26. Juli | 2021

Ländliche Innovationen: Forschen mit der Praxis

Forschung führt zu Erkenntnissen, die durch Politik- und Gesellschaftsberatung an Praxisakteure vermittelt werden. Oft findet Forschung aber auch direkt mit der Praxis statt, gemeinsam mit Initiativen oder lokalen Organisationen und an konkreten Problemen. Wissenstransfer findet dabei in beide Richtungen statt: Aus der Praxis in die Forschung und umgekehrt. Das IRS forscht in mehreren Projekten praxisnah zu sozial-innovativen Problemlösungen in ländlichen Räumen und praktiziert dabei einen dialogischen Wissenstransfer. Ein Einblick.

Innovative Training Network „RurAction“

In dem vor Kurzem abgeschlossen Innovative Training Network „RurAction“ gingen Forschende aus sieben europäischen Ländern der Frage nach, unter welchen Bedingungen Sozialunternehmen zu der Entfaltung sozialer Innovationen und damit zur Entwicklung ländlicher Regionen beitragen können. Die zehn Early Stage Researchers (ESR) des Netzwerks arbeiteten dabei in klassisch wissenschaftlicher Weise an ihren Promotionsprojekten. Darüber hinaus verbrachten sie jeweils Zeit in Sozialunternehmen im ländlichen Europa: beispielsweise in einer lokalen Entwicklungsagentur in Portugal oder einer Kooperative für Steviaanbau und -vermarktung in Griechenland. So lernten sie die Herausforderungen vor Ort kennen und ergänzten ihre Forschungsarbeit mit einer praxisnahen Qualifizierung. Umgekehrt nahmen die Unternehmen unmittelbar am Entstehen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse teil. Am IRS waren Jamie Baxter und Sune Stoustrup als ESR angesiedelt.

Auf der Basis empirischer Analysen konnte RurAction so eine Forschungslücke an der Schnittstelle zwischen sozialer Innovationsforschung, Sozialunternehmertum und ländlicher Entwicklung schließen. Gleichzeitig wurden auf der Grundlage der Ergebnisse Handlungsempfehlungen für die kommunale, die regionale und subnationale (Länder), die nationale und die transnationale (EU) Ebene abgeleitet. Die wichtigste Erkenntnis, die unter anderem im RurAction Policy Paper „Wie man soziale Innovationen in strukturschwachen ländlichen Räumen befördern kann“ (IRS Dialog 5/2020) festgehalten wurde, lautet, dass soziale Innovationen in ländlichen Räumen in typischen Phasen ablaufen. In diesen Phasen sind sie mit spezifischen Herausforderungen konfrontiert und können entsprechend phasensensibel von der Politik unterstützt werden.

Während das erwähnte Policy Paper sich an politische Entscheidungsverantwortliche richtet, zielt das „Handbuch für Praktiker“ (IRS Dialog 6/2020) auf Sozialunternehmen, denen es helfen soll, ihre Rolle und Strategien in ländlichen Regionen zu reflektieren. Darüber hinaus verfolgen ein von Łukasz Rogowski und Michał Sita produzierter 30-minütiger Dokumentarfilm sowie eine digitale Ausstellung das Ziel, die Potenziale von Sozialunternehmen in ländlichen Räumen noch stärker sichtbar zu machen. Im Rahmen von fünf regionalen Policy Roundtables und einem Policy Roundtable auf der Ebene der EU gab es ferner intensive Diskussionen über mögliche Förderstrategien – auch mit Repräsentant*innen der Generaldirektion Landwirtschaft und ländliche Entwicklung (GD AGRI) sowie der Generaldirektion Regionalpolitik und Stadtentwicklung (GD REGIO) der Europäischen Kommission, die die Projektergebnisse mit sehr großem Interesse aufnahmen.

RurAction (2016-2021) wurde als Marie Skłodowska-Curie Action aus dem EU-Forschungsprogramm Horizon 2020 finanziert und von Gabriela Christmann koordiniert. Es umfasste neun Forschungseinrichtungen und sechs Sozialunternehmen.

Studie und Dialogprozess zu Sozialunternehmen

In einem sehr viel kleineren Vorhaben gab der Beratungsbedarf der Landespolitik den Anstoß zur Forschung und zu einem nun fortlaufenden Dialogprozess. Im Auftrag des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Energie (MWAE) des Landes Brandenburg erarbeitete das IRS im Jahr 2020 eine Übersicht – einschließlich einer Kartierung – über den Stand, die Entwicklungsperspektiven und die Förderbedarfe von Sozialunternehmen im Land. Im Fokus der Studie „Marktorientierte Sozialunternehmen in Brandenburg“ standen Unternehmen, die durch die Positionierung neuartiger Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle Einnahmen generieren und damit eine soziale oder ökologische Agenda verfolgen. Ein Ergebnis der Studie war, dass die Wahrnehmung von Sozialunternehmen als wichtige Gestaltungsakteure im ländlichen Raum noch verbesserbar ist. Die Autorinnen und Autoren empfahlen deshalb unter anderem einen Dialogprozess zwischen Akteuren der Politik und Verwaltung sowie Sozialunternehmen. Dieser Empfehlung kommt das MWAE nun nach, indem es gemeinsam mit Social Impact gGmbH, die ebenfalls an der Erarbeitung der Studie beteiligt war, ab Mai 2021 drei Vertiefungsgespräche mit Sozialunternehmen und Vertreter*innen des Landes Brandenburg ausrichtet. Ralph Richter und Ariane Sept nehmen als Sachverständige an diesen Gesprächen teil. Am Ende des Dialogprozesses soll eine Roadmap mit Maßnahmen zur Verbesserung der Situation von Sozialunternehmen in Brandenburg, unter Berücksichtigung der in der Studie gemachten Handlungsempfehlungen, vorliegen.

Innovationsbündnis „region 4.0“

Weitere Projekte fokussieren sich darauf, das Organisieren von Innovationen zu unterstützen und diese zugleich wissenschaftlich zu fundieren und einzuordnen, so dass Erfahrungen aus Einzelprojekten strategisch weitergedacht und übertragen werden können. Diese Rolle übernimmt das IRS etwa im Innovationsbündnis „region 4.0“. Das Bündnis unterstützt problemzentrierte Innovationen im Barnim und der Uckermark im nordöstlichen Brandenburg sowie im Altkreis Uecker-Randow in Mecklenburg-Vorpommern. Es adressiert die Handlungsfelder Landwirtschaft und Ernährung, Daseinsvorsorge und Infrastrukturen sowie naturnaher Tourismus. Im Innovationsbündnis spielen zivilgesellschaftliche Partizipationsformate in der Region eine wichtige Rolle: Auf einem „Machbarschaftstag“ ging es um die Etablierung von Coworking im ländlichen Raum. Ein „Zukunftstag“ mit Jugendlichen thematisierte Möglichkeiten der Fachkräftesicherung. Und ein deutsch-polnischer „RegioHack“ suchte nach Lösungen für verschiedene Herausforderungen in der deutsch-polnischen Grenzregion zwischen Eberswalde und Szczecin (Stettin) – etwa in den Bereichen Wohnen, Arbeiten und Unternehmertum. Diese Formate wurden aus der Region problemzentriert entwickelt und durch Einbezug von Wissen von außen, etwa von Hochschulen, umgesetzt. Im Anschluss an den Machbarschaftstag wurde tatsächlich ein Coworking Space in Pasewalk gegründet.

Andere Ergebnisse wurden in Ideenwerkstätten weiterentwickelt. Lokale Verantwortliche (z.B. Bürgermeister*innen) brachten ihre Erfahrungen auf einer virtuellen Fokusgruppendiskussion zu Chancen, Erfahrungen und Barrieren von regionalen Innovations- und Entwicklungsprozessen in die Analyse des Innovationsumfelds ein. So wurden erste Lösungsansätze entwickelt und auf Anschlussmöglichkeiten der Ergebnisse hingewiesen. Durch das virtuelle Format der Fokusgruppe wurden Partizipationsbarrieren abgebaut und die Teilhabe erleichtert. Im IRS wird region 4.0 von Peter Ulrich bearbeitet.

Das Projekt wird aus dem WIR!-Programm (Wandel durch Innovation in der Region) des BMBF finanziert und von der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde koordiniert.

Projekt „Open Region“

Das Projekt „Open Region: Regionale Problemlagen als Ausgangspunkte von Innovationen“ untersucht und entwickelt neue Formate des Wissenstransfers von Hochschulen und unterstützt in diesem Zusammenhang problemzentrierte Innovationen in Südbrandenburg. Es hilft dabei, in der Region Gelegenheiten für innovative Lösungen zu erkennen und dabei deren Nutzer*innen in den Mittelpunkt stellen. Damit folgt es der im IRS entwickelten strategischen Konzeption der „Offenen Region“, die in diesem Projekt erstmals systematisch in die Praxis umgesetzt wird. Um bislang ignorierte Innovationsgelegenheiten zu erkennen, wird die Expertise von Bürgerinnen und Bürgern zusammengebracht mit wissenschaftlicher Expertise. „Innovation Salons“ sind ein Veranstaltungsformat, mit dem das Projektteam, bestehend aus Suntje Schmidt und Julia Stadermann, dieses Ziel verfolgt. Innovation Salons generieren keine abschließenden Lösungen. Stattdessen eröffnen sie neue Perspektiven auf Problemlagen und bringen Menschen zusammen, denen nicht bewusst war, dass sie eine gemeinsame Problemwahrnehmung und Lösungskompetenz teilen. Das Format ist in seiner jetzigen Form zweistufig: In einem ersten Salon definieren und konkretisieren die Teilnehmenden gemeinschaftlich die jeweilige Herausforderung oder Problemlage. In einem folgenden Salon im überwiegend gleichen Teilnehmer*innenkreis wird dann externe Sach- und Prozess-Expertise ergänzend einbezogen, um wiederum gemeinschaftlich modellhafte Lösungen zu erarbeiten. So werden nicht nur innovative Lösungsansätze unterstützt, sondern gleichzeitig auch der Wissenstransfer zwischen regionalen Akteuren und den Mitarbeiter*innen von Hochschulen ausgebaut.

Das erste Salon-Tandem fand in der ersten Jahreshälfte 2021 statt. Er adressierte Lösungen für die medizinische Versorgung ländlicher Räume am Beispiel des kommunalen Gesundheitshauses der Kleinstadt Baruth/Mark. Daneben waren vergleichbare Initiativen und Einrichtungen sowie Forschende und Transfermitarbeiter*innen regionaler Hochschulen vertreten. Sie erstellten während des ersten Salontermins eine Herausforderungsanalyse und identifizierten Potenziale zu ihrer Bewältigung. Im zweiten Salontermin bearbeiteten sie drei ausgewählte Potenziale vertieft und entwickelten auf ihrer Basis Projektskizzen: zur Ergänzung des Gesundheitshauses um Mobilitätskonzepte; zur Einbindung digitaler Lösungen in das Gesundheitshauskonzept; und zur Verortung des Gesundheitshauses in neuen Förderkontexten über den Gesundheitsbereich hinaus, beispielsweise Nachhaltigkeit. Darüber hinaus entstanden neue Netzwerke zwischen den beteiligten Einrichtungen. Zwei weitere Innovation Salon-Tandems sind in Planung.

Das Projekt ist Teil des „Innohub13“-Verbunds der Technischen Hochschule Wildau und der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg. Es wird gefördert aus dem BMBF-Programm „Innovative Hochschule“.