16. November | 2020

Wie man soziale Innovationen in strukturschwachen ländlichen Räumen befördern kann

| Oktober 2020

In vielen strukturschwachen ländlichen Regionen Europas hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt. Zwar sind die konkreten wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in den einzelnen Regionen Europas oft sehr unterschiedlich (Hennebry 2018; Chatzichristos/Nagopoulos 2020; Willett/Lang 2018); dennoch zeigt sich tendenziell dasselbe Muster: Im Vergleich zu Städten sind die Bedingungen für das alltägliche Leben in strukturschwachen ländlichen Gebieten aufgrund einer geringeren wirtschaftlichen Produktivität, geringer Berufsperspektiven und einer sich verschlechternden infrastrukturellen Ausstattung (z.B. in der Daseinsvorsorge) eher ungünstig. Dies hat dazu geführt, dass immer mehr Landbewohnerinnen und -bewohner in die Städte abwanderten. Insbesondere jüngere, gut ausgebildete Personen haben ländlichen Regionen den Rücken gekehrt. Eine Folge davon ist, dass die dort benötigten Arbeits- bzw. Fachkräfte fehlen und sich die wirtschaftlichen Chancen der Regionen weiter verschlechtern (Müller/Siedentop 2003; Manthorpe/Livsey 2009; Weber 2012). Dies macht es oft schwer, die Abwärtsspirale zu durchbrechen bzw. umzukehren.

Obwohl viele Landbewohnerinnen und -bewohner das Landleben schätzen und Vorteile des Landes im Vergleich zur Stadt sehen (z.B. die Nähe zur Natur; bessere Wohnbedingungen: oft eigenes Haus mit Garten; mehr Ruhe), beklagen sie doch den Abbau von Infrastrukturen. Das Verschwinden des Kaufladens, der Bäckerei, der Arztpraxis, der Dorfkneipe oder der Poststelle – und damit auch der Kommunikationsorte – wird als eine einschneidende Veränderung im Lebensalltag empfunden. Geklagt wird auch darüber, dass in den Landgemeinden und Dörfern nicht mehr so kommuniziert wird, wie es früher einmal war (Christmann 2019).

Angesichts dieser Herausforderungen sind Akteure auf dem Land mancherorts aktiv geworden und haben die Dinge selbst in die Hand genommen, um ihre Situation zu verbessern (Christmann 2017, 2019). Einige haben sogar kleine Unternehmen gegründet und für sich und andere Arbeitsplätze und eine wirtschaftliche Grundlage geschaffen. Vielfach zeigt sich, dass die Akteure bei der Lösungssuche ausgetretene Pfade verlassen und neuartige Ansätze entwickeln, die von bisherigen Lösungsmustern abweichen. Teilweise haben die Akteure Unterstützung durch Mitstreiterinnen und Mitstreiter gefunden, die sich zum Ziel gesetzt haben, innovative Lösungsansätze gezielt voranzubringen, und die darin erprobt sind, kreative Prozesse und Bottom-up Initiativen, aber auch Unternehmensgründungen professionell zu unterstützen. Die Rede ist von Sozialunternehmerinnen und Sozialunternehmern. Auch wenn es keine einheitliche Definition für diesen Begriff gibt, weil sehr unterschiedliche Typen von Sozialunternehmen existieren, können Sozialunternehmer als visionäre Akteure mit einer ausgeprägten Handlungsorientierung bezeichnet werden, die mit unternehmerischen Mitteln und Know-how sozial-innovative Ansätze entwickeln und implementieren oder andere dabei unterstützen (Christmann 2011; Pestoff/Hulgård 2015).

Faktisch lassen sich europaweit zahlreiche innovative Initiativen auf dem Land beobachten (Olmedo/van Twuijver/O’Shaughnessy 2019), die von Landbewohner/-innen, Sozialunternehmer/-innen oder von beiden gemeinsam vorangetrieben werden und hier als soziale Innovationen bezeichnet werden. Sozialen Innovationen schreibt man Potenziale zu, den vielfältigen Herausforderungen unserer Gesellschaften zu begegnen. Seit geraumer Zeit setzen auch politische Entscheidungsträger Hoffnungen in soziale Innovationen. Die Europäische Kommission hat sich schon früh zum Ziel gesetzt, das „Empowerment“ von Menschen und die Entwicklung von sozialen Innovationen zu befördern (Bureau of European Policy Advisers 2010; vgl. auch Jenson/Harrison 2013, Christmann 2020). Allerdings gibt es immer noch viele Fragen in Bezug darauf, unter welchen Bedingungen soziale Innovationen gerade in ländlichen Räumen entstehen, wie sich ihre Potenziale konkret entfalten lassen und welche Förderstrategien dafür hilfreich sein können.

Grundlage für das Policy Paper bilden empirische Forschungen, in denen wir diesen Fragen nachgegangen sind. Durch die Analyse von innovativen Initiativen auf dem Land wurde rekonstruiert, unter welchen Bedingungen und in welchen Akteurskonstellationen sie entstehen. Gefragt wurde auch, in welchen Phasen sich der Prozess der Innovation vollzieht. Es konnten kritische Momente identifiziert werden, die eine Bedrohung für den weiteren Verlauf darstellten, wie auch begünstigende Faktoren. Am Beispiel von gescheiterten Initiativen konnte ergründet werden, was ungünstige Bedingungen bzw. unüberwindbare Hürden für eine innovative Initiative sind.

Der Blick war zum einen auf innovative Initiativen gerichtet, die allein von Landbewohner/-innen in unterschiedlichen Akteurskonstellationen vorangebracht wurden. Untersucht wurde zum anderen, wie Sozialunternehmen – zusammen mit Landbewohner/-innen – neuartige Lösungen entwickeln. Es zeigte sich, dass auch Sozialunternehmen unterstützende Faktoren für ihre Arbeit brauchen, obwohl sie erfahren sind und professionell arbeiten.

Im Folgenden wird zunächst reflektiert, was man unter sozialen Innovationen auf dem Land verstehen kann. Außerdem werden Phasen des Innovationsprozesses unterschieden. Entlang der Phasen von Innovationsprozessen werden sodann zentrale Erkenntnisse unserer Forschungen zu bedeutenden Faktoren für die Innovationsarbeit zusammengefasst. In diesem Zusammenhang werden jeweils Schlussfolgerungen aus den Erkenntnissen gezogen und Handlungsempfehlungen für die politische Gestaltung bzw. für Förderoptionen im Kontext von sozialen Innovationen auf dem Land abgeleitet. Vier politische Ebenen sollen dabei jeweils in den Blick genommen werden: die lokale/regionale Ebene, die Länderebene (für föderale Systeme), die nationale Ebene und die Ebene der Europäischen Union.

Es sollt erwähnt werden, dass eine Vorabversion dieses Policy Briefs eingehend im Rahmen von Policy Roundtables diskutiert wurde, die zwischen Juni und September 2020 in Form von Webinaren stattgefunden haben. Zentrale Aspekte des Policy Briefs wurden dort vor dem Hintergrund spezifischer Rahmenbedingungen in Deutschland, Portugal, Griechenland, Österreich und Irland betrachtet. Ferner wurde ein Policy Roundtable mit einem Schwerpunkt auf der Ebene der Europäischen Union organisiert. Die Ergebnisse dieser Diskussionen sind im Anhang aufgeführt.

Aus dem Inhalt

  • Einleitung: Herausforderungen in strukturschwachen ländlichen Regionen Europas
  • Soziale Innovationen auf dem Land
  • Phasen des Innovationsprozesses
  • Erfolgsfaktoren für soziale Innovationen in ländlichen Räume
    • Innovationsarbeit durch Landbewohner/-innen
      • Latenz- und Problematisierungsphase
      • Entstehungsphase: Planung und Realisierung
      • Justierungsphase
      • Stabilisierungs- und Ausbreitungsphase
    • Innovationsarbeit von Sozialunternehmen
  • Fazit: Förderung entlang von Innovationsprozessen vornehmen
  • Literatur
  • Anhang: Diskussionen zum Policy Paper