Drittmittelprojekt

Auto(im)mobile Infrastrukturen in der Bundesrepublik und Westeuropa in der Great Acceleration

Forschungsschwerpunkt: Zeitgeschichte und Archiv

Projektleitung im IRS: Prof. Dr. Kerstin Brückweh

Projektteam: Jonas Bleckmann

Verbundpartner: Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (Koordination) Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung Technische Universität Berlin Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Förderorganisation: Leibniz-Gemeinschaft

Laufzeit: 04/2026 - 12/2028

Mit der Massenmotorisierung seit Mitte des 20. Jahrhunderts setzte ein tiefgreifender gesellschaftlicher und räumlicher Wandel ein. Im Zuge dieses als „Great Acceleration“ bezeichneten Phänomens zwischen 1950 und 2000 wurden Produktion, Verkehrsströme und Warenzirkulation in bislang unbekanntem Maße beschleunigt, verdichtet und vernetzt. Das Automobil entwickelte sich zu einem zentralen Träger dieser Transformation. Die hierfür geschaffenen Automobilinfrastrukturen – etwa Umgehungsstraßen, Tankstellen, Parkplätze und Brücken – bildeten das immobile Rückgrat eines Systems automobiler Fortbewegung und Logistik, das bis in die Gegenwart fortwirkt. Es prägte nicht nur logistische und individuelle Bewegungsmuster und Formen gesellschaftlicher Interaktion, sondern formte Städte und Landschaften materiell, etwa durch Flächenversiegelung, Schneisen oder Eingriffe in Raumstrukturen und Nachbarschaften.

Im Forschungsprojekt wird in vier Teilprojekten die Geschichte dieser infrastrukturellen Grundlagen im System der energieintensiven Automobilgesellschaften untersucht. Vor dem Hintergrund anhaltender Debatten zur Mobilitätswende fokussieren die Teilprojekte insbesondere auf das historische Wechselverhältnis von materieller Infrastruktur, ökologischen Gesichtspunkten sowie lebensweltlicher Einbindung.

Gefördert durch die Leibniz-Gemeinschaft in der Förderlinie „Kooperative Exzellenz“ wird das Vorhaben ab 2026 unter Federführung des Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) und im weiteren Verbund mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) sowie der Technischen Universität Berlin und dem IRS bearbeitet. Drei Teilprojekte, zur Geschichte von Umgehungsstraßen, Tankstellen und Parkplätzen, sind am ZZF angesiedelt und werden unter der Projektleitung von Prof. Dr. Rüdiger Graf sowie Prof. Dr. Christopher Neumaier betreut.

Das am IRS angesiedelte Teilprojekt unter der Leitung von Prof. Dr. Kerstin Brückweh untersucht Brücken an der Schnittstelle von Mobilität, Logistik und Raumproduktion. Ausgehend von den Hamburger Elbbrücken, die neben der logistischen Einbindung des Hafens automobile Fortbewegung gewährleisteten, werden sie nicht allein als technische Bauwerke verstanden. Als infrastrukturelle Knotenpunkte bündeln sich an ihnen überregionale Verflechtungen, Handelsbeziehungen, Wirtschafts- und Individualverkehr sowie Dynamiken lokaler Raumproduktion. Dabei wird erforscht, inwiefern Brücken im Kontext übergeordneter Verkehrs- und Handelspolitiken stehen, den Raum formen und damit zum Bezugspunkt sozialer Konflikte sowie ökologischer Proteste wurden. Im Fokus stehen sowohl die politischen und ökonomischen Zielsetzungen ihres Ausbaus in den 1960er und 1970er Jahren, der damit im Zusammenhang stehende globale und lokale Strukturwandel von Logistik und Handel als auch die sozialen und kulturellen sowie räumlichen und ökologischen Auswirkungen auf die Elbinsel. Auf diese Weise werden Brücken als emblematischer Ausdruck einer Automobilmoderne analysiert, die Vernetzung und Prosperität versprach, zugleich jedoch Abhängigkeiten, ökologische Belastungen und soziale Konflikte hervorbrachte.