16. Februar | 2017

„Museen als Schaufenster in die neue Welt“: Flucht und Integration als Thema der Museumsarbeit

Zum Jahresende 2016 ist das Transferprojekt „Museen als Schaufenster in die neue Welt“ zu Ende gegangen. Es zielte darauf ab, mittels einer Weiterbildungsreihe für Museumsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter und für weitere Interessierte ein Diskussionsforum zum Themenkomplex Flucht und Integration als Thema der Museumsarbeit in Berlin und Brandenburg zu schaffen. Im Fokus von insgesamt drei Veranstaltungen in den Monaten Oktober, November und Dezember 2016 stand die Arbeit der Regionalmuseen im Kontext der Fluchtbewegungen nach Europa, die seit dem Jahr 2015 stark zunahmen. In der Folge hatte sich eine lebendige Debatte über Flucht als Thema der Museumsarbeit entwickelt. Sie lässt aber noch viele Fragen offen: Können Museen als Vermittler zwischen globalen Prozessen und lokalen Erfordernissen überhaupt auftreten? Haben Ausstellungen und Sammlungen das Potenzial, zu einem besseren Verständnis der globalisierten, von Kriegen und Zwangsmigration gekennzeichneten Welt beizutragen? Wie gehen Regionalmuseen heute mit der Thematik um und wie können sie unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in ihre Arbeit einbeziehen? Ein wichtiges Ziel der Weiterbildungsreihe war es, die aktuelle Fachdiskussion über diese Fragen zu strukturieren und den Erfahrungsaustausch sowie den Wissenstransfer darüber zu befördern.

Die Reihe schaffte mit nationalen und internationalen Fachstatements, mit vertiefenden Workshops und mit den Diskussionen  ein Forum, bei dem Museumsexperten mit Wissenschaftlern, Vertretern der Zivilgesellschaft sowie Akteuren der kommunalen Integrationspolitik zusammenkamen. Auf diese Weise wurden nicht nur Museumsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter für die Arbeit mit Geflüchteten sensibilisiert, sondern auch die Arbeit von Regionalmuseen als Akteure städtischer Regenerierungspolitiken im Zusammenhang mit Migration und Flucht beleuchtet. Das IRS konzipierte, organisierte und begleitete die drei Veranstaltungen wissenschaftlich.

Zusammengefasst: Sechs Empfehlungen für die Museums-Praxis

Erreichbare Ziele setzen

Akteure in Museen sollten ihre Wirkmöglichkeiten und Zielsetzungen im Kontext von Migration und Flucht nach innen realistisch einschätzen und nach außen klar kommunizieren, damit keine falschen Erwartungen bei Geflüchteten, in den Museen selbst, in den zuständigen Gebietskörperschaften und bei potenziellen Kooperationspartnern entstehen.

Echte Beteiligung ermöglichen

Der Fokus der Inklusions- und Integrationsaktivitäten sollte auf Vermittlungs- und Freizeitangeboten liegen und der echten, d.h. aktivierenden, Beteiligung von Geflüchteten an der Entwicklung von Angebotsstrukturen einen hohen Stellenwert beimessen.

Alltägliche und übergreifende Themenangebote verbinden

Angebote, die sich bisher in der Praxis bewährt haben, sind Theater- und Kunstprojekte sowie Workshops zu praktischen Fragen, die sich einerseits mit alltäglichen Themen wie Wohnen und Arbeiten und andererseits mit übergreifenden Themen wie Heimat, Zugehörigkeit, Ängsten und Kultur befassten.

Verlässlichkeit mittels dauerhafter Projekte anstreben

Es bedarf dauerhafter und professionell organisierter Projekte, die in enger Zusammenarbeit zwischen Museen, Flüchtlingsorganisationen, sozialen Einrichtungen und den Stadtbewohnern vor Ort entwickelt und bearbeitet werden können.

Adäquate Finanzierungsrahmen schaffen

Der soziale und kulturelle Wert von Museumsaktivitäten im Kontext von Migration und Flucht sollte durch eine adäquate öffentliche und/oder private Finanzierung rechtzeitig anerkannt und unterstützt werden.

Chancen zum gegenseitigen Lernen nutzen

Die Multiperspektivität der Einwanderungsgesellschaft erfordert von den Museumsmitarbeiterinnen und -mitarbeitern vertieftes Wissen über (trans-)kulturelle Hintergründe. Das Themenfeld Flucht und Migration sollte deshalb in den Museen als Chance zur eigenen Weiterentwicklung und zum gegenseitigen Lernen gesehen und vorangebracht werden.

Dokumentation der Veranstaltungsreihe

Im Rahmen der Auftaktveranstaltung am 14. Oktober 2016 gaben Martin Düspohl (Friedrichshain-Kreuzberg-Museum), Prof. Dr. Felicitas Hillmann und Ljudmila Belkin (Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung) eine Einführung in die Idee und Konzeption der Veranstaltungsreihe.

Veranstaltung am 14. Oktober 2016: Internationale Museumspraxis im Themenfeld Migration und Flucht

Die unmittelbare Nähe der Realität von Flucht und Vertreibung ist auch für Museen herausfordernd. Partizipative Ansätze, die schon länger die Fachdebatte bestimmen, bekommen neue Relevanz: Museen verstehen sich als Orte der Bildung und Begegnung. Der Weiterbildungstag verschafft einen Überblick über Instrumente der sozialen Teilhabe im Museum und diskutiert internationale Praxisbeispiele.

Videos der Vorträge und des Kommentars

Dr. Annie Polland nimmt uns mit auf einen virtuellen Rundgang durch das Tenement Museum in New York. Das Museum hält die Geschichten derjenigen lebendig, die einst in dem heutigen Museumsgebäude gelebt haben – viele von ihnen Einwanderer_innen aus Deutschland, Irland oder Osteuropa. Über die persönlichen Lebensgeschichten der Bewohnerinnen und Bewohner werden die Besucher_innen des Museums dazu angeregt, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und miteinander darüber ins Gespräch zu kommen.

Das Grenzdurchsgangslager Friedland (in der Nähe von Göttingen) wurde in der Nachkriegszeit als Aufnahmelager für deutsche Migrantinnen und Migranten eingerichtet, es wurde später allerdings zunehmend für Flüchtlinge aus internationalen Krisengebieten genutzt. Wenige hundert Meter von der weiterhin genutzten Aufnahmeeinrichtung entfernt wurde im März 2016 ein Museum eröffnet, was den Kurator Dr. Joachim Baur an dem zugleich historischen und gegenwärtigen Ort der Migration vor eine interessante Herausforderung stellt.

Die Vielfalt der Stadt Rotterdam, in der nur 50% der Bewohner_innen (bzw. deren Eltern) in den Niederlanden geboren sind, spiegelt sich auch im Stadtmuseum wieder, wie Nicole van Dijk anschaulich macht. Von einem eher traditionellen Geschichtsmuseum hat es sich in den letzten Jahren weiterentwickelt zu einem partizipativen und interaktiven Museum, das historische und gegenwärtige Geschichten miteinander verflechtet. Als zentrale Themen wurden dabei identifiziert: Die nachhaltige Stadt, die Stadt der Ankunft, die Stadt der Arbeit, die transnationale Stadt, die Stadt der Fürsorge, die innovative Stadt.

Prof. Dr. Nora Sternfeld nimmt die Beiträge der Referent_innen sowie die in kleiner und großer Runde geführten Diskussionen kritisch unter die Lupe und formuliert wichtige Fragen für den weiteren Diskurs und die konkrete Museumspraxis.

Fotogalerie

Eröffnung durch die Organisatoren Prof. Dr. Felicitas Hillmann, Martin Düspohl, Ljudmila Belkin

Grußwort von Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung

Dr. Annie Polland. Tenement Museum, New York

Dr. Joachim Baur. Die Exponauten (Berlin) /Kurator Museum Friedland

Nicole van Dijk. Museum Rotterdam

Workshop mit Dr. Robert Fuchs, DOMiD Köln

Workshop mit Kathrin Steinhausen, Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, Berlin

Workshop mit Constanze Schröder, Stiftung Stadtmuseum Berlin

Prof. Dr. Nora Sternfeld (Aalto University, Helsinki)

Abschlussdiskussion

Dokumentation der Workhops

Workshop A

Impulsreferat: Alles auf Anfang. Nachdenken über die Zukunft eines (historischen) Ortes der Migration
Kathrin Steinhausen, Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, Berlin

In der Marienfelder Allee im Südwesten Berlins befindet sich heute die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, die einen wichtigen Ort der Aufarbeitung der deutsch-deutschen Geschichte und der SED-Diktatur darstellt. Eingerichtet wurde das Erstaufnahmelager 1953 für Flüchtlinge aus der DDR, seit den 1960er Jahren wurde es außerdem für Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler genutzt. Nach einer kurzzeitigen Schließung wurde der Gebäudekomplex 2010 als Übergangswohnheim sowohl für Menschen im Asylverfahren als auch für anerkannte Flüchtlinge in Betrieb genommen. Im Workshop moderiert durch Kathrin Steinhausen wurde diskutiert, wie diese historischen Schichten gemeinsam erzählt werden können.


Workshop B

Impulsreferat: Auf dem Weg zu einem Migrationsmuseum: Stand, Herausforderungen, Perspektiven
Dr. Robert Fuchs, Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland, Köln

Seit der Gründung des Vereins DOMiD (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland)  1990 in Essen hat sich der Themenschwerpunkt erweitert und die Arbeitsweise deutlich professionalisiert - das Ziel, Migration als einen wichtigen Teil der Gesellschaft zu vermitteln, bleibt jedoch erhalten wie Dr. Robert Fuchs im Workshop deutlich macht. Aktuell konkretisieren sich Planungen für das erste Migrationsmuseum in Deutschland, dessen Konzept DOMiD erarbeitet. Dabei geht es vor allem darum, Impulse für ein "neues, multiperspektivisches Narrativ der Migrationsgesellschaft" zu geben und ausgrenzende Denkmuster aufzubrechen.


Workshop C

Impulsreferat: Willkommen im Stadtmuseum Berlin – Darstellung verschiedener Zugangsangebote für Neu-Berliner
Constanze Schröder, Stiftung Stadtmuseum, Berlin

Constanze Schröder leitet im Stadtmuseum Berlin den Bereich Bildung und Vermittlung und berichtet im Workshop über die alltägliche Arbeit, Geflüchtete in die Museumsarbeit einzubinden. Positive Erfahrungen wurden beispielsweise mit weitgehend nonverbalen Angeboten für Willkommensklassen gemacht, die sich eines handlungsorientierten, interessengeleiteten theaterpädagogischen Ansatzes bedienen. Entscheidend ist es, niedrigschwellige Zugänge zu schaffen, mitbestimmen zu lassen und zuzuhören, wie im Workshop diskutiert wird.

Veranstaltung am 17. November 2016: Migration, Diaspora und städtische Transformation

Die Aufnahme von Flüchtlingen stellt die Kommunen vor große Herausforderungen. Die Tagung setzt sich zum Ziel, die aktuelle Situation im breiteren Kontext der Stadtentwicklung zu betrachten. Aktuelle Wanderungsbewegungen werden in ihren Konsequenzen für die Städte mit historischen Zuzügen verglichen. Experten der Kommunal- und Sicherheitspolitik diskutieren mit Migrationsforschern und Museumsleuten.

Videos der Vorträge und des Kommentars

Prof. Dr. Felicitas Hillmann spricht über Regenerierung der Städte durch Migration.

For the work of CAMOC (International Commitee for the Collections and Activities of Museums of Cities) the topics of global diaspora, memory and democracy in the urban context play an important role, as well the strengthening of participative moments in museums, CAMOC president Dr. Marlen Mouliou points out: "Raising public awareness for the need to engage in meaningful intercultural dialogues and create more compassionate, inclusive societies and communities which thrive through acts of solidarity and togetherness is a key factor in museums’ social role."

"Welchen Stellenwert hat […] die kulturelle Vielfalt in unserer Einwanderungsgesellschaft? Wie wird diese Vielfalt als eine Ressource für die gesellschaftliche Entwicklung anerkannt und nutzbar gemacht? Inwieweit wird kulturelle Vielfalt im Rahmen der Kulturarbeit sichtbar gemacht und gefördert? Inwieweit spiegeln unsere Museen das neue Deutschland wider – sei es in Dauerausstellungen und/oder in Sonderveranstaltungen? Und warum sollen sie es überhaupt tun?" Diese Fragen diskutiert Gari Pavkovic aus Stuttgarter Perspektive und spiegelt damit die Sicht einer Stadt, die sich selbst als international, interkulturell und sozial inklusiv bzw. integrativ versteht.

Kommentar zum Tagesverlauf von Dr. Udo Gösswald (Museum Neukölln, Berlin).

Fotogalerie

Dr. Marlen Mouliou (National and Kapodistrian University of Athens) im Gespräch mit Anna Loffing und Ljudmila Belkin

Prof. Dr. Gabriela Christmann, Prof. Dr. Felicitas Hillmann, Dr. Marlen Mouliou

Teilnehmerinnen der Weiterbildung

Gari Pavkovic, Integrationsbeauftragter Stuttgart, bei der Anmeldung

Dr. Axel Drieschner, Dokumentationszentrum Alltagskultur in der DDR

Martin Düspohl, Leiter des Friedrichshain-Kreuzberg Museums Berlin, Prof. Dr. Gabriela Christmann

Grußwort Prof. Dr. Gabriela Christmann

Heinz Jansen, Friedrichshain-Kreuzberg Museum Berlin

Dokumentation der Workhops

Workshop A

Impulsreferat: Flüchtlinge in ländlichen und städtischen Kommunen – Chance oder Zumutung? Wie gelingen neue Nachbarschaften?
Dr. Wolfgang Bautz, Fachberatungsdienst Zuwanderung, Integration und Toleranz im Land Brandenburg - FaZIT

Bereits seit 1992 gestaltet der Fachberatungsdienst Zuwanderung, Integration und Toleranz im Land Brandenburg durch Schulungen, Beratungen und Projektarbeit Integrationsprozesse aktiv mit. Dr. Wolfgang Bautz macht deutlich, dass sich die Brandenburger Perspektive deutlich von der Berliner Situation unterscheidet und die enorme Herausforderung, geflüchtete Menschen bei ihrem Ankommen in den Kommunen zu unterstützen, nur zu bewältigen ist, weil es ein großes freiwilliges Engagement in der Bevölkerung gibt. Im Workshop wurde anhand vieler praktischer Beispiele diskutiert, wie es gelingen kann, neue Nachbarschaften zu gestalten, Wissenslücken zu füllen und einen hier und da anzutreffenden  "missionarischen Eifer" der Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Ankommenden zu überwinden.


Workshop B

Impulsreferat: Die Rolle der Neubürger beim Aufbau neuer Städte. Das Beispiel Eisenhüttenstadt
Axel Drieschner, Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, Eisenhüttenstadt

Axel Drieschner bringt in seinem Workshop den Teilnehmenden aus einer historischen Perspektive die Migrationspraxis der DDR näher und bespricht deren Aufarbeitung für die museale Darstellung: Das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR bearbeitet die Themen der Zuwanderung aus verschiedenen Teilen der DDR nach Eisenhüttenstadt, das Arbeiten und Leben in der DDR und das "Heimischwerden" in einer neuen städtischen Gesellschaft. Die Gründung des Eisenhüttenkombinates Ost (EKO) im August 1950 zog die einzige komplette Neugründung einer Stadt in der DDR nach sich, was dazu führte, dass alle gleichermaßen "Zugezogene" waren und sich aktiv in den Aufbau der Stadt mit einbringen mussten.                                                                                                                                                                           „Es ist ein ganz wichtiger Aspekt, dass in dieser frühen Periode die Einwohner sich in dieser Stadt mit Schweiß und Muskelkraft selbst eingerichtet haben. [...] Das ist einer der Punkte, der dazu führt, dass es nach wie vor eine enorm hohe Identifikation der älteren Bevölkerung mit ihrer Stadt gibt. Die lassen kein schlechtes Wort auf ihre Stadt kommen, weil sie damals in verschiedenen Projekten (u.a. beim NAW, Nationales Aufbauwerk) Hand angelegt haben am Werden und Wachsen ihrer Stadt. Das spielt bei der nachkommenden Generation keine Rolle mehr.“


Workshop C

Impulsreferat: Migration und Islamismus: Ideologie, Propaganda, (De-)Radikalisierung
Marcel Nikolov, Referent Öffentlichkeitsarbeit, Verfassungsschutz Berlin

In der medialen Darstellung ist das Thema der Migration eng mit Fragen der Sicherheit verknüpft, weshalb es sich lohnt, hier genauer hinzuschauen und sowohl inhaltlich als auch begrifflich zu differenzieren. Aus der Perspektive des Berliner Verfassungsschutzes erläutert Marcel Nikolov die Unterschiede zwischen Islam und Islamismus und gibt Hinweise, wie eine wirkungsvolle Deradikalisierung und ein weltliches Islamverständnis erreicht werden können. „Der gemeinsame Kitt [sich radikalisierender Jugendlicher] ist die Ideologie. […] Wie können wir diese Ideologie entzaubern und entkräften? Bei der Präventionsarbeit handelt es sich um eine Aufgabe, die nur gesamtgesellschaftlich bewältigt werden kann und es sind nicht nur Schulen, Moscheen etc. gefragt, sondern beispielsweise auch Museen und andere Kulturinstitutionen.“

Veranstaltung am 2. Dezember 2016: Repräsentation von Migrations- und Fluchtgeschichte(n) in Museen

Es ist ein Allgemeinplatz, Repräsentation in der Einwanderungsgesellschaft als „Sichtbarmachen“ zu beschreiben. Multiperspektivität wird immer mehr zur Norm in Museen. Die Wege zur Repräsentativität sind allerdings alles andere als banal. Was genau gehört zum Kulturerbe einer diversifizierten Gesellschaft? Welchen Platz haben die Herkunftsgeschichten in der gesamtnationalen Erzählung? Wie kann ein kultureller Dialog im Museum stattfinden? Wo ordnen sich die Künste dabei ein?

Videos der Vorträge und des Kommentars

Die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Burcu Dogramaci ruft dazu auf, Stadtgeschichte als Migrationsgeschichte zu verstehen und ein alternatives Verständnis von Stadt migrationstheoretisch zu erproben. Wie sind Stadt und Migration zusammenzudenken und wie führt das zum Stadtmuseum als (potentiell) inklusivem Repräsentationsort? "Das nationale Migrationsmuseum lässt Migration zur gesellschaftlichen Ausnahme werden. In seiner ausschließlichen Befassung mit dem Leben und Schicksal von Einwandererinnen und Einwanderern, ihren Sorgen und Hoffnungen, ihren Wohnungen, Wohnformen und den von ihnen mitgeführten oder neu erworbenen Gegenständen markiert diese Institution Migranten und Migrantinnen als `die Anderen´ der Gesellschaft. Denn wenn es um Einwanderer geht, wird in einem Automatismus nicht über die einheimische Bevölkerung gesprochen. Das Stadtmuseum dagegen, das sich  mit der Geschichte einer Stadt auseinandersetzt, kann Migration als selbstverständlichen, mehrere Epochen umfassenden Prozess verstehen." Künstlerische Ansätze können Spielräume für widerständige Sichtweisen eröffnen und gängigen Stereotypen entgegenwirken. Orhan Pamuks Roman "Das Museum der Unschuld", der 2012 zu der Eröffnung eines realen Museums in Istanbul führte, wirft nicht nur ein poetisiertes Zeit- und Stadtbild auf, sondern regt nach Wahrnehmung der Referentin auch zu einer postkolonialen Perspektive und neuen Ansätzen der Konstituierung von Migrationsgeschichten im Stadtmuseum an.

„Das Museum für Islamische Kunst verfolgt den Ansatz, lineare Geschichten zu durchbrechen und Kultur in ihrer lebendigen Dynamik und Geschichtlichkeit darzustellen. Dementsprechend wird Migration (von Ideen, Techniken und Menschen) als Grundlage jedes kulturellen Produkts vermittelt. So hebt das Museum die überregionale Entstehung islamischer Kunst hervor und versteht die Aufnahme ‘fremder‘ kultureller Elemente als eine Bereicherung. Kultur hat keine klaren Grenzen und ist nicht durch lineare, monokausale Zusammenhänge zu erklären. Das ist natürlich schwierig, weil das unsere Museumspraxis in geschlossenen Rundgängen oft nicht erleichtert. Anhand der ausgestellten Objekte lässt sich anschaulich zeigen, dass auch Deutschland bereits seit der Spätantike kulturell mit dem Islam verbunden ist.“ Anhand einzelner Projekte wie der Arbeit mit syrischen Museums-Guides, Textilworkshops etc. veranschaulicht Prof. Dr. Stefan Weber die Bestrebungen des Museums, in den Austausch zu kommen.

Kommentar zum Tagesverlauf von Prof. Dr. Sharon Macdonald, Humboldt-Forschungsprofessur, Institut für Europäische Ethnologie, Berlin.

Fotogalerie

Dr. Norbert Jannek, Führung im Museum Jüterbog

Dr. Susanne Köstering, Geschäftsführerin des Museumsverbands Brandenburg, und Dr. Georg Goes, Leiter des Museums Baruther Glashütte

Teilnehmerinnen der Weiterbildung

Im Kulturquartier Mönchenkloster Jüterbog

Prof. Dr. Burcu Dogramaci, Universität München, Prof. Dr. Stefan Weber, Leiter des Museums für islamische Kunst

Rainer Ohliger, Netzwerk Migration in Europa

Abschlussdiskussion

Ebru Taşdemir, Neue Deutsche Medienmacher

Moderation der Veranstaltung durch Ljudmila Belkin

Dokumentation der Workhops

Workshop A

Impulsreferat: Neue Nachbarschaft
Marina Naprushkina, Initiative „Neue Nachbarschaft // Moabit“

Für Marina Naprushkina lässt sich ihre künstlerische Arbeit nicht von Aktivismus und sozialer Arbeit trennen, was sie 2013 dazu motiviert hat, die ehrenamtliche Initiative "Neue Nachbarschaft // Moabit" zu gründen. Dem Sozial- und Kulturzentrum geht es nicht darum, sich für Geflüchtete zu engagieren und Dankbarkeit einzufordern, sondern sich gemeinsam mit Geflüchteten zu engagieren und voneinander zu lernen: „Unsere Idee ist es, dass wir ein Netzwerk bilden, eine Gemeinschaft bilden, dass da langfristig Kontakte entstehen. Dass dadurch die Menschen tatsächlich einen Zugang in die Gesellschaft bekommen. Dafür muss von Anfang an auf Augenhöhe kommuniziert werden. Alles andere wird auf Dauer nicht funktionieren.“


Workshop B

Impulsreferat: Visual History meets Migration History: Bilder, Bühnen und Begriffe
Rainer Ohliger, Netzwerk „Migration in Europa e. V.“, Berlin

Sowohl Migrationsgeschichte als auch Visual History (also die Bild-Dechiffrierung im geschichtswissenschaftlichen Bereich) sind relativ junge Disziplinen in Europa, die sich momentan immer mehr von der Peripherie ins Zentrum verschieben. Mit einem "migrationshistorischen Millionärsquiz" begeistert Rainer Ohliger die Workshop-Teilnehmenden für sein Thema, das in Form eines Vortrags vertieft wird. Deutlich wird: „Es fehlt die Verankerung von Migration in historischer Tiefendimension im kollektiven Gedächtnis.“ Zwar können Museen ein Ort neuer Narrative sein, der zur Visualisierung von Migration und ihrer Geschichte beiträgt. Im Vergleich zu medialen und politischen Diskursen schätzt Rainer Ohliger Museen allerdings als eher schwache Akteure ein, was die Bildung von Identitäten angeht. „Ich wäre relativ skeptisch, dass Mobilisierungsstrategien funktionieren und dass der Ort Museum tatsächlich ein Ort öffentlicher Debatten oder die Agora der Gesellschaft wird. Ich glaube, das funktioniert nicht, weil es eine relativ hohe Hürde gibt. Man muss einen gewissen Bildungshintergrund mitbringen.“


Workshop C

Impulsreferat: Flucht im Bild. Analyse der Bildsprache in der aktuellen Berichterstattung über die „Flüchtlingskrise“
Ebru Taşdemir, Neue Deutsche Medienmacher, Berlin

Seit 2009 setzen sich die Neuen deutschen Medienmacher, ein bundesweites Netzwerk von Medienschaffenden mit unterschiedlichen kulturellen und sprachlichen Kompetenzen und Wurzeln, für mehr Vielfalt in der Berichterstattung und eine kultursensible Aus- und Weiterbildung von Journalist_innen ein. Ebru Taşdemir regt in diesem Workshop lebhafte Diskussionen über die häufig verzerrende und rassistische Bildsprache der aktuellen Berichterstattung über Menschen auf der Flucht nach Europa an und gibt Hinweise, wie es besser gemacht werden kann.  Ein guter Anfang wäre: „Die Leute reden lassen, erstmal selber zu Wort kommen lassen.“

Mitarbeiterinnen im Projekt

  • Ljudmila Belkin (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)
  • Kerstin Wegel (Projektassistenz)
  • Anna Loffing (Studentische Hilfskraft)
  • Hendrikje Alpermann (Studentische Hilfskraft)
  • Annalena Morra (Studentische Hilfskraft)

Downloads

„Partizipation und Teilhabe, die einem Veflechtungsansatz folgen, sind unabdingbar. Wer das nicht tut, macht Museumsarbeit aus dem Elfenbeinturm heraus. Und das ist nicht mehr up to date, das muss kritisiert und öffentlich debattiert werden.“

„Geflüchtete sind nicht irgendwelche zu Betreuenden, sondern sie müssen Akteure, sie müssen selber Bürger sein können.“

„Die Augen aufzumachen für die andere Perspektive, für das andere gelebte Leben ist unabdingbar, wenn man heute in Migrationsgesellschaften Museumsarbeit, politische Bildung oder überhaupt Bildungsarbeit realisieren will.“ 

Thomas Krüger, Bundeszentrale für politische Bildung

"Das Konzept hinter der Veranstaltung ist simpel: Das globale Neue wird vor Ort gelebt. Regionalmuseen können Schaufenster nach drinnen und draußen sein. Migration und Flucht sind dankbare Sujets zur (Re)konstruktion der eigenen Identität, auch der räumlichen Identität. Im besten Fall entwickeln sich Regionalmuseen zu Schauplätzen gemeinsamer Geschichtsschreibung. Die Weiterbildungsreihe öffnet den Blick: international, systematisierend, in der gemeinsamen Diskussion."

Prof. Dr. Felicitas Hillmann, Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung

Die Debatte um Fluchtbewegungen und Flüchtlingspolitik im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass über Lebensumstände, Traditionen, Konfliktlagen und Fluchtmotive in den Herkunftsländern der Geflüchteten hier Unkenntnis herrscht und Fehlannahmen verbreitet werden, die vielfach aus kolonialistischen und rassistischen Überlieferungen rühren, die in diesem Land offensichtlich sehr tief verwurzelt sind. Museen können in diesem Kontext aufklärerisch wirken, unter Rückgriff auf ihre Sammlungen Gegennarrative entwickeln. [...] Museen können ein Schaufenster in die andere, in die neue und noch zu entdeckende Welt Afrikas und Vorderasien sein, aus der die Mehrheit der Geflüchteten stammen. [...] Mit ihrem Auftrag, die europäischen und regionalen Kulturtraditionen zu bewahren und zu vermitteln, die ihrerseits häufig von Wanderungsbewegungen geprägt sind, haben Museen das Potential, Einblicke in - aus der Perspektive der Neuzugewanderten ,,Neue Welten" - zu geben: in die kulturellen Traditionen, die politischen und gesellschaftlichen Strukturen, die alltäglichen Gepflogenheitenund die sozialen und geographischen Topografien der Aufnahmegesellschaft."

Martin Düspohl, Friedrichshain-Kreuzberg Museum

"Die Öffnung zum Anderen, die mehrfache Perspektive, ist eine wichtige, wenn nicht zentrale Eigenschaft unserer Zeit. Man braucht nicht auszureisen, um eine neue Welt neben sich zu entdecken und auf sich wirken zu lassen. Gleichzeitig fordert die Öffnung Kulturinstitutionen heraus, da die Kultur unabdingbar Kultivierung und Bewahrung bedeutet."

Ljudmila Belkin, Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung