Prozesse und Strategien für neue Energieräume

Kennzeichnend für die raumbezogene Sozialforschung am IRS ist das Zusammendenken von räumlichen und gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen. Daraus folgt unter anderem, dass der Raum konsequent aus einer Prozessperspektive erforscht und somit die Interaktion zwischen der räumlichen und der zeitlichen Dimension systematisch analysiert wird. Ein Beispiel dafür sind die Arbeiten der Forschungsabteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“: Die Wissenschaftler/-innen untersuchen regionale Energiewenden als sozioräumliche Prozesse, die Raumnutzungen verändern und dadurch die Grundlage für die Veränderung bestehender und die Herausbildung neuer Energieräume sind. Dafür wenden sie den TPSN-Ansatz (Territory, Place, Scale, Network) erstmals auf das Themenfeld der Energieforschung an und prüfen kritisch, inwieweit dieser als theoretisch-konzeptionelle Grundlage für die empirische Arbeit im Projekt „Neue Energieräume: Dimensionen sozioräumlicher Beziehungen in regionalen Energiewenden“ nutzbar ist.

Räumliche Veränderungen durch die Energiewende sind auch für den Laien offensichtlich: An die Stelle weniger Großkraftwerke zur Erzeugung von Strom und Wärme treten dezentrale Strukturen der Energieerzeugung wie Windräder, Biogas- oder Photovoltaikanlagen. Zudem ist für die Verteilung der erzeugten Energie auch ein Umbau der Netze nötig geworden, die Debatten um neue Stromtrassen – im Großen wie im Kleinen – machen es deutlich. Die Raumwirksamkeit der Energiewende geht aber über die physisch-materiellen Veränderungen weit hinaus: Es bilden sich neue energiepolitische und energiewirtschaftliche Handlungsräume, etwa Bioenergieregionen, Regionalwerke oder lokale Projektinitiativen zur Energiewende. Darüber hinaus wandeln sich die Beziehungen von Energiepolitik und -wirtschaft im Mehrebenensystem, etwa wenn mit Kommunen, Landkreisen oder Bundesländern andere politische Ebenen als der Nationalstaat entscheidenden Einfluss auf die Regulierung und Umsetzung der Energiewende gewinnen.

Um diese vielschichtigen raumwirksamen Prozesse beforschen zu können, haben die Wissenschaftler/-innen der Forschungsabteilung den sogenannten TPSN-Ansatz aufgegriffen und testen diesen in vier Fallstudien auf seine Anwendbarkeit für den Prozess der Energiewende. Der TPSN-Ansatz wurde vom britischen Ökonomen, Soziologen und Politikwissenschaftler Bob Jessop mit einigen Kolleg/-innen 2008 veröffentlicht. TPSN setzt sich zusammen aus den Begriffen „Territory“, „Place“, „Scale“ und „Network“. Dahinter verbirgt sich die Konzeption von Räumen als plurale Konstrukte von Territorialität, Ortsbezug, Skalarität und Netzwerken. Mit Territorialität („territory“) ist die Entstehung und Entwicklung von politisch-administrativ begrenzten Räumen wie etwa Bioenergieregionen gemeint, während der Ortsbezug („place“) auf die Einbettung von menschlichen Handlungen und Interaktionen in einen ganz konkreten Raum abstellt. Skalarität („scale“) verweist auf die unterschiedlichen Maßstabsebenen von Handlungen. Netzwerke(„network“) verweisen auf die Verbindungen von Akteuren sowie materiellen Objekten. 

Diese vier Dimensionen der Raumentwicklung werden im TPSN-Ansatz als gleichwertig behandelt und im Hinblick auf den jeweiligen Gegenstand der Analysen auf die vielschichtigen Wechselwirkungen geschaut. Angewandt auf den Prozess der Energiewende bedeutet dies beispielweise, dass ein Energieraum zugleich dadurch charakterisiert ist, welche physisch-materiellen Eigenschaften er hat, durch welche politischen Handlungsräume er geprägt ist, welche Netzwerkbeziehungen beteiligte Akteure etwa zu europäischen Initiativen wie Energy Cities haben und welche Anreizsysteme und Regulierungsstrukturen von anderen Raumeinheiten, beispielsweise dem Nationalstaat, wirksam werden.

In den vier Fallstudien des Projekts – zur Transformation traditioneller Energieräume (wie Braunkohlerevieren), zu regionalen Handlungsräumen der Energiewende (wie Bioenergieregionen), zu lokalen Experimentierräumen in Großstädten und zu Windkraftkonflikten – hat sich der TPSN-Ansatz als geeignet erwiesen, resümiert der Projektleiter Dr. Ludger Gailing. Zugleich seien aber auch konzeptionelle Lücken deutlich geworden, die für die Wissenschaftler/-innen Anlass für eine Adaption des TSPN-Ansatzes waren. So stellte sich gerade im Hinblick auf die Prozessperspektive auf den Raum der TPSN-Ansatz als eher statische Konzeptualisierung dar, die in zu geringem Maße die starke Veränderungsdynamik von Orten, Regionen und Akteuren sowie deren Beziehungen abbildet. Um die Dynamik der Raumwirksamkeit der Energiewende umfassend analysierbar zu machen sei es unabdingbar, den Wandel der Wechselbeziehungen der TPSN-Dimensionen Territorialität, Ortsbezug, Skalarität und Netzwerke in den Fokus zu rücken, so Gailing. Das Konzept müsse daher um eine „pathway“- oder „change“-Perspektive erweitert werden. Dies knüpft daran an, dass es in TPSN-basierten Analysen nur bedingt um Eigenschaften von Räumen, sondern vielmehr um raumbezogene Strategien von individuellen oder kollektiven Akteuren geht. 

Im Analyserahmen des Leitprojektes stehen aus diesem Grund die Begriffe „place-making“, „territorialization“, „scaling“ and „networking“ – die das Handeln von Akteuren in den Mittelpunkt rücken – anstelle der statischen Begriffe „place“, „territory“, „scale“ und „network“ im Mittelpunkt. In der empirischen Arbeit hat sich gezeigt, dass sich vor allem die „place-making“-Strategien unterschiedlicher Akteure als besonders prägend für die Energiewende herausgestellt haben. Wenn ein konkretes Energieprojekt an einem Ort umgesetzt wird, prägt es in materieller und visueller Hinsicht die Landschaft und die sich ergebenden Diskurse. Dabei spielen oft­-

mals auch „place-protecting“-Strategien eine Rolle, wenn beispielsweise Gegner von Energieprojekten Landschaftsbilder, die aus ihrer Sicht schützenswert sind, oder Raumausstattungen thematisieren. Umgekehrt gelingt es, die Energiewende „örtlich“ einzubetten, wenn die lokale Teilhabe an den wirtschaftlichen Erlösen erhöht wird oder wenn sie mit Kunstprojekten verbunden wird. Prozesse der Territorialisierung, Skalierung und des Netzwerkens unterstützen diese place-making-Strategien der Akteure, etwa indem neue regionale Handlungsräume geschaffen werden, innovative Vorhaben eine Verbreitung über Maßstabsebenen hinweg erfahren oder sich neue Akteursnetzwerke etablieren.

Auf der Tagung der Royal Geographic Society 2017 in London haben die Wissenschaftler/-innen der Forschungsabteilung gemeinsam mit Kolleg/-innen der britischen Durham University eine Doppelsession zu neuen Energieräumen durchgeführt. Dabei haben sie ihre Erweiterungen des TPSN-Ansatzes zur Diskussion gestellt, die auf die Integration einer raumzeitlichen Dynamik abzielen. Es kristallisierte sich heraus, dass einige der empirischen Beobachtungen und der daraus abgeleiteten konzeptionellen Gedanken auf große Resonanz stoßen. Dies gilt beispielsweise für den Befund, dass den vier Dimensionen des TPSN-Ansatzes als Strategien zu verschiedenen Zeitpunkten in der Energiewende unterschiedlich hohe Bedeutungen zukommen. Die vier Fallstudien des Leitprojekts zeigen hierbei ganz individuelle Muster der Raumkonstruktion. Zum Beispiel gehen lokale Experimente in frühen Stadien der Energiewende oft von sehr ortsgebundenen Aspekten aus, etwa den lokalen Bedingungen wie der Verfügbarkeit von geeigneten Flächen für die Installation von Windkraft- oder Solaranlagen. Im weiteren Verlauf werden dann scaling- und networking-Strategien wichtig, die über territoriale Grenzen hinweg reichen. Eine solche Strategie kann beispielsweise die Vernetzung von Klimaschutzmanagern über Landes- und Staatsgrenzen hinaus sein. Es geht bei der Energiewende demnach nicht nur um die technische Frage, wo Energie produziert wird, sondern auch darum, wie soziale Prozesse und materielle Veränderungen in sozio-räumliche Strategien eingebettet werden.