27. Januar | 2017

Zwischennutzungen: Von informellen Raumaneignungen zum etablierten Planungsinstrument

Zwischennutzungen von leerstehenden Gebäuden und Flächen wurden in den letzten Jahren als wertvolle Erfahrungs- und Experimentierfelder für innovative Stadt- und Raumentwicklungen beschrieben. Sie sind in Deutschland zunehmend in ganz unterschiedlichen funktionalen und räumlichen Kontexten strategisch in Prozesse der sozialräumlichen Entwicklung eingebunden. Dahinter steckt häufig die Idee, neue Impulse und Entwicklungsperspektiven für die jeweiligen Grundstücke und Gebäude und schließlich für ihre umliegenden Quartiere aufzuzeigen. Der Ansatz der Zwischennutzung steht in Kontrast zu traditionellen Entwicklungsinstrumenten der Raumplanung, besonders da er mit der Fokussierung auf vermeintlich permanente Nutzungen bricht. Außerdem liegt eine seiner Wurzeln in informellen Raumaneignungen, die nicht selten mit dem Begriff der „Besetzung“ assoziiert wurden und werden. Dies drückt aus, wie sie von Haus- und Grundeigentümern sowie Planern teilweise immer noch mit Skepsis wahrgenommen werden. Dennoch lässt sich anhand von vielfältigen Beispielen beobachten, wie Zwischennutzungen im deutschen Planungssystem in den letzten Jahren eine Wertschätzungskarriere durchlaufen haben.

Wie kommt es nun in der Praxis zur Entstehung, Verbreitung und schließlich zur Etablierung solch neuartiger Planungsansätze? In seiner Dissertation untersucht Thomas Honeck im Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in der Forschungsabteilung „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“ diese Fragen anhand des empirischen Gegenstandes der Zwischennutzung im deutschen Planungssystem. Eine wesentliche konzeptuelle Grundlage bieten ihm dafür Theorien aus der sozialwissenschaftlichen Innovationsforschung sowie der geographischen Politikforschung, die er auf das Untersuchungsfeld der räumlichen Planung anwandte. Damit leisten Honecks Grundlagenforschungen einerseits Beiträge zur Planungstheorie und erweitern andererseits das Feld der Innovationsforschung. Doch auch für die Planungspraxis identifiziert er Optimierungspotenziale von Erneuerungsprozessen. Planer, politische und administrative Entscheider und ebenso zivilgesellschaftliche Akteure können sich im Lernumfeld von Zwischennutzungen vor allem deswegen profitieren, weil es wesentlich schneller und effizienter auf neue Problemstellungen und Bedarfe gesellschaftlicher Nutzer- und Teilgruppen fokussiert. Just an diesem Punkt kommen Planer-, Eigentümer- und neue Nutzerperspektiven zusammen. Der Transfer von Wissen spielt in solchen unterschiedlichen Akteursgeflechten indes eine tragende Rolle. Die folgende Chronologie von Transferereignissen zeigt, wie das gesellschaftliche Interesse an Zwischennutzungen seinen Ausdruck im zunehmenden Wissenstransfer zwischen Forschungs- und Praxisinteressen in Politik, Verwaltung, Medien und Zivilgesellschaft findet.

Juni 2016: Statement im Rahmen der Eröffnung des German Habitat Forums

Das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und das Land Berlin boten mit dem Deutschen Habitat Forum am 1. und 2. Juni 2016 in Berlin eine wichtige Diskussionsplattform für nachhaltige urbane Lösungen an. Als Vertreter des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) war Thomas Honeck am ersten Veranstaltungstag mit seiner Expertise zum Thema Innovationen in der Planung zu einem Statement im Rahmen der plenaren Eröffnungsveranstaltung eingeladen worden. Die hochrangige Konferenz gab Vordenkern und bedeutenden Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Kommunen aus aller Welt Möglichkeiten zum Austausch. Das Deutsche Habitat Forum wurde gemeinsam mit Partnern und weiteren Bundesressorts vorbereitet. Kernstück waren die insgesamt 13 interaktiven und praxisorientierten Workshops zu zentralen Themen nachhaltiger Stadtentwicklung. Ausrichter und Gastgeber der Workshops waren jeweils zwei thematisch führende Institutionen oder Organisationen, darunter NROs, Think Tanks und UN-Organisationen. Die Konferenz gab zugleich wichtige Impulse für die Weltkonferenz Habitat III. Diese dritte Vereinte Nationen-Konferenz zu Wohnraum und nachhaltiger Stadtentwicklung fand anschließend vom 17. bis 20. Oktober 2016 in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito statt.

Mai 2016: „Die Kriminellen von damals sind die Kreativen von heute“, Thomas Honeck im Interview

Über die wilden Anfänge der Zwischennutzungen, die Einflüsse sozialer Medien auf das Verfahren sowie Chancen in Bezug auf die Aufnahme von Geflüchteten sprach Jan Zwilling mit Thomas Honeck im Magazin IRS aktuell No. 86. Auf die Frage, worin die Besonderheiten von Zwischennutzungen als Planungsinnovation liegen, sagte Honeck im Interview: „Die Entwicklung der Zwischennutzung kann als ein bestimmtes Muster von Planungsinnovation verstanden werden. Es wird hier deutlich, wie die Planung solche Praktiken, deren Wurzeln auch in der Hausbesetzerbewegung und der Künstlerszene liegen, neu interpretiert und bezüglich verschiedener Herausforderungen nutzbar macht. Ein wenig überspitzt gesagt: Die Kriminellen von damals sind die Kreativen von heute. Unsere Forschung bezieht sich auf die vergangenen 25 Jahre. Sie zeigt, wie Planende temporäre Raumaneignungen zunächst nur an bestimmten Orten als wertvoll einschätzten. Später wurde in ganz unterschiedlichen Kontexten mit solchen bunten, häufig kulturell ausgerichteten Projekten experimentiert. Heute haben sie sich zu Teilen im allgemeinen Planungsverständnis in Deutschland etabliert. Dies manifestiert sich auch durch eine Anpassung des Baugesetzbuches.“

Juni 2015: Schülerblog zum Wissenschaftsjahr Zukunftsstadt

Forscher sind die Experten – Kinder und Jugendliche sind die Zukunft. Beide gemeinsam können eine Vision für die Zukunftsstadt entwickeln. Ein Blog-Projekt der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) in Hannover und des IRS machte es 2015 möglich. Schülerinnen und Schüler der Oberstufe beziehungsweise der 9. und 10. Klasse aus den Regionen kamen dazu mit Forscherinnen und Forschern – im Juni 2015 auch mit Thomas Honeck zum Thema Zwischennutzungen - ins Gespräch und entwickelten eine eigene Sicht auf die Zukunft der Städte. Sie formulierten, natürlich in Abstimmung mit Lehrplänen und –personal, aktuelle Fragen zur Stadtentwicklung und tauschten sich anschließend in Form eines Interviews oder Gesprächs mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vor Ort aus. Die selbstständig erstellten Blog-Beiträge wurden auf futurecity.hypotheses.org veröffentlicht.

Februar 2016: Jurysitzung der Aktion Heimatkunde im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Die Aktion Heimatkunde wurde durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2015 „Zukunftsstadt“ durchgeführt. Das Thema Zwischennutzungen hat im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2015 und der „Zukunftsstadt“ ein hohes Interesse erfahren. Von wissenschaftlicher Seite wurde die Aktion Heimatkunde von daher  maßgeblich durch das IRS über Thomas Honeck beraten. Diese ganz andere Form der Politikberatung zeigt, wie unterschiedliche Zielgruppen von der Forschung zu Zwischennutzungen profitieren können. Die Aktion Heimatkunde rief von August 2015 bis Februar 2016 Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 16 Jahren dazu auf, brachliegende Flächen und ungenutzte Gelände in ihren Städten und Gemeinden zu finden und kreative Gestaltungsideen für diese zu entwickeln und zu präsentieren. Es ging darum, ein Bewusstsein für den urbanen Wandel zu schaffen und jungen Menschen Einblicke in die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten einer nachhaltigen und lebenswerten Stadt der Zukunft zu vermitteln. Die Jurysitzung zur Aktion Heimatkunde fand am 05. Februar 2016 unter Beteiligung von Thomas Honeck im BMBF statt. Weitere Jurymitglieder waren: Undine Giseke (Professorin für Landschaftsarchitektur, TU Berlin), Dagmar Mühlenfeld (ehem. Bürgermeisterin Mülheim an der Ruhr), Samantha Seithe (Gewinnerin Preis „Jugend forscht“ 2014), Felix Daiker-Seibert (Moderator Kika).

Auf der Homepage des Wissenschaftsjahrs 2015 findet man zudem ein Interview mit Thomas Honeck, in dem er sich in seiner Eigenschaft als Jurymitglied äußert. Das Potenzial der Aktion Heimatkunde sieht Honeck in direktem Zusammenhang mit einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Wichtig sei es, zukünftige Generationen zu beteiligen. Die Aktion vermittle Kindern und Jugendlichen, dass sie ganz konkrete Orte gestalten und verändern können. Honeck befürwortet die Idee, dass Schülerinnen und Schüler gerade auf Brachflächen aktiv werden können. Junge Menschen hätten oft sehr fantasievolle und unbefangene Ideen, wenn es darum gehe, sich solche Orte anzueignen und sie umzudeuten.

Oktober 2015: „Die temporäre Stadt“- Gastbeitrag von Thomas Honeck in den Potsdamer Neuesten Nachrichten

Einen Gastbeitrag mit der Headline „Die temporäre Stadt“ veröffentlichte Thomas Honeck Ende Oktober 2015 in den Potsdamer Neuesten Nachrichten. Darin beschreibt er, wie sich in den vergangenen 25 Jahren Zwischennutzungen in Deutschland fest etabliert haben. Gründe dafür sieht Honeck in zahlreichen und teils extrem unterschiedlichen Anknüpfungspunkten in unseren Städten. Er nimmt in seinem Beitrag Bezug auf Konzert- oder Ausstellungsräume in ehemaligen Fabriken und hebt die kulturelle und aktuelle soziale Bedeutung von Zwischennutzungen etwa in Baumärkten hervor, beispielsweise im Zuge des Flüchtlingsdiskurses, der auch im IRS-Projekt Museen als Schaufenster in die neue Welt thematisiert wird, wodurch an diesen Orten selbstredend die Bedeutung für begleitende Sozialarbeit zunehmend Dringlichkeit erfährt.

September 2015: Statement am Tag des offenen Denkmals für Politik und Zivilgesellschaft

Anlässlich seines 20-jährigen Standort-Jubiläums lud das IRS am Sonntag, dem 13. September 2015 ein. An diesem Tag des offenen Denkmals hieß das Institut unter dem Dachthema „Handwerk, Technik, Industrie“ seine Gäste auf dem Institutsgelände in Erkner willkommen. Nach der Begrüßung durch die Direktorin, Prof. Dr. Heiderose Kilper, bot das IRS im Tagesverlauf insgesamt drei hervorragend besuchte Führungen durch den historischen Bakelite-Pavillon. Zu sehen gab es Originalunterlagen zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR, die von IRS-Wissenschaftlern kommentiert werden. Am Nachmittag folgten dann Kurzvorträge – Blitzlichter – zu aktuellen Forschungsthemen am IRS. Thomas Honeck war wiederum mit einem Statement im Kontext von Zwischennutzungen mit von der Partie und diskutierte mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern sowie politischen Entscheidern aus der näheren und weiteren Umgebung des IRS. Zu den interessierten Gästen zählten u.a. der Minister des Landes Brandenburg für ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft, Jörg Vogelsänger und der Bürgermeister der Gerhart-Hauptmann-Stadt Erkner, Jochen Kirsch.

Mai 2015: Brandenburger Regionalgespräch auf der MS Wissenschaft in Potsdam: Statement zu politisch-administrativen Stabilisierungsphasen von Zwischennutzungen

Um das Spannungsfeld von Stadtentwicklung, Wirtschaftsförderung und kreativer Entfaltung drehten sich die Diskussionen in Potsdam während des  39. Brandenburger Regionalgesprächs am 4. Mai 2015 unter dem Motto „Urbane Experimente und kreative Räume“. An Bord der MS Wissenschaft erörterten vom IRS Thomas Honeck und Suntje Schmidt gemeinsam mit Thomas Thurn vom Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung des Landes Brandenburg sowie mit Christian Kunze vom FabLab Cottbus und mit 60 Gästen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Medien, Kultur und Zivilgesellschaft wie sich eine kreativitätsorientierte Stadtentwicklung etabliert hat, welche neuen Akteure damit auf den Plan getreten sind, wie sich Labs fördern lassen und wie Städte zugleich aktiv Anreize für Kreative geben und sich zugunsten eines Freiraums zurücknehmen können. In der Podiumsdiskussion machte Thomas Honeck mit seinem Statement deutlich, wie und in welchen Phasen sich Zwischennutzungen in Debatten um kreativitätsorientierte Stadtentwicklungspolitiken in Deutschland innerhalb von etwas mehr als zwei Jahrzehnten etabliert haben.

2015: Begleitung internationaler Delegationen in Berlin

Um auf Anfragen von Akteuren mit einem hohen Praxisbezug einzugehen, begleitete Honeck 2015 zudem zahlreiche Delegationen im Rahmen von Exkursionen in Berlin. Die Stadt hat im Innovationsprozess der Zwischennutzung gerade angesichts ihrer vielen Freiflächen eine besondere Rolle inne. Somit eignet sich der Berliner Stadtraum mit dem kreativen Spreeraum Ost und dem Tempelhofer Feld besonders, um Ergebnisse vor Ort zu erläutern und zu veranschaulichen. Honeck begleitete unter anderem Führungen mit Vertretern von schwedischen Städten, mit lateinamerikanischen Gruppen der Friedrich Ebert Stiftung und zahlreichen studentischen Gruppen aus dem Bereich der Raumplanung. Im Rahmen des so genannten PrepCity-Meetings der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und des internationalen Städtebündnis Metropolis hielt er im Mai 2016 einen Vortrag vor internationalen Akteuren aus dem Bereich der Stadtpolitik auf dem Tempelhofer Feld.

März 2015: Anfrage zur Beratung einer Aktion durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Ein Interview mit Thomas Honeck von der IRS-Forschungsabteilung „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“ zum Teilprojekt „Raumpioniere und Zwischennutzungen“ des im IRS bearbeiteten DFG-Forschungsprojektes „Wie kommt Neuartiges in die räumliche Planung“ führt zu zahlreichen Nachfragen und Interessensbekundungen. Der Titel des Interviews im Magazin IRS aktuell lautete seinerzeit: „Zwischennutzung als Ausdruck eines konzeptionellen Wandels der räumlichen Planung?“. Es folgte eine telefonische Kontaktaufnahme durch einen Mitarbeiter aus dem Redaktionsbüro des Wissenschaftsjahrs 2015 - Zukunftsstadt. Dieser wiederum hatte zuvor eine entsprechende Empfehlung zur Kontaktaufnahme von KollegInnen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erhalten, die besagtes Interview gelesen hatten. Daraufhin erging an den Forscher Honeck die Anfrage zur Beratung und Betreuung einer bundesweiten Aktion, der späteren ‚Aktion Heimatkunde‘, in deren Rahmen Schüler eingeladen werden sollten, Freiräume in ihren Städten zu gestalten. Bald kam es zu einem ersten Treffen des Projektteams. Es bestand aus Vertretern des BMBF, des Redaktionsbüros Wissenschaftsjahr Zukunftsstadt, eines Unternehmens zur Erstellung von Lern- und Arbeitsmaterialien sowie mit Thomas Honeck als wissenschaftlichem Berater aus dem IRS. In den Folgewochen erstellt Honeck ein Arbeitspapier als Grundlage für die inhaltliche Entwicklung von Projektmaterialien zur Aktion Heimatkunde. Das Papier basiert auf einem Fragenkatalog, der durch die beteiligten Projektpartner gemeinsam angelegt worden war.