25. August 2020 | Ausgewählte Publikation

Themenheft zu neuen Energieräumen erschienen

Um Wirtschaft und Gesellschaft aus dem Kohlenstoffzeitalter in eine klimafreundliche Zukunft zu führen braucht es mehr als eine Transformation der Energieerzeugung hin zu erneuerbaren Energieträgern. Wie beispielsweise die aktuelle Debatte über einen „Green New Deal“ zeigt, geht es um eine grundlegend neue Art, menschliche Arbeit, Technologie und Investitionskapital produktiv einzusetzen. Geographische Forschung kann zeigen, wie solche Transformationen sich im Raum vollziehen – wie sie geprägt werden von vorhandenen Strukturen und wie auf verschiedenen Ebenen Neues entsteht. In dem neuen Themenheft „New Energy Spaces“ in der Fachzeitschrift „Environment and Planning A: Economy and Space“, das unter maßgeblicher Beteiligung aus dem IRS entstand, wird eine solche Forschungsperspektive entwickelt. Erste Forschungsergebnisse, auch aus dem IRS werden vorgestellt.

Die beiden Guest Editors, Gavin Bridge (Durham University) und Ludger Gailing (IRS) versammeln in dem Themenheft Beiträge, die bei einer Session der Jahreskonferenz der Royal Geographical Society und des Institute of British Geographers (RGS-IBG) 2017 erstmals vorgestellt wurden. Ihr Augenmerk richtet sich darauf, geographische Perspektiven in der Energiewendeforschung zu stärken, genauer gesagt die Perspektive einer Geographical Political Economy. Damit ist eine Forschungsperspektive gemeint, die sich auch, aber nicht nur für Energieinfrastrukturen als physisch-materielle Installationen interessiert, die im Raum verteilt sind. Sie interessiert sich, darauf aufbauend, auch für die ungleichen Machtbeziehungen, die durch Energienetze verkörpert werden, die ungleichen Entwicklungen zwischen verschiedenen Räumen, die sie befördern, und die Rolle, die sie in kapitalistischer Akkumulation spielen – also der zunehmenden Konzentration von Kapital in den Händen weniger Akteure.

Eine solche geographische und kritische Perspektive kann einige Aspekte zeigen, die für das Verständnis einer „Post Carbon“-Transformation wesentlich sind: Alte Strukturen haben ein Beharrungsvermögen – Kohlekraftwerke und stark zentralisierte Energienetze verschwinden nicht einfach. Sie begrenzen die Möglichkeiten und das Tempo des Wandels. Zugleich ersetzt Neues (beispielsweise Windparks oder stärker dezentrale, regionale Versorgungsstrukturen) nicht einfach das Alte. Neues und Altes koexistieren stattdessen und prägen durch ihre Kombination, die für sich genommen ebenfalls neu und einzigartig ist, die unmittelbare Zukunft. Dadurch werden manche Räume bessergestellt, etwa hinsichtlich der wirtschaftlichen Wertschöpfung im Energiesektor, und manche schlechter. Auch ganz neue Energieräume entstehen, weil sich die räumliche Organisation von Energieerzeugung, -versorgung und -konsum wandelt. Dynamiken von Investition und Disinvestment (der Rückzug aus einem Investment) verändern die Art, wie rund um Energieerzeugung und -konsum Profite generiert werden, wie Kapital akkumuliert wird, und welche wirtschaftlichen Player und Geschäftsmodelle als Gewinner aus dem Wandel hervorgehen. Schließlich zeigt sich, dass die neuen Räumlichkeiten des Energiesystems auf konfliktreiche Art ausgehandelt werden: Zwischen Energieunternehmen, lokalen Energiegenossenschaften oder größeren Städten, die nach mehr Unabhängigkeit und demokratischer Kontrolle in der Energieversorgung streben, bestehen beispielsweise mitunter massive Interessenkonflikte, und diese werden auch über die räumlichen Skalierungen des Energiesystems ausgetragen.

Zwei der vier Beiträge des Themenhefts basieren auf IRS-Forschung. Sören Becker (Universität Bonn und Alumnus des IRS), James Angel (King’s College London) und Matthias Naumann (TU Dresden und ebenfalls Alumnus des IRS) widmen sich in ihrem Artikel “Energy democracy as the right to the city: Urban energy struggles in Berlin and London” der Frage, wie sich alternative Energiezukünfte in den beiden Metropolen darstellen. In beiden ringen Initiativen – der „Berliner Energietisch“ und „Switched on London“ – um eine Demokratisierung der Energieversorgung.

Ludger Gailing, Kristine Kern, Andreas Röhring (alle IRS) und Andrea Bues (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Alumna des IRS) zeichnen in ihrem Artikel „Socio-spatial dimensions in energy transitions: Applying the TPSN framework to case studies in Germany“ die räumlichen Dimsionen der deutschen Energiewende nach. Sie beziehen sich dabei auf den in der Geographie zunehmend populären TPSN-Ansatz (die Abkürzung steht für Territory, Place, Scale, Network, für eine Erklärung siehe hier). Sie zeigen, dass die Energiewende sich nicht nur in allen vier Dimensionen abspielt, sondern dass Akteure, etwa Energieunternehmen oder lokale Initiativen, Strategien verfolgen um diese Dimensionen aktiv zu gestalten, also Territorialisierung, Place-Making, Scaling und Networking betreiben, um die Energiewende in ihrem Sinn zu prägen. Die dabei mobilisierten oder herausgeforderten Machtbeziehungen finden sich in der Theorie bislang nicht wieder. Wieder einmal zeigt sich also, dass die Frage der Macht in der Forschung zu Energie-Transformationen mehr Aufmerksamkeit verdient.

Kontakt und Hintergrund

Forschungsschwerpunkte
Forschungsgruppen

Zum Weiterlesen