Kleinstädte in der Peripherie

No 79 | Juni 2014

Kleinstadt – das klingt mitunter nach Bedeutungslosigkeit, Provinzialität und Rückständigkeit. In der Tat fristen Kleinstädte auch in der raumbezogenen Forschung ein Schattendasein, da sie zwischen den klassischen Raumtypen von „Stadt“ und „Land“ liegen. Die Stadtforschung interessiert sich für die Metropolen und Großstädte, die als Zentren des Wissens, der Kreativität und Innovationen gelten. Die Forschung zum ländlichen Raum beschäftigt sich traditionell mit Fragen der Agrar-, Dorf- und Regionalentwicklung. Das IRS hat jedoch – in unterschiedlichen Zusammenhängen – Forschungen zu peripheren ländlichen Kleinstädten durchgeführt und Erkenntnisse über ihre Probleme und Handlungsoptionen gewonnen.

Die Begriffe Kleinstadt und Peripherie verweisen auf die beiden wesentlichen Ursachen für die großen Herausforderungen dieses Siedlungstyps: Größe und Lage engen den Spielraum der Lokalpolitik ein und machen Kleinstädte anfällig für die Probleme, die durch den demografischen Wandel und die wirtschaftliche Strukturschwäche hervorgerufen werden. Bevölkerungs- und Beschäftigungsrückgang, Arbeitslosigkeit, niedrige Kaufkraft , zentralörtliche Funktionsverluste und der Abbau von sozialen und technischen Infrastrukturen sind einige der Probleme, mit denen periphere Kleinstädte häufig zu kämpfen haben. „Diese negativen Entwicklungsdynamiken sind beileibe kein Randphänomen in Deutschland“, betont Dr. Manfred Kühn, kommissarischer Leiter der Forschungsabteilung „Regenerierung von Städten“ des IRS. Es gibt insgesamt 1.303 Städte mit weniger als 20.000 Einwohnern in peripheren Lagen, in mehr als 1.200 sinkt die Bevölkerungszahl. Insgesamt rund 11,7 Millionen Menschen (14 Prozent der Gesamtbevölkerung) wohnen in peripheren Kleinstädten.

Ein ausschließlich negatives Bild zu zeichnen, ist aufgrund der Erkenntnisse von Kühn und seinen Kollegen am IRS jedoch nicht adäquat. „Wir haben mehrere Hebel identifiziert, mit Hilfe derer die Städte die Kontrolle über ihre Entwicklungsprozesse zurückerlangen können“, so Kühn. Dies könne gelingen, wenn die vermeintlichen Lagenachteile in Potenziale umgedeutet werden und bestehende Fördermöglichkeiten und Vernetzungsinitiativen kreativ genutzt werden. Potenziale der peripheren Lage sieht eine Studie, die Kühn im Auftrag des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) gemeinsam mit Kollegen erarbeitet hat, beispielsweise in den städtebaulichen Qualitäten, die zu einem attraktiven Wohnumfeld beitragen, im Tourismus und der Energiewirtschaft  (siehe dazu den Beitrag ab Seite 5). Aber auch Fördertöpfe wie das Programm Stadtumbau Ost können Kleinstädten in peripherer Lage helfen, den vermeintlichen Teufelskreis zu durchbrechen. „In der Bundestransferstelle haben wir einige Städte wissenschaftlich begleitet, die Fördermittel innovativ und zielgerichtet eingesetzt haben, um die genannten Potenziale zu stärken“, sagt Dr. Anja Nelle, Leiterin der Transferstelle. Zwei Positivbeispiele, die Kleinstädte Wittstock/Dosse und Pritzwalk, wer-den ab Seite 8 vorgestellt.

Zwei zusätzliche Perspektiven bringen die verbleibenden Beiträge in die Thematik ein. Prof. Dr. Heike Mayer (Universität Bern und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des IRS) berichtet ab Seite 11 über ihre Forschungen zu grenzüberschreitenden Netzwerk-Initiativen von Kleinstädten in Europa. Dr. Oliver Werner und Lena Kuhl von der Historischen Forschungsstelle zeigen ab Seite 13 die komplizierte Rolle kleiner Städte in der DDR auf.

Aus dem Inhalt

  • Quo vadis? IRS-Forschung zur Zukunft von Kleinstädten im ländlichen Raum
  • Kleinstädte in ländlichen Regionen: Welche Potenziale hat die Peripherie?
  • Trendsetter in der Peripherie Innovativer Stadtumbau in den Brandenburger Kleinstädten Wittstock/Dosse und Pritzwalk
  • Kleinstädte in Europa: Zwischen lokaler Verankerung und internationaler Vernetzung
  • Am Ende der Planungskette? Kleinstädte in der DDR

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