nationalsozialismus ideologisch vereinnahmt wurde, etwa in der Formel „Blut und Boden“, was seine wissenschaftliche Auseinandersetzung zusätzlich belastet hat.

Das Leitprojekt beschäftigt sich mit dem Boden als konstituierendem Aspekt von Räumen und schlägt vor, Boden als vielschichtige, geschichtlich geformte und konflikthafte Kategorie zu untersuchen. Der Fokus soll auf die Analyse von Planung, Gestaltung und Aneignung von Räumen im langen 20. Jahrhundert gelegt werden. Dabei werden analytische „Tiefenbohrungen“ für verschiedene städtische und ländliche Räume vorgenommen (Argentinien, südliches Afrika, Deutschland, Rumänien).

Im Projekt werden vier Fragekomplexe bearbeitet. Erstens wird der Boden in seinen unterschiedlichen räumlichen Dimensionen – horizontal als Fläche und vertikal als bebaute oder genutzte Umwelt – erforscht. Zweitens soll der Begriff des Bodens konzeptionell so weiterentwickelt werden, dass er eine sinnvolle Verbindung zwischen einem relationalen Raumverständnis und den materiellen Eigenschaften des Bodens herstellt. Drittens analysiert das Projekt Akteur*innen und Aneignungsprozesse, die durch die Kategorie des Bodens sichtbar werden. Viertens wird Boden als Schauplatz der Aushandlung von Machtverhältnissen untersucht – auch mit Blick auf zukünftige Entwicklungen.

Um die unterschiedlichen Dimensionen des Bodens im Verlauf der Geschichte zu analysieren, wird ein digitales Glossar als partizipatives Tool entwickelt. Es soll insbesondere die „community of practice“ rund um die Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS einbeziehen. Das Glossar ist kritisch-analytisch angelegt und mehrsprachig: Es dokumentiert, wie der Begriff „Boden“ in unterschiedlichen Disziplinen und Sprachräumen historisch verwendet und verstanden wurde. Gleichzeitig soll das spezifisch deutschsprachige Begriffsfeld „Boden“ ins Englische übersetzt werden, um es für internationale Diskussionen anschlussfähig zu machen.