Historische Forschung im Kontext raumbezogener Sozialwissenschaft

No 80 | September 2014

Die Geschichtswissenschaft rekonstruiert gesellschaftliche Auseinandersetzungen der Vergangenheit und liefert dabei Orientierungswissen für die Gegenwart und die Zukunft. Wo vergangenes menschliches Handeln erforscht wird, beispielsweise auf dem Feld des Bauens und Planens, gibt es zahlreiche Bezugspunkte zu anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Am IRS hat diese Einbettung der geschichtswissenschaftlichen Untersuchungen in aktuelle Forschungen zur Sozial- und Raumentwicklung Methode, denn Historiker arbeiten mit Soziologen, Geographen, Planungs- und Politikwissenschaftlern unter einem Dach – zu beiderseitigem Vorteil.

Wenn heute die Entwicklung europäischer Städte und Regionen stark divergiert, Stadtviertel teilweise dramatische Auf- und Abstiegsprozesse durchlaufen und Politiker und Stadtgesellschaften um den Erhalt oder Umbau überlieferter Baustrukturen streiten, spielen stets auch die langfristigen Folgen früherer Planungs- und Investitionsentscheidungen eine wichtige Rolle. Seit einiger Zeit interessiert sich auch die sozialwissenschaftliche Raumforschung zunehmend für langfristige Entwicklungsverläufe als Moment der Erklärung aktueller Prozesse und wendet sich damit von einem  reinen ‚presentism’ in der Forschung ab. Das gewachsene Interesse für historische Prozesse schlägt sich auch in den Debatten einer breiteren Öffentlichkeit nieder. „Der Erhalt und die Rekonstruktion von Bauten älterer Epochen, wie etwa von Stadtschlössern, ist nur eines von vielen Anzeichen für die allgemeine Aufwertung historischer Sinnbezüge in der heutigen Gesellschaft “, sagt PD Dr. Christoph Bernhardt, Leiter der Historischen Forschungsstelle des IRS.

Dass die am IRS arbeitenden Sozialwissenschaftler und Zeithistoriker wechselseitig voneinander profitieren, betont IRS-Direktorin Prof. Dr. Heiderose Kilper (Interview ab Seite 5): „Die Art und Weise, wie unsere Historiker die Urbanisierungsgeschichte des 20. Jahrhunderts erforschen, ist stark durch die sozialwissenschaftlichen Perspektiven des IRS geprägt.“ Im Forschungsansatz der „Historischen Urbanisierungsforschung“ werden daher Planungs- und Zeitgeschichte integriert und institutionen-, netzwerk- und machttheoretische Ansätze in die Analyse einbezogen. Besonders die gegenseitige Befruchtung von systemischen und individuell-biographischen Perspektiven zeichnet die Forschung aus.

Die Historische Forschungsstelle hat sich in der kurzen Zeit seit ihrer Gründung im Jahr 2012 mit diesen Alleinstellungsmerkmalen erfolgreich profiliert. Immer wieder waren und sind die Historiker dabei Grenzgänger: Im DFG-Graduiertenkolleg „Kulturelle und technische Werte historischer Bauten“ an der BTU Cottbus-Senftenberg, an dem die IRS-Forscher beteiligt sind, spielen Gebäude und deren Materialität sowie ingenieurwissenschaftliche Fragen der Baugeschichtsforschung eine wichtige Rolle. „Wir sehen uns damit gefordert, unsere Expertise an der Schnittstelle von kultur- und technikgeschichtlichen Forschungen auszubauen und in epochenübergreifende Diskussionen einzubringen“, sagt Bernhardt.

Das vorliegende Heft gibt einen Einblick in die Bandbreite der Abteilungsforschung, die von der im Leitprojekt untersuchten städtischen Freiraumgestaltung über die Rolle der „Authentizität“ historischer Bauwerke bis hin zur forschungsorientierten Erschließung von wertvollen Quellenbeständen der Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS reicht.

 

 

Aus dem Inhalt

  • Historische Forschung im Kontext raumbezogener Sozialwissenschaft
  • Geschichte als Perspektive der Stadt- und Regionalforschung
  • Historische Urbanisierungsforschung
  • Forschungsachse Cottbus/Erkner – Ein DFG-Graduiertenkolleg zur Baugeschichte
  • Sehnsucht nach dem „Original“ Ein Forschungsverbund auf der Spur der „Historischen Authentizität“
    in Städten und Landschaften
  • Die DDR von oben

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