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Disruptionen in Geschichte und Gegenwart – Gelegenheiten oder Gegebenheiten in Prozessen gesellschaftlicher Transformation?

Der Begriff der Disruption erzeugt in öffentlichen wie wissenschaftlichen Debatten seit den 2000er Jahren eine steigende Resonanz. Im Kern geht es dabei um Unsicherheit, Überraschung und schnelle oder abrupte Veränderungen. Bei genauerer Betrachtung treten aber auch Widersprüche in der Begriffsnutzung hervor, beispielsweise wird Disruption in jüngerer Zeit meist als bedrohlich und krisenhaft gerahmt, allerdings mitunter auch als erstrebenswert begrüßt (etwa in der Innovationsliteratur). Beides führt dazu, dass Disruptionen in der Gegenwart vermehrt politisiert werden, etwa um mit der antizipierten Unausweichlichkeit von Brüchen die Gesellschaft in die gewünschte Richtung zu verändern. Der steigende Stellenwert des Begriffes im heutigen Zeitgeist, erste Anläufe zur präziseren Begriffsdefinitionen in unterschiedlichen disziplinären Zusammenhängen aber auch die verbleibenden Unschärfen, laden heute dazu ein, das produktive Potenzial des Begriffs zu erkunden.
In der geschichtswissenschaftlichen Diskussion ist Disruption kein etabliertes Konzept, sein analytischer Mehrwert gegenüber dem der Transformation durchaus umstritten. Aktuelle sozialwissenschaftliche Debatten wiederum fokussieren zunehmend auf den Kollaps sinnstiftender Zusammenhänge, wie regulärer Organisationsstrukturen, vorhandener Routinen, Erklärungsmodelle und Bewältigungsstrategien, der jedoch trotz Unsicherheit und fehlendem Wissen schnelles Handeln erfordert. In der Ökonomie bezeichnet Disruption auch Entwicklungsmodelle, die lange unbemerkt unter dem Radar etablierter Unternehmen florieren, bevor sie überraschend dominant werden und etablierte Anbieter aus ihren Märkten herauskonkurrieren. Gemeinsam ist all diesen Debatten indes, dass Disruption und/oder Transformation wie in einem Tanz aufeinander bezogen sind. Deshalb lädt der Begriff zu einer interdisziplinären Auseinandersetzung um Beschreibung und Bedeutung von Prozessen ein, die einen Bruch mit den bekannten sozialen, technischen und diskursiven Ordnungen bezeichnen, jedoch ebenso Handlungs- oder Möglichkeitsfenster für die Einführung neuer, innovativer Strategien und Lösungen proklamieren.
Ziel der Konferenz ist ein intellektueller Austausch über den Begriff der Disruption und dessen analytischem Mehrwert, insbesondere in interdisziplinärer Perspektive. Wo führt der Begriff weiter als bereits etablierte Begriffe (wie etwa Transformation), wo stößt er jedoch an Grenzen und wie gehen wir in Gesellschaft und Wissenschaft mit der Ambiguität des Begriffs um? Auf der Konferenz sollen unterschiedliche Perspektiven auf Disruptionen gezielt zusammengeführt und eine programmatische Synthese dieses Wissens entwickelt werden. Die Ergebnisse dieser Wissenssynthese werden anschließend zu einem Sachbuchkapitel aufbereitet, um einem nicht-akademischen Publikum die Rolle des disruptiven Wandels für die Art der gegenwärtigen Transformationsdebatten in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft aufzuzeigen.
Die Konferenz wird begleitet von Keynote-Vorträgen von Dr. Sarah Stanske (Leuphana Universität Lüneburg) und Dr. Marcus Böick (University of Cambridge).
Die Konferenz ist eine Veranstaltung des Leibniz-Labs „Umbrüche und Transformationen“, organisiert vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Kooperation mit dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung und Leibniz-Institut für Länderkunde. Organisationsteam: Dr. Harald Engler (IRS), Dr. Rita Gudermann (IRS), Prof. Dr. Oliver Ibert (IRS), Dr. Jörn Knobloch (IfL), Dr. Madlen Pilz (IRS) und Dr. Tilmann Siebeneichner (ZZF). Bei Fragen können Sie sich gern an uns wenden.