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Disruption: Auch eine Frage der Macht
Disruption – dieses Schlagwort ist aus wirtschaftlichen und politischen Debatten kaum noch wegzudenken. Ökonomen, Unternehmer und Politiker*innen verwenden es. Aber was meint dieser Begriff für wen? Hilft er uns, aktuelle und vergangene Ereignisse besser zu verstehen – und uns vielleicht sogar auf die Zukunft vorzubereiten? Antworten darauf suchte die interdisziplinäre Konferenz „Disruptionen in Geschichte und Gegenwart – Gelegenheiten oder Gegebenheiten in Prozessen gesellschaftlicher Transformation?" am 26. und 27. März in Berlin.
Was ist eine Disruption?
Eine Disruption ist mehr als eine Krise. Krisen kommen und gehen, ohne das große Ganze notwendigerweise zu verändern. Disruption hingegen können mit einer Krise beginnen, auf die dann ein Systemwandel folgt: wenn neue Verfahren, Denkweisen oder Herangehensweisen etabliert werden und alte Pfade, die keine Lösungen mehr bieten, verlassen werden. Ob ein Ereignis disruptiv war, lässt sich dabei oft erst im Rückblick sagen.
Nicht für alle gleich
Ein zentrales Ergebnis: Ob eine Disruption vorliegt oder nicht, lässt sich nicht überall gleichermaßen feststellen. Der Blick auf marginalisierte Regionen in Dauerkrisen oder auf benachteiligte Gruppen in Umbruchsituationen zeigt, dass Mechanismen, die anderswo Wandel anstoßen, hier kaum Einfluss auf die Dauerkrise entfalten – trotz vielfältiger und kreativer Strategien zur Krisenbewältigung. Entscheidend ist auch das Zusammenspiel aus Akteur*innen, Macht und Ressourcen. Dieses braucht es, um Krisen in Wandel zu übersetzen. Doch auch in solchen Situationen erleben viele Disruption als etwas, das passiert: ungeplant, unkontrolliert und nicht immer zum Besseren. Manche Akteure setzen Disruption bewusst als politische Strategie ein. Das Motto amerikanischer Tech-Konzerne lautet nicht zufällig: „Move fast and break things!" – schnell handeln, Strukturen aufbrechen, Fakten schaffen.
Wer gestaltet – und wer wird gestaltet?
Wer löst Disruptionen aus, und wer erlebt sie? Wer hat die Handlungsmacht, um Wandel aktiv mitzugestalten? Und wem nützen die Veränderungen, die aus Disruptionen hervorgehen? Die Geschichte zeigt, dass Disruption – ähnlich wie Revolutionen – Krisen mit der Weiterentwicklung von Gesellschaften verbinden kann.
Mit der Konferenz ist das IRS Forschungsprogramm „Disruptionen - kritische Momente sozialräumlichen Wandels" (2022-2025) abgeschlossen. Wir bedanken uns herzlich bei allen Mitwirkenden, dem LeibnizLab „Umbrüche und Transformationen", den Keynote-Speakers, allen Panelist*innen sowie dem Organisationsteam für inspirierende Beiträge und eine produktive, fächerübergreifende Debatte.
