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Woran arbeitest du gerade, Paul?
Paul Seidel ist seit Juni 2025 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe „Stadtentwicklungspolitiken“, wo er sich genauer mit Wohnungsmärkten und Eigentümertypen beschäftigt. Urbane Wohnungsmärkte standen im Zentrum seiner stadtsoziologischen Masterarbeit an der Technischen Universität Berlin. Nach seinem Studium war er bis 2025 wissenschaftlicher Mitarbeiter und stellvertretender Büroleiter der wohnungs- und baupolitischen Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag.
Woran arbeitest Du aktuell – und was fasziniert Dich daran am meisten?
Ich untersuche, wie verschiedene Wohnungsunternehmen – private, kommunale und genossenschaftliche – auf neue Klimapolitiken reagieren. Dabei geht es um die energetische Modernisierung von Großwohnsiedlungen und um die Frage, ob dabei bezahlbarer Wohnraum erhalten bleibt oder neue Formen von Verdrängung entstehen. Spannend finde ich die politische und wirtschaftliche Vielschichtigkeit meiner Fragestellung: Gleiche Rahmenbedingungen führen zu unterschiedlichen Strategien, abhängig von Finanzierung, Organisationslogik und politischen Bindungen. Mich fasziniert konkret, wie sich große Strukturen in konkrete Praktiken vor Ort übersetzen.
Welches gesellschaftliche Problem berührt Deine Forschung?
Im Zentrum steht der Konflikt zwischen ökologischem und bezahlbarem Wohnen. Energetische Sanierungen sind nötig, doch aktuelle Finanzierungslogiken verlagern Kosten auf Mieter oder bremsen gemeinwohlorientierte Akteure aus. Meine Forschung zeigt: Diese Spannung ist politisch erzeugt und kein Naturgesetz. Sie hängt davon ab, wie Unternehmen ihre Geschäftsmodelle gestalten und wie Politik Rahmenbedingungen für sie setzt. Die große Frage dahinter: Lassen sich Wärmewende und soziale Wohnungspolitik gemeinsam lösen oder werden sie weiterhin getrennt behandelt?
Was hat Dich zu diesem Forschungsthema gebracht?
Auslöser war ein Bundestags‑Workshop zur Wärmewende. Die Geschäftsführerin einer Wohnungsgenossenschaft schilderte, sie müsse Gebäude eher abreißen als sanieren, weil die Mieten die Kosten nicht tragen. Diese Aussage zeigte mir, dass Klimapolitik neue ökonomische Zwänge im Mietwohnungsmarkt schafft und paradoxerweise ausgerechnet gemeinwohlorientierte Akteure besonders belastet. Daraus entstand die Leitfrage für meine Dissertation: Wie formen politische und institutionelle Strukturen die Möglichkeiten sozial‑ökologischer Sanierung?
Wenn Deine Forschung in fünf oder zehn Jahren Wirkung entfaltet: Was sollte sich idealerweise verändert haben?
Idealerweise rückt die Wärmewende‑Debatte stärker die Eigentümerstruktur und Geschäftsmodelle in den Fokus. Drei Punkte wären zentral: Erstens eine Förderpolitik, die gemeinwohlorientierte Akteure priorisiert, zweitens stabile Rahmenbedingungen für kommunale und genossenschaftliche Unternehmen und drittens eine Debatte über Eigentumsorganisation, die soziale und ökologische Ziele verbindet, wie etwa Gemeinnützigkeit nach Wiener Vorbild. Aber schon ein Bewusstsein dafür, dass heutige Probleme politisch gestaltet und damit veränderbar sind, wäre ein wichtiger Fortschritt.
Das Interview mit Paul Seidel erschien in der IRS Aktuell No 104 „Land schafft Wandel".

