Energiewende-Forschung

No 77 | Dezember 2013

Mit dem Forschungsprogramm 2012 – 2014 hat die Abteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“ des IRS eines der großen gesellschaftspolitischen Vorhaben Deutschlands auf die Agenda genommen: die Umstellung der Energieerzeugungssysteme von fossilen und atomaren auf erneuerbare Energieträger. Die räumliche Rekonfiguration der Energieerzeugung, -versorgung und -nutzung bedeutet auch einen Wandel der beteiligten Akteure und Institutionen und stellt Kommunen und Regionen vor die Aufgabe, Energie als eines mehrerer Gemeinschaftsgüter in eine lokal- und regionalpolitische Gesamtstrategie zu integrieren.

Die Erfahrungen in Schlalach und Feldheim sind ermutigend: Die Energiewende eröff nete beiden Brandenburger Dörfern Handlungsspielräume; Bürger und Lokalpolitik haben reagiert. Es entstanden Windparks in Bürgerhand, die weit mehr Strom produzieren als vor Ort verbraucht wird, lokale Netzbetreiber und eine Biogasanlage, die Produktionsschwankungen abfedert. Die technische Transformation in der Energieerzeugung hat zu einem Wandel in der Akteurs und Institutionenlandschaft geführt, der Partizipation und Mitbestimmung ermöglicht. „Dieser Wandel ist einer der Gegenstände der sozial- und raumwissenschaftlichen Energiewende-Forschung am IRS“, sagt Dr. Timothy Moss, Leiter der Abteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“.

Je tiefer die Wissenschaftler seiner Abteilung jedoch mit ihrer Forschung in solche Prozesse einsteigen, desto brüchiger wird das schöne Bild von der Gestaltungsregion, in der die Möglichkeiten der Partizipation, die Kleinteiligkeit der Erzeugung und die Differenziertheit der Anbieter steigen. Neben bedeutenden energiepolitischen Konflikten auf lokaler Ebene konstatieren sie Umsetzungsprobleme des Projekts Energiewende: Die Entwicklungen gehen vor allem an strukturschwächeren Kommunen vorbei, die den auch im Bereich der erneuerbaren Energien inzwischen aktiven Big Players der Energiewirtschaft kaum etwas entgegensetzen können. Hier ist die Integration der Ziele von Klimaschutz, Energieversorgung, Landschaftsschutz, Tourismus, Regionalwirtschaft und regionaler Identität eine Herkulesaufgabe.

„Die zentralen Instrumente der Energiewende wie die feste Einspeisevergütung führen mitnichten zu einer bundesweit vergleichbaren Umsetzung auf lokaler Ebene“, resümiert Moss. „Wenn wir uns anschauen, wie Kommunen und Regionen auf diese Vorgaben reagieren, sehen wir kein Muster, sondern enorme Unterschiede.“ Aus diesem Grund fokussiert sich die Forschung seiner Abteilung auf räumliche Kontextbedingungen, auf das individuelle Zusammenspiel von Akteuren und Institutionen auf lokaler Ebene und auf die Integration lokaler und regionaler Gemeinwohlziele. So können die Wissenschaftler erkennen, wie sich das bundesdeutsche Projekt Energiewende in hunderte Einzelprojekte ausdifferenziert: Lokale Energiewenden – ob in Schlalach oder Feldheim, ob auf dem Land oder in der Mittelstadt, ob in Brandenburg oder Baden-Württemberg – folgen eigenen Logiken, haben eigene Erfolgsgeschichten und ziehen eigene Konflikte nach sich.

Aus dem Inhalt

  • Akteure, Institutionen, Raum – Energiewende-Forschung am IRS
  • Die Zentralität und Dezentralität der Energiewende
  • Energiewende und Klimawandel – Praktische Erfahrungen zur Kulturlandschaftsgestaltung aus Berlin und Brandenburg
  • „In der Energiewende hat Brandenburg einen großen Vorsprung“
  • Zur Energiewende-Forschung am IRS

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