Netzwerke in der sozialwissenschaftlichen Raumforschung

No 78 | März 2014

Ein Musicaldarsteller ist auf der Suche nach einem neuen Engagement, die Betreiberin eines Nachbarschaftstreffs sucht nach Wegen zur Verbesserung des Images ihres Stadtviertels, eine Wissenschaftlerin möchte einer neuen biotechnologischen Methode zur Marktreife verhelfen: Szenarien wie diese haben auf den ersten Blick wenig Gemeinsames, doch aus einem speziellen Blickwinkel offenbaren sich Parallelen. Alle Akteure nutzen – intuitiv oder strategisch – Netzwerke zum Erreichen ihrer Ziele. All diese Aktivitäten haben auch eine räumliche Dimension, weshalb das IRS im Rahmen seiner Agenda der sozialwissenschaftlichen Raumforschung immer wieder Netzwerkanalysen durchführt und dabei originäre Ansätze entwickelt.

Soziale Netzwerke sind aus den Handlungskontexten gesellschaftlicher Akteure kaum wegzudenken. Entsprechend sind sie auch in der Erforschung sozialen Handelns von Bedeutung. Für Akteure, die in einer Gesellschaft etwas erreichen wollen, ist es geradezu ein Muss, sich in Netzwerken zu verankern – gleichgültig, ob es sich um Einzelpersonen oder kollektive Akteure handelt. „Die Tatsache, dass der Begriff des Networking zu einem Modewort avanciert ist und dass sogar Seminare für ein erfolgreiches Networking angeboten werden, bringt dies zum Ausdruck“, sagt PD Dr. Gabriela Christmann, Leiterin der Forschungsabteilung „Wissens- und Kommunikationsdynamiken im Raum“. Im Rahmen solcher Seminare kann man lernen, wie man Kontakte zu anderen, möglichst einflussreichen Personen aufbaut, über deren Unterstützung man die eigenen Ziele besser oder schneller erreichen kann.

„Von jeher hat man dem Phänomen, dass Akteure in soziale Netzwerke eingebunden sind, in der sozialwissenschaftlichen Forschung Rechnung getragen, auch zu Zeiten ,als Netzwerke noch nicht eine so beachtliche Konjunktur hatten“, sagt Christmann. Auch das IRS betreibt im Rahmen seiner raumwissenschaftlichen Forschungen Netzwerkanalysen und hat in diesem Zuge eigenständige Perspektiven und Instrumente entwickelt. „Wir suchen dabei nach den räumlichen Komponenten sozialer Beziehungen und versuchen, quantitativ-strukturelle mit qualitativen Analysen zu verbinden“, ergänzt Prof. Dr. Oliver Ibert, Leiter der Forschungsabteilung „Dynamiken von Wirtschaftsräumen“. Dies bedeutet, dass die Wissenschaftler immer auch nach der Qualität und Ausgestaltung einer Beziehung fragen und sich nicht mit dem Abbilden der Netzwerkstruktur zufrieden geben. Gleiches gilt für die räumliche und zeitliche Dynamik von Netzwerken. „Elaborierte Graphen suggerieren, dass Netzwerke eher statische Gebilde sind“, sagt Ibert. „Wir stellen aber häufig den Prozess in den Mittelpunkt, schauen uns also Netzwerkentwicklungen besonders genau an.“ Wie sich die Fixierung auf einen Raum – etwa auf die Heimatstadt der Musicaldarstellerin oder auf die  Ursprungsregion einer biotechnologischen Innovation – während des Prozesses ändert, wie förderlich Nähe und Distanz sind oder wie komplex eine Eigenschaft wie Nähe bei genauerem Hinsehen ist, bringt die IRS-Forschung zutage.

Netzwerke werden gemeinhin als nützlich und gewinnbringend angesehen, dabei können Kosten und Aufwand für Aufbau und Pflege des Netzwerks aus dem Blickfeld geraten. „Der Übergang von informeller gegenseitiger Hilfe zum sprichwörtlichen Filz ist fließend“, sagt Ibert. „Netzwerke können den Blick ihrer Mitglieder auf die Welt prägen – und entsprechend einengen.“ Zudem hänge die Bewertung des Nutzens von Netzwerken sehr stark von der Perspektive ab, die eingenommen wird. Der wechselseitige Vorteil für Insider werde allzu oft zum Nachteil der Ausgeschlossenen organisiert. Diese ambivalenten Aspekte spielen in der IRS-Netzwerkforschung eine besonders wichtige Rolle.

Aus dem Inhalt

  • Netzwerkforschung am IRS
  • Zur Analyse sozialer Netzwerke in der sozialwissenschaftlichen Raumforschung
  • Innovationsnetzwerke: Dynamisch in Raum und Zeit
  • Die Netze der Pioniere: Die Rolle von Raumpionieren für Veränderung in den benachteiligten Stadtquartieren
  • Wer netzwerkt mit wem? Die Visualisierung von europaweiten Projektnetzwerken
  • Netzwerke sind nützlich – aber für wen?

Download