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Mapping Time and Space
In diesem Workshop bringen wir Expert*innen aus Soziologie und Geschichtswissenschaft in einen Dialog, um über Prozesse der Verräumlichung von Geschichte und der Verzeitlichung von Räumen nachzudenken. Ausgangspunkt sind konkrete Beispiele raumzeitlicher Mappings sowie methodologische Überlegungen zu hybriden Mapping-Formaten.
Die Konstruktion und Politisierung von Räumen durch Karten sind seit Langem Gegenstand kritischer Forschung. Karten bilden Raum und Zeit nicht einfach ab; sie strukturieren, ordnen und stabilisieren Perspektiven. Postkoloniale Ansätze haben gezeigt, wie kulturelle Differenzen temporalisierend verräumlicht werden und wie kartographische Darstellungen historische Narrative prägen.
Im Workshop geht es uns jedoch weniger um eine allgemeine Kartographie-Kritik als um die konkrete Frage, wie unterschiedliche Raum-Zeit-Logiken im Mapping umgesetzt werden können. Der Workshop fragt daher: Wie lässt sich die unterschiedliche Temporalität von Räumen kartographisch fassen? Und umgekehrt: Wie wird Zeit durch räumliche Ordnungen strukturiert? Wir wollen darüber diskutieren, wie wir damit umgehen können, dass jede Kartierung Sichtbarkeiten und Unsichtbarkeiten erzeugt, Maßstäbe setzt, Grenzen definiert und Zeiträume segmentiert.
Die Beiträge setzen hier an ganz unterschiedlichen Stellen an. Sie beschäftigen sich mit Erinnerungsorten, mit Umwelt- und Konflikträumen, mit urbanen Transformationsprozessen oder mit politischen Grenzräumen. In all diesen Fällen stellt sich die Frage, wie Wandel, Überlagerung und Konflikt darstellbar werden können, ohne Raum zu verfestigen oder Zeit zu linearisieren. Raum erscheint dabei nicht als statischer Container, sondern als historisch gewordene, umkämpfte und sich verändernde Konstellation. Entsprechend geht es auch um unterschiedliche Zeitlichkeiten – um Dauer und Kontinuität ebenso wie um Brüche, Transformationen oder überlagerte Zeitschichten. Mapping kann hier helfen, solche Verschränkungen sichtbar zu machen – und zugleich zu zeigen, wo die Darstellung an ihre Grenzen stößt. Deswegen rückt in unserem Workshop die Praxis des Mappings selbst in den Fokus und die Beiträge versammeln verschiedene Verfahren– von klassischen kartographischen Visualisierungen über digitale, datenbasierte Formate bis hin zu experimentellen Ansätzen wie deep, thick oder fuzzy mapping. Insbesondere stellen wir die Hybrid-Mapping-Methode zur Diskussion, die eine visuelle Synthese heterogener Daten erlaubt und qualitative wie quantitative Zugänge verbindet.
Zur Methode
Die Hybrid-Mapping-Methode ist eine interpretative Analysemethode, die auf der visuellen Synthese heterogener (quantitativer/qualitativer; multimodaler) Daten basiert und interdisziplinäre Wissensformen aus der Designpraxis und der sozialwissenschaftlichen Forschung kombiniert. Die erste Operation erfolgt durch die räumliche Kodierung von qualitativen Interviews und ethnografischen Daten in verschiedenen Einzelzeichnungen, die Raumwissen, Raumhandeln und Raumstrukturen auf relationale Weise integrieren. Darauf folgt ein iterativer und abduktiver Kompositionsprozess, bei dem die einzelnen Zeichnungen zu synthetisierenden Mappings zusammengefügt werden, um die vielfältigen räumlichen Arrangements, die in diesen Zusammenhängen wirken, herauszuarbeiten. Die konzeptionelle Analyse erfolgt sowohl durch das visuelle Herausarbeiten von Kongruenz-, Distanz- und Konfliktpunkten als auch durch die Arbeit an der Legende sowie Anmerkungen im Mapping. Spacetime Mapping ist eine Unterkategorie von Hybrid Mapping, in der (multiple) Räumlichkeiten mit (multiplen) Zeitlichkeiten in Beziehung gesetzt werden. Spacetime Mappings zielen darauf ab, raum-zeitliche Situationen und Strukturen aus ihrer Komplexität heraus zu zeichnen. Sie sind besonders geeignet, um nicht-lineare, nicht-hegemoniale Zeitlichkeiten zu berücksichtigen, wie etwa zirkuläre Zeit, jahreszeitliche Zeit, Deep Time, geologische Zeit, Zeitbrüche usw. Dies kann die Integration von zeitbasierten Medien (wie etwa Video oder Animationen) in die Multimodalität des Hybrid Mapping beinhalten.
Ziel des Workshops
Ausgehend von diesem Verständnis möchten wir ins Gespräch kommen, wie sich unsere visuell-textuellen Methoden des Hybrid Mapping und Spacetime Mapping auf historische Fragestellungen beziehen lassen und welche Anschlussstellen sich dabei eröffnen. Uns interessiert insbesondere, wie sich die raum-zeitlichen Situationen, Strukturen und nicht linearen Zeitlichkeiten, die wir durch Spacetime Mappings herausarbeiten, mit historischen Perspektiven verbinden oder kontrastieren lassen und wie unsere interpretativen Mappingprozesse in diesem Austausch weiter präzisiert werden können. In diesem Sinne verstehen wir Mapping als Analyseinstrument, heuristische Praxis und Gegenstand kritischer Diskussion.
Der Workshop wird gemeinsam von Dr. Eva Maria Gajek (IRS), Dr. Jochen Kibel (TU Berlin) und Dr. Vivien Sommer (IRS/ SFB 1265 Re-Figuration von Räumen) ausgerichtet.