Topologien des Lernens – Open Creative Labs als lokale Anker globaler Gemeinschaften

Eine traditionelle Perspektive der Raumwissenschaften betont, dass räumliche Nähe mit intensiveren Beziehungen einhergeht und damit benachbarte Personen, Dinge oder Orte wahrscheinlich eine höhere Ähnlichkeit aufweisen als weit entfernte. Viele Alltagserfahrungen, die häufig mit räumlicher Nähe in Zusammenhang stehen, scheinen dieses „eherne“ Gesetz zu bestätigen. Auf dieser Zentralstellung physisch-räumlicher Nähe und Distanz beruhen viele geographische Raumkonzeptionen, etwa das System der zentralen Orte oder Standorttheorien. Im Zuge der Globalisierung werden jedoch immer mehr Anzeichen sichtbar, dass dieses Raumverständnis seine Grenzen hat. Beziehungen werden heutzutage häufiger ortsungebunden im Internet angebahnt und gepflegt und auch Lern- und Arbeitsprozesse sind mittlerweile so global verteilt, dass ökonomische und soziale Zusammenhänge nur noch zum Teil an lokale Nähe geknüpft sind. Wissenschaftler/-innen der Forschungsabteilung „Dynamiken von Wirtschaftsräumen“ verbinden aus diesem Grund territoriale und topologische Raumkonzeptionen, um neue Orte kreativer Wissensarbeit – bekannt als Labs oder Co-Working Spaces – zu untersuchen. Erkenntnisse darüber, wie diese lokal und global verankert sind, zeigen neue Denkrichtungen für die raumwissenschaftlichen Kategorien „Raum“ und „Ort“ auf.

Das topologische Denken stellt den Ort (altgriechisch „tópos“) in seiner Besonderheit und Spezifik, aber auch in seiner sinnlichen Wahrnehmbarkeit, Materialität und subjektiv zugeschriebenen Bedeutung in den Mittelpunkt des Interesses. Darauf aufbauend ist eine Topologie als eine Landschaft zu verstehen, die sich aus Beziehungen zwischen vielen Orten ergibt. Anstelle eines Rasters mit geometrischen Koordinaten gleicht eine topologische Raumsicht eher einem vielschichtigen Flickenteppich aus unzähligen, jeweils einzigartigen Orten. Manche der Flicken ähneln sich – in Bezug auf einen oder mehrere Aspekte – während andere wiederum in scharfem Kontrast zueinander stehen. Ähnlichkeit ist dabei kein aus Nachbarschaft abgeleiteter Zustand, sondern Ergebnis einer Konvergenz lokal situierter Praktiken an mehreren Orten. 

Eine topologische Perspektive auf den Raum fördert herausfordernde Paradoxien, Kontraste und Spannungsverhältnisse zu Tage. In unmittelbarer Nähe können völlig entkoppelte ökonomische Realitäten und Parallelgesellschaften existieren: Obdachlose, die vor der Zentrale einer weltweit operierenden Großbank ihre notdürftige Bleibe aufschlagen oder eine Moschee, die in einem überwiegend nicht-muslimischen, kulturell homogenen Quartier eröffnet werden soll, veranschaulichen dies. In beiden Fällen erzeugt räumliche Nähe keine kulturelle Ähnlichkeit, sondern das genaue Gegenteil: Abgrenzung und Distanzierung. Zugleich bilden sich aber auch archipelartige Muster von ähnlichen (aber nicht identischen) Orten überall auf der Welt aus, etwa die ewig gleichen Filialen der einschlägigen Modeketten. Auch Wissenschaftler können umstandslos mit ihren Fachkollegen in eine vertiefte Debatte einsteigen, obwohl deren Forschungsinstitute und Universitäten auf unterschiedlichen Kontinenten liegen und Tausende Reisekilometer sie trennen.

Wie sich räumliche Nähe und Ähnlichkeit überlagern und konterkarieren, zeigt sich auch in „Open Creative Labs“, einem Forschungsgegenstand mehrerer Projekte der Forschungsabteilung „Dynamiken von Wirtschaftsräumen“. Bei den Forschungen in Berlin, Amsterdam und Detroit konnten sie beobachten, dass sich die Labs in allen Teilen der Welt oft erstaunlich ähnlich sehen und sehr vergleichbar aufgebaut sind, obwohl diese in ihrer Gestaltung sich oft stark und ganz bewusst symbolisch von der Nachbarschaft absetzen. Dies liegt zum einen darin begründet, dass die Ausübung bestimmter Tätigkeiten und Praktiken die Gestaltung und Nutzung der Räume prägt. Wird an zwei verschiedenen Orten im Grunde dieselbe Praktik ausgeübt, sei es ein Handwerk oder die Produktion eines Online-Radiosenders, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Arbeitsorte vergleichbare Ausstattungen aufweisen. Auf der anderen Seite sind die in Labs Tätigen über das Internet bestens untereinander vernetzt, referenzieren sich umfassend, lesen dieselben Medien und folgen denselben Manifesten wie der „Fab-Lab-Charta“. Auf diese Art wird eine Angleichung der Orte forciert, die teilweise bis zur Austauschbarkeit gesteigert ist. Die Ähnlichkeiten zwischen den Labs werden viel stärker durch eine globale Perspektive sichtbar, während sich Individualität und Einzigartigkeit in der Einbettung und der Interaktion mit dem Lokalen manifestiert. 

Eine wichtige Forschungsfrage der Projekte betrifft die regionalökonomischen Effekte von Labs. Zentral für diesen Teil der Forschung ist dabei eine Überlagerung von topologischen Ansätzen und klassisch territorialem Denken. Die Wissenschaftler/-innen ziehen dafür das Konzept der Verankerung („anchoring“) heran, um das Zusammenspiel von lokalem Bezug und globalen Diskursen zu verstehen. Verankern bedeutet, dass Wissenspraktiken Orte für ihre Ausübung finden und diese sukzessive entlang ihrer Bedürfnisse weiter entwickeln. Dort werden die entsprechenden Werkzeuge vorgehalten, aber auch soziale Beziehungen der Arbeitsteilung entfaltet. So finden dort beispielsweise Technik-Nerds gut ausgestattete Werkstätten, hoch entwickelte Technologien oder teure Produktionstechniken vor, mit deren Hilfe sie ihre Projekte vorantreiben können. Sie treffen dort aber auch auf andere Spezialisten, von denen sie Ratschläge erhalten oder Inspiration erfahren. Diese lokal zugänglichen Gelegenheiten ermöglichen und fördern das Experimentieren und Arbeiten, sodass Interessierte diese Aktivitäten vorrangig in Orten wie den Labs ausüben. Zugleich ist diese Verankerung aber auch eine Bedingung für die Möglichkeit zur Partizipation an multilokalen Wissensdyamiken. Nur vor dem Hintergrund des praktischen Kontexts und der lokal geteilten Praxis können etwa global frei zirkulierende Fachpublikationen vor dem Hintergrund von Erfahrungen richtig interpretiert, lokal angewendet und adaptiert werden. Über lokale Anker können Regionen sich gleichsam einschalten in global geführte Diskurse und dabei sowohl produktiv beitragen als auch substanziell lernen. 

Die komplexen Topologien aus lokalen Verankerungen und globalen Beziehungen stehen in einem Spannungsverhältnis mit territorial organisierten Prozessen wie der Wirtschaftsförderung oder der Stadtentwicklung. Territoriale Raumverständnisse betonen die Existenz eines materiell definierten und administrativ regulierten Raums, in dem bestimmte Gesetze oder Förderpraktiken wirken. Aus dieser Perspektive stellt sich die Frage, wie das Innovationspotenzial von Labs nutzbar gemacht oder gefördert werden kann. Die Translokalität der Wissensgenerierungsprozesse erschwert dies aber: Zum einen sind kreative Leistungen und damit auch potenzielle Innovationen räumlich verteilt und mobil und zum anderen sind Labs oft nur temporäre Stationen für diese Prozesse. In laufenden Projekten der Forschungsabteilung fragen die Wissenschaftler/-innen daher nach den Konsequenzen für eine Region, wenn in ihrem Territorium viele lokale Anker vorzufinden sind. Welche Formen der Interaktion zwischen den Orten und der Region existieren? Welche Vorteile oder Nachteile existieren für die Region und in welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Überwiegt etwa die Einschätzung, dass über lokale Anker eine stärkere Partizipation von Städten an global geteiltem Wissen ermöglicht werden kann? Dies wäre zum Beispiel eine Chance für eine Stadt im Strukturwandel wie Detroit. Oder dominiert die Sorge, dass das Wissen einer Region über Labs eher heraus fließt, was regionalpolitische Akteure in kreativen Hotspots wie Berlin beschäftigen sollte.