13. Dezember | 2016

Kulturlandschaften: Forschung für neue politische Handlungsräume

„Kulturlandschaften“. Das mag für manchen Praktiker im sozialen Raum recht romantisch klingen. Doch die Erfolgsgeschichte der Kulturlandschaftsforschung im IRS gründet auf einem anderen Begriffsverständnis: Vor allem ging es der Forschergruppe um Dr. Ludger Gailing in den vergangenen Jahren darum, in Wissenschaft und Praxis eine handlungsorientierte, erweiterte und offenere Perspektive auf Kulturlandschaften aufzuzeigen. Wichtig ist ihnen, nicht mehr nur auf die Geschichte, sondern auch auf Fragestellungen zu schauen, die für die Gegenwart und Zukunft von Regionen bedeutsam sind. In ihren akteursbezogenen Forschungen fragen sie zum Beispiel danach, wer Kulturlandschaften konstruiert und wer für solche sozialräumlichen Konstruktionen verantwortlich zeichnet. Es geht somit um ein handlungsorientiertes und politisches Landschaftsverständnis. „Denn die Kulturlandschaft steht im jüngsten planerischen Diskurs als Chiffre für Handlungsräume einer kooperativen Raumentwicklung“, sagt Ludger Gailing. Er befasst sich im IRS seit 2003 mit Kulturlandschaften. Gailing und sein Kollege Andreas Röhring sprechen von „kulturlandschaftlichen Handlungsräumen“, in denen ein Anknüpfen an imagebildende und identitätsstiftende Qualitäten es ermögliche, Netzwerke, Steuerungsansätze oder Projekte zu entwickeln, die nach innen Handlungsfähigkeit und Selbstorganisation gewährleisten und die nach außen eine Marketingwirkung und die Artikulation regionaler Interessen ermöglichen. Dabei kann es sich beispielsweise um ein Biosphärenreservat, einen Naturpark, einen Regionalpark, ein experimentelles Netzwerk, eine interkommunale Gartenschau oder auch um die Projektregion einer Internationalen Bauausstellung handeln. Die Kulturlandschaft ist aus der politikwissenschaftlichen Sicht des IRS also immer eine soziale Arena, in der unterschiedliche kollektive Sichtweisen und Interessen verhandelt werden. Sie steht im sozialen Raum für den Zusammenhang  von physisch-symbolischem Ausdruck und politischer Macht. Für die Konstituierung kulturlandschaftlicher Handlungsräume haben die Kulturlandschaftsforscher des IRS zahlreiche praxisbezogene Vorschläge eingebracht, die von regionalen Akteuren in Dokumenten, Gesprächen und in Veranstaltungen aufgegriffen und modifiziert wurden. Dazu finden Sie hier einige Beispiele.

19. Juli 2016: IRS-Kulturlandschaftsforschung im Landesentwicklungsplan der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg

Der ursprünglich für den  Landesentwicklungsplan Berlin-Brandenburg (LEP B-B) 2009 auf der Grundlage eines Gutachtens des IRS von 2006 ausgearbeitete Ansatz, Kulturlandschaften als Handlungsräume zu entwickeln, wurde in den Entwurf des Landesentwicklungsplanes Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg (LEP HR) vom 19.07.2016 erneut aufgenommen: „Durch eine regionale Vernetzung kulturlandschaftsrelevanter Steuerungsansätze und unter Einbeziehung bürgerschaftlichen Engagements sollen Strategien und Entwicklungskonzepte für die kulturlandschaftlichen Handlungsräume erarbeitet und umgesetzt werden“ (Entwurf LEP HR 2016, Grundsatz 4.1).

Der Vermittlung dieser neuen, innovativen Perspektive auf Kulturlandschaften an regionale Akteure diente eine durch das IRS 2007 erarbeitete Broschüre Kulturlandschaften – Chancen für die regionale Entwicklung in Berlin und Brandenburg für die Gemeinsame Landesplanung Berlin-Brandenburg.

2013 wurde dieser Kulturlandschaftsansatz in den vom IRS gutachterlich begleiteten dritten Teil des Gemeinsamen Raumordnungskonzepts Energie und Klima für Berlin und Brandenburg (GRK) einbezogen. Dazu wurden in der Prignitz als Energielandschaft und im Barnim als Kulturlandschaft im Klimawandel beispielhaft Herausforderungen von Energiewende und Klimawandel und mögliche Lösungsansätze in Workshops mit regionalen Akteuren thematisiert.

Abschlussbericht des Projekts GRK3: Kulturlandschaften als Handlungsräume – ein Beitrag zur Lösung der Herausforderungen von Energiewende und Klimawandel

7. März 2016: Expertenstatement für das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) und Grundlagen für ein Modellvorhaben der Raumordnung

Eine Befragung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) von Experten unterschiedlicher Fachrichtungen ergab ein differenziertes Bild über die Einschätzung der Transformationsprozesse, die den Landschaftswandel auch in den nächsten beiden Jahrzehnten großräumig vorantreiben werden. Vor allem die Energiewende, der Wandel der Agrarstruktur und die Siedlungs- und Verkehrsentwicklung sind wesentliche Ursachen des Landschaftswandels.

Ludger Gailing gab am 7. März 2016 in Bonn ein einführendes Expertenstatement zur Diskussionsrunde „Anforderungen an das Forschungsfeld“ und nahm teil am Fachgespräch „MORO Regionale Landschaftsgestaltung“. Veranstalter waren das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) und das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR). Das in der Folge konzipierte „Modellvorhaben der Raumordnung" , kurz MORO greift unter anderem Ideen auf, die das IRS bereits 2007 für das BBSR entworfen hat (Studie „Regionale Kulturlandschaftsgestaltung. Neue Entwicklungsansätze und Handlungsoptionen für die Raumordnung").

16. Februar 2016: Beratung eines vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) geförderten Vorhabens

Andreas Röhring und Dr. Ludger Gailing  führten am 16.02.2016  in Erkner ein Beratungsgespräch im Rahmen eines F+E-Vorhabens des Bundesamtes für Naturschutz (BfN). Darin ging es um die  Identifikation der für das natürliche und kulturelle Erbe bedeutsamen Landschaften in Brandenburg als Grundlage für „Planerische Leitlinien für die Behandlung des Landschaftsbildes bei Eingriffen“. Gesprächspartner war Dr. Karl Heinz Gaudry (Professur für Landespflege am Institut für Geo- und Umweltnaturwissenschaften an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg). Für die Erbelandschaften Berlin und Brandenburg brachten Dr. Ludger Gailing und Andreas Röhring im IRS ihr Beratungswissen gemeinsam ein.

11. November 2015: Politikberatung über das 40. Regionalgespräch: Kultur-Energie-Landschaft

Forschende im IRS und selbstverständlich auch kommunale und zivilgesellschaftliche Praktiker beschäftigen zunehmend Fragen wie diese: Wie kann man lokalen Energiekonflikten durch neue Organisationsformen begegnen, wie können Bürgerbeteiligung und ein glaubwürdiges Akzeptanzschaffen auf Augenhöhe vor Ort gelingen, wie können Kommunen eigentlich mit Widerstand umgehen, welche unterschiedlichen Erfahrungen gibt es inzwischen und last but not least – was bedeutet die Energiewende in einem größeren regionalplanerischen Zusammenhang für das Innen- und Außenverständnis von Kulturlandschaften? Mit seinem 40. Regionalgespräch nahm das IRS im Kulturlandjahr 2015, das unter dem Dachthema „Landschaft im Wandel“ öffentlich verhandelt wurde,  zu diesen und weiteren Fragen einmal mehr den Dialog zwischen Praxisvertretern und Forschenden des IRS auf. Das Regionalgespräch zum Thema „Kultur-Energie-Landschaft – Erfahrungen und Perspektiven im Umgang mit Energiekonflikten“ führte das IRS am 11. November 2015 in Erkner in Kooperation mit der Brandenburgischen Gesellschaft für Kultur und Geschichte gGmbH und mit Kulturland Brandenburg durch. Dabei gelang eine Verknüpfung des Themas „Energiewende“ mit der kulturlandschaftlichen Perspektive des IRS.

29. Juli 2015: Wissenstransfer für Studierende der Leibniz Universität Hannover

Einblicke in die Kulturlandschaftsforschung am IRS und in damit verbundene Institutionenprobleme und Handlungsräume gab Dr. Ludger Gailing an Studierende der Umweltplanung und Landschaftsarchitektur der Leibniz Universität Hannover im Rahmen ihrer Berlinexkursion am 29. Juli 2015.

12.Juni 2015: Politischer Bildungstransfer im Trebnitzer Schlossgespräch

Im Gegensatz zu den Sachsen oder Thüringern haben sich die Brandenburger etwas schwerer getan, eine eigene Identität zu entwickeln. Wie sieht es nach mehr als einem Vierteljahrhundert des Bestehens des Bundeslandes Brandenburg mit einer brandenburgischen Identität aus? Welche Rolle spielen Preußen und Europa und welche Bedeutung hat eigentlich noch die familiäre Herkunft, die in Brandenburg oft östlich der Oder ihren Ursprung hat? Und gibt es eine eigene regionale Identität in Märkisch Oderland? Diesen und anderen Fragen gingen Experten und Praktiker auf Einladung der Brandenburgischen Landeszentrale für Politische Bildung im Trebnitzer Schlossgespräch am 12. Juni 2015 unter dem Dachthema „Identitäten in der Grenzregion, Teil II: Brandenburg“ nach. Der Hauptredner aus dem IRS, Dr. Ludger Gailing, befasste sich in kulturlandschaftlicher Perspektive mit dem Aspekt „Regionale Identität – Definitionen und Gedanken zu (Ost-)Brandenburg“.

22. April 2015: Wissenstransfer im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte

Im „Kulturlandjahr 2015“, das sich dem Dachthema „Landschaft im Wandel“ widmete und dabei Aspekte des erweiterten Kulturlandschaftsverständnisses aufgriff, nahm Dr. Ludger Gailing für das IRS am 22. April als Kulturlandschaftsexperte an einer Podiumsdiskussion teil. Anlass war die Präsentation des Buches »land auf – land ab. Landschaft im Wandel«, an der Gailing mit einem einführenden Beitrag beteiligt war. Veranstalter waren das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte und Kulturland Brandenburg in Potsdam. Beide Veranstalter sind für das IRS verlässliche Transferpartner, für die das IRS in der Vergangenheit seine Expertise einbrachte.

21. Januar 2015: Politikberatung für das Zukunftsforum Ländliche Entwicklung

Veränderte Nutzungsanforderungen intensivieren die Transformationsprozesse unserer Kulturlandschaften in bisher nicht erlebter Geschwindigkeit. Den Anforderungen einer mobilen, vernetzten, modernen Gesellschaft folgend, kommt es zu veränderter Nutzung ländlicher Räume, die sich in neuen Landschaftsbildern darstellt. Die regionale Identität zu bewahren und gleichzeitig den Wandel für Leben und Wirtschaften in ländlichen Räumen zu gestalten, kann nur im gesamtgesellschaftlichen Ansatz gelingen. Ob und wie mithilfe von Leitbildern die Veränderungen begleitet werden und wie dabei Handlungsräume regionaler Kulturlandschaftspolitik aussehen könnten, das diskutierte Dr. Ludger Gailing am 21. Januar 2015 mit Praktikern aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft in der Veranstaltung  „Kulturlandschaft im Wandel – Leitbilder für Land(wirt)schaften gemeinsam entwickeln" des Zukunftsforums Ländliche Entwicklung. Die Federführung für die Veranstaltung hatte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL).

22. Oktober 2014: Neue Impulse für Strategien und Leitbilder

Angesichts eines sich zunehmend dynamisierenden Landschaftswandels stellt sich die Frage, wie Landschaftsplanung und Raumordnung angemessen steuernd und gestaltend auf den Landschaftswandel einwirken können und sollen. Inhaltlich an das F+E Projekt „Kulturlandschafen gestalten! – Zum zukünftigen Umgang mit Transformationsprozessen in der Raum- und Landschaftsplanung“ aus dem Jahr 2011 anknüpfend, war dies am 22. und 23. Oktober 2014 in Frankfurt am Main das Ziel der  Internationalen Abschlussveranstaltung „Den Landschaftswandel gestalten!“: nämlich Handlungsempfehlungen und Best Practice-Beispiele sowie neue Impulse für Strategien und Leitbilder der Kulturlandschaftsentwicklung in die bundesweite Diskussion zu geben. Die Schwerpunkte lagen dabei auf den Regionen als zentrale Handlungsebene, der zielorientierten Koordination von Landschaftsrahmen- und Regionalplanung sowie einer Vernetzung zwischen Planung und diskursiver Regionalentwicklung. Im Kreis weiterer Experten diente Dr. Ludger Gailing in einer Podiumsdiskussion als Reviewer der Ergebnisse des Forschungsvorhabens. Veranstalter waren das Bundesamt für Naturschutz (BfN) und das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR).

 

Das Zitat: „Eine relativ große Nähe zu Politik und Verwaltung“

Eine Wertschätzung seiner politisch-planerischen Einflussnahme und seiner für die gesellschaftliche Praxis relevanten Policy Impacts zum Thema Kulturlandschaften erfährt das IRS auch in der wissenschaftlichen Literatur:

„Trotz der eher geringen Auflagen der Veröffentlichungen und der nicht einschätzbaren Zahl der Zugriffe auf die Online-Publikationen ist davon auszugehen, dass die Forschergruppe am IRS eine bedeutende Funktion als Pionier bei der Verbreitung eines ‚erweiterten‘ Landschaftsbegriffes hat. Denn mehrere, teilweise aufeinander aufbauende Forschungsprojekte und Gutachten für Bundes- und Landesministerien signalisieren eine relativ große Nähe zu Politik und Verwaltung und verweisen auf intensive Kommunikation und gegenseitige Einflussnahme. Anhand zahlreicher Veröffentlichungen der vergangenen Jahre wird jedenfalls deutlich, dass etwa im BBSR ein ‚erweiterter‘ Landschaftsbegriff mittlerweile als angemessene Interpretation des Landschaftsbegriffes verstanden wird (.). Es wurden also die Arbeiten der Forschungsgruppe am IRS deshalb als Beispiel für die ‚erweiterte‘ Interpretation des Landschaftsbegriffes ausgewählt, weil davon ausgegangen wird, dass sie einen entscheidenden Beitrag zur Verbreitung des ‚erweiterten‘ Landschaftsbegriffes sowohl im Fachdiskurs der Raumplanung als auch im politischen Diskurs darstellen.“

Hokema, Dorothea (2013): Landschaft im Wandel? Zeitgenössische Landschaftsbegriffe in Wissenschaft, Planung und Alltag. Springer VS, Wiesbaden; Reihe: RaumFragen - Stadt – Region – Landschaft, Band 7, S.94.