Urbane Experimente

No 82 | März 2015

An die Städte der Zukunft wird eine Vielzahl unterschiedlicher Anforderungen gestellt. Energieeffizient und ökologisch nachhaltig sollen sie sein, eine hohe Lebensqualität zu bezahlbaren Preisen bieten, sich historisch authentisch und zugleich modern darstellen und nicht zuletzt hochinnovativ und wirtschaftsstark sein. Am IRS forschen Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen an diesen Teilaspekten der Zukunftsfähigkeit von Städten. Beginnend mit dieser Ausgabe stellen wir im Wissenschaftsjahr „Zukunftsstadt“ Erkenntnisse aus der IRS-Forschung vor.
Erster Teil: Städte brauchen Freiräume zum Experimentieren.

Große Städte gelten seit Jahrtausenden als wichtigste Keimzelle für wirtschaftliche Entwicklung. Die Marktfunktion im Mittelalter oder die große Bevölkerungskonzentration in der Zeit der Industrialisierung waren Garanten für die ökonomische Zukunftsfähigkeit der Städte. Daran hat sich grundsätzlich nicht viel geändert, doch die Hintergründe ihrer ökonomischen Bedeutung haben sich beständig weiterentwickelt.

Ein wesentlicher Faktor ist heutzutage die Fähigkeit zur Innovation, also zum Generieren, Katalysieren und Verwerten von neuen Ideen. „Innovationsförderung ist daher eine wesentliche Säule der Wirtschaftsförderung von Städten, sie unterstützen Technologieparks, Gründerzentren oder Wissenschaftscluster“, sagt IRS-Abteilungsleiter Prof. Dr. Oliver Ibert. „Dabei fällt allerdings eine Schieflage auf, denn Innovationen entstehen nicht nur in der Hochtechnologie oder in teuren Laboren.“ Große Städte böten ein enormes Potenzial für soziale, nutzergetriebene und dienstleistungsorientierte Innovationen. Dafür seien keine teuren Labore nötig, sondern kostengünstige Freiräume, eine offene Kultur des Experimentierens und das besondere Milieu kreativer Städte.

Experimentierorte können so verschiedenartig sein wie die Raumpioniere, die sie besetzen, oder die Enthusiasten, die kleine Start-Ups für die Vermarktung ihrer Ideen gründen. Ein Blick in das Berlin der Nachwendezeit zeigt die enorme Bandbreite der Möglichkeiten der innovativen Kraft von Freiräumen – von Kultur- und Erlebnisorten bis zu Labs oder Co-Working-Spaces, so IRS-Abteilungsleiterin Prof. Dr. Gabriela Christmann. „Die Stadt verfügte nach 1990 über einen großen Vorrat an innerstädtischen Brachflächen, die kostengünstig und kreativ genutzt werden konnten.“ Sie wurden sowohl in großem Maßstab „beplant“, etwa am Potsdamer Platz, als auch experimentell erobert und temporär genutzt wie etwa durch die „Tentstation“ in Berlin, die nicht nur urbanes Campen inmitten der Großstadt anbot, sondern zugleich Ort für Modenschauen, Konzerte und Freiluftkino war.

Entscheidend seien jedoch nicht nur die physischen Freiräume, sondern auch die kulturelle Inspiration und spontane Kreativität, die sich damit verbindet, so Christmann. Das Image Berlins als offene, tolerante Stadt und als Mekka der Start-Up- und Kreativszene trage ebenso zur regen Innovations- und Gründungstätigkeit bei wie die Existenz unbebauter Grundstücke oder leerstehender Gebäude. „Für die Zukunftsfähigkeit großer Städte in Bezug auf Innovationen ist es daher wichtig, solche Freiräume zu erhalten oder zu schaffen“, so Christmann.

Im IRS werden mehrere Teilaspekte dieser Prozesse intensiv beforscht. In der Abteilung von Prof. Ibert stehen die Quellen und Pfade der Innovationen und ihr besonderes Verhältnis zum Urbanen sowie die neuen Experimentierorte wie Labs und Co-Working-Spaces im Fokus. Die Abteilung von Prof. Christmann hingegen analysiert das Wirken städtischer Raumpioniere, soziale Innovationen und Zwischennutzungen. In diesem Heft werden diese Forschungen für die Zukunft der Städte vorgestellt.

Aus dem Inhalt

  • Zukunftsstädte sind Experimentierorte für Kreativität und Innovationen
  • Diversität, Fremdheit, Irritation – Urbane Kontexte und global vernetzte Wissensarbeit
  • Zwischennutzung als Ausdruck eines konzeptionellen Wandels der räumlichen Planung?
  • Labs als Experimentierorte in der Stadt
  • Hinter den Kulissen des Fab Lab Berlin

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