Gefahr erkannt, Gefahr gebannt?

No 74 | März 2013

Gefahren und Risiken haben viele Gesichter: Arbeitslosigkeit und sozialer Abstieg, Überflutungen und Hitzewellen, negative Images und Stigmata von Städten und Regionen oder Finanz- und Wirtschaftskrisen. Obwohl sich die konkreten Bedrohungen in den genannten Feldern deutlich unterscheiden, folgen die Wahrnehmung und der Umgang damit immer wieder ähnlichen Mustern. Ein zunächst stabiles System gerät durch Änderung der Rahmenbedingungen aus dem Gleichgewicht und muss sich verändern, um die Stabilität wiederzuerlangen.

Ob und wie stark ein Schock oder eine schleichende Veränderung einen Menschen, das Weltklima oder die Finanzbranche aus der Bahn wirft, hängt von dessen Verletzlichkeit (Vulnerabilität) ab. Gegenmaßnahmen, etwa Renaturierung von Flüssen oder der Abschluss einer Versicherung, können hingegen die Widerstandsfähigkeit (Resilienz) erhöhen. Von 2010 bis 2012 haben mehrere Forschungsabteilungen des IRS zusammengearbeitet, um die Wahrnehmung und Verarbeitung von Gefahren und die Strategien zum Umgang mit diesen zu untersuchen. Dabei haben die Wissenschaftler die unter anderem von der Entwicklungsländerforschung und Ökologie geprägten Begriffe Vulnerabilität und Resilienz aus sozial- und raumwissenschaftlicher Sicht neu gefasst. Mit diesem komplementären Begriffspaar ist ein komplexes Konzept verbunden, das eine Reihe sozialer, individueller sowie natürlicher Faktoren einbezieht. Der Ansatz des IRS zeichnet sich vor allem durch drei Aspekte aus: die soziale Konstruktion, die dynamische Sichtweise und die Überwindung des Widerspruchs zwischen natürlichen und sozialen Einflussfaktoren auf Verwundbarkeit und Widerstandsfähigkeit. Dies zeigen beispielhaft Forschungen aus der IRS-Abteilung „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“.

Der Klimawandel wird zu einem steigenden Meeresspiegel führen, dessen sind sich Naturwissenschaftler sicher. In Polen wie in den Niederlanden besteht also die Gefahr von Überflutungen, in Holland aufgrund der Topographie der Landschaft jedoch in besonderem Maße. Dass diese rein physisch-geographische Exposition gegenüber der schleichenden Naturgefahr nicht ausreicht, um die Verwundbarkeit der Küsten und seiner Bewohner zu bestimmen, haben IRS-Wissenschaftler gezeigt: Es können nämlich erhebliche kulturräumliche Unterschiede in der Wahrnehmung von Gefahren festgestellt werden. Gerade in Polen wird die Gefahr als besonders hoch eingeschätzt, weil noch kein tradiertes Wissen zum Umgang mit Fluten vorliegt. Die Niederlande hingegen wissen sich seit Jahrhunderten zu helfen, sodass der Anstieg des Meeresspiegels seinen Schrecken verloren hat. Was ein Risiko ist, bestimmt sich also aus natürlichen und sozialen Faktoren, verändert sich mit dem eigenen Handeln und wird erst durch die Wahrnehmung und Identifizierung real.

 

Das Beispiel zeigt die Chancen des vom IRS etablierten systemorientierten Rahmenwerks für die Erforschung von Vulnerabilität und Resilienz auf. Die Integration von ökologischen und sozialwissenschaftlichen Erklärungsansätzen kann den interdisziplinären Dialog fördern und bietet eine gute Basis für eine effiziente politische Steuerung von Bedrohungen und Strategien zur Abmilderung der Folgen. Das Titelthema dieses Heft es gibt einen Überblick über die theoretische Weiterentwicklung der Konzepte und deren Anwendung auf vielfältige Bereiche – vom Arbeitsmarkt bis zum Flussgebietsmanagement.

Aus dem Inhalt

  • Vulnerabilität und Resilienz in der sozialwissenschaftlichen Raumforschung
  • Der State of the Art der Resilienzforschung

  • „Nach Fukushima ist die Problemwahrnehmung stärker geworden“
  • Der Arbeitsmarkt für Musicaldarsteller als Kreativlabor für neue Arbeitswelten
  • My resilience is your vulnerability – Von Verwundbarkeitskonstruktionen zum Resilienzkonflikt
  • Starke Identität als Schwäche? – Die Ambivalenz von Resilienz in der Quartiersentwicklung
  • Stigmatisierung von Städten

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