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Der ländliche Raum ist innovativer als gedacht
Wer Innovation sucht, denkt an Großstädte – und übersieht dabei, wie lebendig der Wandel fernab der Zentren ist. Forschende des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) zeigen in der neuen Ausgabe des Magazins „IRS Aktuell“, wie kreativ der ländliche Raum ist und warum diese Dynamik trotzdem selten wahrgenommen wird.
Unter dem Titel „Land schafft Wandel“ versammelt das Magazin Ergebnisse aus mehreren Forschungsprojekten zu ländlicher Entwicklung. Die Beiträge zeigen unter anderem:
• Aktive Gestalter: Ländliche Vereine, Genossenschaften und Kleinstbetriebe treiben Innovation und Wandel voran, auch ohne Forschungsinstitute und Tech-Szene.
• Distanz hilft: Peripherie bringt Ruhe und zwingt zur Improvisation, lokales Wissen verbindet sich mit neuen Ideen, die oft Rückkehrende mitbringen.
• Innovationskritisch: Gemeinnütziges Engagement, Solidarität und praktische Problemlösung stehen für viele im Vordergrund, nicht das Label „Innovation“.
• Unpassende Förderung: Die Förderpolitik muss lernen, ländliche Innovationen zu erkennen und sich für die Bedürfnisse ländlicher Räume öffnen.
• Keine Lobby: Ländlichen Regionen fehlt eine effektive politische Vertretung.
Nordfriesland als Innovationslabor
Jonathan Hussels belegt das mit konkreten Beispielen aus Nordfriesland. In Kleinstunternehmen, Vereinen und zivilgesellschaftlichen Initiativen entstehen neue Lösungen: Bürgerwindkraft heizt Wohnhäuser, Server-Abwärme ermöglicht Algenzucht, eine Kirchengemeinde stellt Land für solidarische Landwirtschaft bereit. Hussels bezeichnet sie dennoch als „versteckte Innovationen“, weil sie oft unter dem Radar traditioneller Innovationsförderung bleiben und auch in Statistiken nicht erfasst werden.
Kreativität braucht nicht die Großstadt
Oliver Ibert und Gernot Grabher zeigen, wie die Peripherie eigene kreative Kräfte entfaltet. Kleine Gemeinschaften fördern Transparenz und Kooperation. Ruhe und Platz helfen bei fokussierter künstlerischer Arbeit. Die Ferne von der Macht schafft zudem Freiräume für unkonventionelle Projekte.
Politik muss umdenken
Ralph Richter widerlegt Mythen vom Vereinssterben im ländlichen Raum. Ehrenamtliches Engagement bleibt lebendig und trägt sowohl zum sozialen Zusammenhalt als auch zur Daseinsvorsorge bei. Entscheidend ist die kommunale Unterstützung durch Räume, Fördermittel und Anerkennung.
Das Konzept der „Sozialen Offenen Innovationsregion“ von Suntje Schmidt, Ralph Richter und Jonathan Hussels bietet einen Lösungsansatz, um die Förderpolitik besser auf ländliche Bedürfnisse auszurichten. Im Interview warnt Grit Körmer, LEADER-Regionalmanagerin, jedoch: „Der ländliche Raum hat keine Lobby.“ Ohne politische Unterstützung und angepasste Rahmenbedingungen bleiben viele Potenziale ungenutzt.
Gemeinschaft schafft Werte neu
Federica Ammaturo dokumentiert, wie eine Gemeinschaft in Süditalien traditionelles Brotbacken wiederbelebt und dabei Wertvorstellungen neu aushandelt. Die Akteure definieren unternehmerischen Gewinn nicht rein finanziell, sondern auch ideell als Ergebnis von Kooperation und gemeinsamem Lernen. Solche Prozesse zeigen, dass der wahre Wert sozialer Innovationen oft in der erlebten Wirkung liegt, nicht in messbaren Ergebnissen.
Auf unserem Brandenburger Regionalgespräch „Zukunft einen Raum geben: Orte des Wandels in ländlichen Regionen“ am 7. Mai in Beeskow diskutieren wir mit Fachleuten aus Forschung und ländlicher Entwicklung über die Innovationspotenziale ländlicher Räume.
