26. Juli | 2021

Neues Forschungsprojekt von IRS und neuland21: Wie digital ist das ländliche Ehrenamt?

Nicht erst seit der COVID-19-Pandemie, aber durch sie noch einmal verstärkt, gilt Digitalisierung als zentraler Entwicklungsfaktor für ländliche Räume. Die ländliche Zivilgesellschaft und ihr ehrenamtliches Engagement rücken dabei zunehmend in den Fokus: Sie sind auf digitales Handwerkszeug angewiesen. Doch es gibt kaum Daten darüber, wie stark ehrenamtliches Engagement auf dem Land bereits digitalisiert ist. In diese Lücke stößt ein neues Projekt des IRS in Kooperation mit neuland21 vor.

Seit 2015 erforscht die Abteilung „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“, wie soziale Innovationen in ländlichen Räumen vorangetrieben werden, welche Probleme sie lösen und wie sie politisch unterstützt werden können. Das Leitprojekt „Smart Villagers“ nimmt konkret in den Blick, wie Digitalisierungsschritte und soziale Innovationen zusammen­spielen (siehe auch IRS aktuell 94, S. 15: „Digitale Lösungen für periphere Dörfer“, Download im Kasten „Zum Weiterlesen“). Über alle betrachteten Fälle hinweg zeigt sich, dass soziale Innovationen und Digitalisierungsprojekte in ländlichen Regionen oft bottom-up im Bereich des Ehrenamtes passieren oder ehrenamtlich vorangetrieben werden. Häufig sind diese digital unterstützten sozial-innovativen Initiativen politisch gewollt und durch öffentliche Gelder gefördert.

In den letzten Jahren mehren sich Kampagnen, mit denen eine Digitalisierung des Ehrenamts gezielt unterstützt werden soll. Im Zuge der COVID-19-Pandemie wurde der Bedarf an digitalen Tools und damit einhergehendem Wissen besonders deutlich. Gleichzeitig scheint aber die Kampagnen- und Förderpraxis zur Digitalisierung des Engagements in ländlichen Räumen einer Bestandsaufnahme derselben vorauszueilen: systematische Erkenntnisse zur Nutzung digitaler Werkzeuge und Praktiken im Ehrenamt in Deutschland liegen bislang kaum vor. Sowohl in der Praxis als auch in der Wissenschaft fehlt bislang eine differenzierte und evidenzbasierte Betrachtung ländlicher Räume beim Thema Digitalisierung des Ehrenamts. Die Forschung hierzu steckt noch in den Kinderschuhen.

Die Forschungsabteilung begann deshalb im Mai 2021 unter Leitung von Ariane Sept und gemeinsam mit dem Think and Do Tank neuland21 mit der Arbeit am neuen Forschungsprojekt „Zwischen Appstore und Vereinsregister – Ländliches Ehrenamt auf dem Weg ins digitale Zeitalter“, kurz „AppVeL“. Das Projekt soll ein aktuelles Bild des Einsatzes von und Umgangs mit digitalen Technologien im Ehrenamt in Deutschland mit Fokus auf die ländlichen Räume schaffen – differenziert nach Raumtypen, Organisationsprofilen und Altersstruktur der Engagierten. Darauf aufbauend soll das Projektteam eine fundierte Einschätzung zu den Chancen und Risiken des Technologieeinsatzes im ländlichen Ehrenamt treffen. Denn die Vorteile der Digitalisierung für das Ehrenamt insbesondere im ländlichen Raum in Politik und Zivilgesellschaft werden – nicht zuletzt vor dem Hintergrund verstärkter Digitalisierungsdebatten im Zuge der COVID-19-Pandemie –zwar immer wieder hervorgehoben, jedoch gibt es bislang kaum systematisches Wissen über die tatsächliche Verbreitung digitaler Technologien im ländlichen Ehrenamt. Dazu gehören etwa digitale Kommunikationsmittel und Projektmanagement-Tools, soziale Medien oder Apps.

Das Projekt untersucht mit Hilfe einer Online-Befragung ehrenamtlicher Organisationen sowie Experten- und Vertiefungsinterviews in welchem Umfang und in welcher Art und Weise die Digitalisierung in die ehrenamtliche Arbeit Einzug gehalten hat, ob und inwiefern sich raumbezogene, organisationsbezogene oder andere Unterschiede in der Verbreitung und Nutzung digitaler Technologien feststellen lassen, welche Chancen und Risiken digitale Technologien für die weitere Entwicklung des ländlichen Ehrenamts bieten, welche Unterstützungsbedarfe im Kontext der Digitalisierung des Ehrenamts bestehen sowie welche Rolle das zivilgesellschaftlich getragene Engagement für die Digitalisierung im ländlichen Raum spielt.

Vor dem Hintergrund der Befunde, dass ländliche Entwicklung besonders häufig ehrenamtlich vorangetrieben wird, ist die Beantwortung dieser Fragen auch für eine innovative und gemeinwohlorientierte ländliche Entwicklung mit Blick auf die Stärkung gleichwertiger Lebensverhältnisse von Bedeutung.

Erste Untersuchungen lassen den Digitalisierungsgrad und auch die Erfahrungen im Umgang mit digitalen Anwendungen je nach Raumtyp, Organisationsprofil und Altersstruktur als höchst unterschiedlich erscheinen. Auch von Hürden in der Nutzung digitaler Technologien aufgrund unzureichender technischer Kenntnisse wird nach wie vor berichtet. Die aktuellen Einschränkungen von persönlichen Treffen und Versammlungen haben der gesamten Thematik zuletzt eine neue Dynamik verliehen und sowohl Vor- als auch Nachteile zahlreicher digitaler Anwendungen, die in der Krise verstärkte Nutzung erfahren haben, deutlich werden lassen. Dorfvereine oder Gemeindevertretungen haben zwar inzwischen häufig positive Erfahrungen mit digitalen Treffen gemacht, die Ausstattung mit technischen Endgeräten für alle Beteiligten erfolgt dabei aber oft über persönliche Netzwerke oder informelle Leihstrukturen. Außerdem zeigte sich beispielsweise, dass der oft vorhandene Bedarf an Unterstützung und Schulung den persönlichen Kontakt braucht.

In der Praxis des ehrenamtlichen Engagements gewann das Thema Digitalisierung auch schon vor der COVID-19-Pandemie an Bedeutung. Im Fokus des Dritten Engagementberichts des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), welcher 2018 beauftragt und 2020 vorgelegt wurde, stand von Beginn an „Junges Engagement im digitalen Zeitalter“. In dem Bericht auf S. 24 heißt es, es ließen sich allgemein „zwei unterschiedliche Herangehens- und Umgangsweisen mit der Digitalisierung im Engagementsektor erkennen: Ein Teil der Organisationen nimmt die Digitalisierung als eine schwer greifbare Herausforderung wahr, ein anderer Teil setzt die Potenziale einer gemeinwohlorientierten Digitalisierung bereits aktiv um“.

Der Bericht beschreibt mit Blick auf Digitalisierung fünf Typen von Engagement-Organisationen: die aktiv Vor­-denkenden, die tatkräftig Vermittelnden, die ressourcenstark Gestaltenden, die pragmatisch Nutzenden und die zurückhaltend Skeptischen. Dabei seien die zurückhaltend Skeptischen vor allem Vereine, welche „in der Regel auf regionaler Ebene arbeiten“. Man kann davon ausgehen, dass es sich hierbei in nicht unerheblichen Teilen um Vereine in ländlichen Räumen handelt.

Aktuelle Initiativen zivilgesellschaftlicher Akteure setzen sich ebenfalls verstärkt mit den Potenzialen der Digitalisierung für ehrenamtliches Engagement auseinander. Genannt seien beispielsweise das vom Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement im November 2019 begonnene „Forum Digitalisierung und Engagement“, die Caritas-Kampagne 2019 „Sozial braucht digital“ oder die Förderkampagne „digital.engagiert“ des Stifterverbandes.
Erste Förderprogramme der im März 2020 gegründeten Deutschen Stiftung für Ehrenamt und Engagement lassen ebenfalls erkennen, dass diese die Förderung von Online-Angeboten und digitalen Infrastrukturen als essenziell für die Arbeit von ehrenamtlichen Institutionen im Allgemeinen und in ländlichen Räumen im Besonderen ansieht und sie entsprechend stärken will. Auch plant die Stiftung Bildungsangebote für Engagierte zur Digitalisierung im Ehrenamt zu entwickeln, wobei noch unklar ist, welche konkreten Bedarfe hierbei bedient werden sollen.

Im Forschungsprojekt AppVeL kooperiert das IRS eng mit neuland21. Dabei werden gezielt die unterschiedlichen Kompetenzen und Netzwerke der beiden Partnerorganisationen gebündelt: Während die Projektbeteiligten am IRS vor allem in die wissenschaftlich akademische Gemeinschaft kommunizieren, spricht neuland21 insbesondere die Praxisgemeinschaft an und wird aus dem Projekt heraus auch praxisnahe Bildungsmaterialien erstellen.

AppVel wird vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) aus dem Bundesprogramm Ländliche Entwicklung (BULE) gefördert. Es in eine Gemeinschaft von elf BULE-geförderten Forschungsprojekten, die in ganz Deutschland zum Themenfeld „Ehrenamtliches Engagement in ländlichen Räumen“ forschen.

Kontakt

Stellvertretende Abteilungsleiterin
Wissenschaftler

Peter Ulrich ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsabteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“. Seit September 2019 forscht er am IRS im Rahmen verschiedener drittmittelbasierter Forschungsprojekte. Bis Ende 2020 war Peter Ulrich im Projektbündnis „region4.0“ forschend tätig, das aus dem BMBF-Programm „WIR! – Wandel durch Innovation in der Region“ gefördert wird. In der Arbeit des Regionalbündnisses war er für das Teilvorhaben „Innovationsumfeld und Governance“ zuständig. Seit Oktober 2020 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Verbundprojekt "Energiewende im sozialen Raum (ESRa)" (finanziert vom BMWi). 

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Wissenschaftlerin

Julia Stadermann arbeitet seit Februar 2018 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Open Region: Regionale Problemlagen als Ausgangspunkte von Innovationen“ der Forschungsabteilung „Dynamiken von Wirtschaftsräumen“. 

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