Urbane Visionen

No 83 | Juni 2015

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat das Wissenschaftsjahr mit dem Thema „Zukunftsstadt“ ausgerufen. Über die kontinuierlichen Prozesse des Wandels hinaus sollen Wissenschaft und Praxis dazu angeregt werden, Ideen und Visionen für zukunftsfähige Städte zu entwickeln. Die Städte müssen, so der Subtext, bis zu einem gewissen Punkt neu gedacht und erfunden werden, um den vielfältigen Herausforderungen gerecht zu werden. Die zweite Ausgabe von IRS aktuell, die im Kontext des Wissenschaftsjahres steht, gibt Einblicke in IRS-Forschungen zu Zukunftsvisionen für Städte und versucht eine Antwort auf die Frage zu geben, wie smart, post-fossil, resilient, nachhaltig oder bürgernah die Städte werden müssen – oder vielleicht schon sind.

In Deutschland, aber auch in Europa und anderen Teilen der Welt, haben Visionen für die Zukunftsfähigkeit kleiner und großer Städte Hochkonjunktur. Insbesondere im Kielwasser der Herausforderungen durch den Klimawandel und den Umbau der Energieversorgung haben hunderte Städte Konzepte und Leitbilder entwickelt. Der Singular „Zukunftsstadt“ kann daher als kühner Schritt in Richtung einer einzigen, konsistenten Vision interpretiert werden. Realistischer ist es jedoch, den Begriff als einen Versuch anzusehen, aus vielen Idealen, Strömungen, Paradigmen und politischen Normen ein Puzzle zusammenzusetzen, das – in verschiedenen Kontexten jeweils unterschiedlich adaptiert – ein Wegweiser zur Bewältigung der Herausforderungen sein kann.

Die wirkmächtigste Vision ist sicher die der ökologisch nachhaltigen Stadt, die mehr Energie produziert als sie verbraucht. Aber auch die resiliente Stadt, die unempfindlich gegenüber Stress und Schocks ist oder die Stadt, in der strategische Infrastrukturen rekommunalisiert werden, sind aktuell präsent in der öffentlichen sowie in der wissenschaftlichen Debatte. „Das IRS mit seiner interdisziplinären, sozialwissenschaftlichen Forschungsagenda liefert einen fundierten Beitrag zur Erforschung dieser Leitbilder“, sagt Dr. Timothy Moss, Leiter der Forschungsabteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“. In mehreren Forschungsprojekten analysieren IRS-Forscher beispielsweise den Übergang zu einem post-fossilen Wirtschaftsmodell für Städte in Europa oder den Umbau städtischer Energieinfrastrukturen. Im Resilienzdiskurs erweist sich die sozialkonstruktivistische Perspektive der IRS-Forschung als besonders nützlich. Der Prozess der Wahrnehmung und Priorisierung von Bedrohungen steht dabei im Mittelpunkt. Auf diese Weise können auch die blinden Flecken, die in solchen Konstruktionsprozessen immer entstehen, adressiert werden.

„Es gibt im Diskurs um die resiliente Stadt einen Automatismus, in Bezug auf die Zukunft immer an etwas Neues zu denken“, sagt Prof. Dr. Oliver Ibert, Leiter der Forschungsabteilung „Dynamiken von Wirtschaftsräumen“. „Eine Stadt resilient zu machen sollte aber häufiger bedeuten, zu schauen, was bewahrenswert ist, und eine beständige Weiterentwicklung zu ermöglichen.“ Diesen Befund teilt auch Dr. Harald Engler von der Historischen Forschungsstelle des IRS, der mit Blick auf die Halbwertzeit städtebaulicher Visionen des 20. Jahrhunderts zur Gelassenheit rät: „Wir können aus der Vergangenheit lernen, unsere Visionen von heute realistisch einzuordnen, sie nicht als absolut dauerhaft anzusehen und ständige Weiterentwicklung und Veränderung zuzulassen.“

Titelfoto v. li. nach re.: © Trish, Solar Tree/flickr.com; © Uwe Hiksch/flickr.com; © Maksym Kozlenko/commons.wikimedia.org/wiki/Würzburg,_Altstadt.jpg; © MissyWegner/commons.wikimedia.org/wiki/Stadträder_Alter_Wall.JPG; © tristan tan/shutterstock.com; © Andrewglaser/commons.wikimedia.org/wiki/SoSie+SoSchiff_Ansicht.jpg; © Reinhard Dietrich/commons.wikimedia.org/wiki/Elektrotankstelle_Reykjavik_2.jpg

Aus dem Inhalt

  • Zukunftsstadt als Puzzle der Visionen
  • Post-Carbon Cities of Tomorrow: Vorreiter einer post-fossilen Zukunft der Städte
  • Zwischen Bewahren und Verändern: Auf dem Weg zur resilienten Stadt
  • Rekommunalisierungen: Ein Weg für städtische Infrastrukturen?
  • Vermächtnisse der Energie-Autarkie in Berlin und Hong Kong
  • Städtebauliche Visionen zwischen Orthodoxie und Distanzierung

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