Relativ konstruiert: Kulturräume im Kontext des Klimawandels

Die globale Erwärmung des Klimas hat die Sensibilität für Naturereignisse wie Starkregen, Überflutungen und Dürren erhöht. Wenn Pegel eines Flusses bedrohlich ansteigen, sich ein Sturmtief Richtung Küste bewegt oder Trockenheit das Waldbrandrisiko enorm erhöht, scheinen sich die konkreten Ursachen und möglichen Folgen der Katastrophen zunächst jeder Zweideutigkeit zu entziehen: Extremwetterereignisse sind einerseits Fakt, materiell und objektiv. Andererseits wird am Beispiel von globalen Kontroversen zum Klimawandel schnell deutlich, dass der Klimawandel und seine Folgen nur scheinbar als eine objektive und eindeutige Gegebenheit wahrgenommen werden. Wenn es auf globaler Ebene um zukünftige Entwicklungen geht, vertreten verschiedene Akteure – selbst innerhalb kleiner räumlicher Einheiten wie Städten – durchaus unterschiedliche Ansichten. Welche Sichtweise eine einzelne Person oder eine Gruppe im Hinblick auf mögliche Bedrohungen und erforderliche Schutzmaßnahmen hat, hängt von mehr ab als von materiellen, objektiven Faktoren in ihrer Umwelt: Es sind auch vergangene (persönliche) Erfahrungen, zum Beispiel das frühere Erleben von Naturkatastrophen, es sind ferner Debatten in den Medien oder aber politische Einstellungen, die das individuelle wie auch das kollektive Bild von Naturereignissen und dem Klimawandel prägen können.

Wissenschaftler/-innen der Forschungs­abteilung „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“ haben dieses Phänomen in mehreren Forschungsprojekten sowohl empirisch als auch theoretisch-konzeptionell bearbeitet. Im Rahmen eines Projekts im Potsdamer Forschungs- und Technologieverbund für Naturgefahren, Klimawandel und Nachhaltigkeit (PROGRESS) zeigten sie am Beispiel von Fallstudien in Lübeck und Rostock auf, dass sich die Wahrnehmungen von Akteuren in Bezug auf die negativen Folgen des Klimawandels an der Ostseeküste in den 2010er Jahren in beiden Städten deutlich unterschieden. Obwohl diese sehr ähnliche naturräumliche und klimatische Bedingungen teilen und nahezu identische Gefährdungslagen aufweisen, wurden diese Gemeinsamkeiten von historischen, kulturellen, politischen und ökonomischen Faktoren überlagert: Während in Lübeck, durch eine Rückbesinnung auf lange Erfahrungen mit dem Meer, mit Sturmfluten und mit Starkregen, in der Zukunft eine Bedrohung der historischen Altstadt gesehen wurde, sah man in Rostock – einer Stadt, die nach der Wende jahrzehntelang unter einer sozio-ökonomischen Krise litt – aufgrund von steigenden Temperaturen und antizipierten mediterranen Verhältnissen keine Bedrohungen, sondern neue Chancen für den Tourismus und für einen damit verbundenen ökonomischen Aufschwung.

In dem seit 2016 laufenden Projekt „Kulturelle Konstruktionen von Vulnerabilität und Resilienz. Wahrnehmungen zu Gefährdungen durch aquatische Phänomene an der Oder in Deutschland und Polen“ (CultCon) wurde rasch deutlich, dass jeweils spezifische (selektive) Bedrohungswahrnehmungen in Städten, so wie sie am Beispiel von Lübeck und Rostock beobachtet werden konnten, kein einmaliger Fall sind. Ähnliches zeigte sich auch in deutschen und polnischen Oder-Städten. 

Im CultCon-Projekt erheben die Soziolog/-innen, Kommunikations- und Kulturwissenschaftler/-innen der Forschungsabteilung vor allem Daten zu Wahrnehmungen von Flutereignissen. Neben Interviewaussagen von Bewohner/-innen und Expert/-innen untersuchen sie auch Mediendiskurse zu den Oderfluten und zu möglichen Schutzmaßnahmen. Erhebliche Unterschiede in den Wahrnehmungsweisen zeigen diese Studien zwischen Frankfurt(Oder), Eisenhüttenstadt, Słubice und Wrocław auf: Während beispielsweise in Słubice Wasserverschmutzungen als erhebliches Bedrohungspotenzial genannt werden, spielt diese Wahrnehmung auf der anderen Flussseite in Frankfurt kaum eine Rolle. Auch bei Schutzmaßnahmen gehen die Perspektiven sehr weit auseinander: Auf polnischer Seite präferierte ein großer Teil der Befragten technische Eingriffe wie Flussvertiefungen, die jedoch auf deutscher Seite nur eine geringe Rolle spielten, da dort eher konservative Maßnahmen wie Deiche und Auen hoch im Kurs stehen. Die Forschungen haben zum Ziel, Erklärungen für diese Unterschiede zu finden und konkrete (kulturelle) Faktoren zu identifizieren, die die subjektiven und kollektiv geteilten Wahrnehmungen beeinflussen.

Grundlage für diese empirischen Untersuchungen ist in theoretisch-konzeptioneller Hinsicht ein relationales Raumverständnis, dass vom sozialen beziehungsweise kommunikativen Konstruktivismus geprägt ist. Danach ist Raum nicht allein ein physisch-materielles Phänomen. Es wird vielmehr angenommen, dass er durch (kulturell) spezifische Zuschreibungen von Menschen „konstruiert“ wird. Für eine Raumeinheit wie den Oderbruch bedeutet dies, dass sich dieser nicht nur durch den Flusslauf, die Auen und Deiche konstituiert, sondern auch über gesellschaftliche Diskurse darüber und durch spezifische menschliche Nutzungen desselben. Einen Raum zeichnet also zu einem wesentlichen Teil aus, was über ihn gedacht und gesprochen wird. Da in diesem Zusammenhang Kommunikationsprozesse, also das Teilen von raumbezogenen Wissensbeständen, Wahrnehmungen und Bewertungen, von zentraler Bedeutung sind und Räume nicht linear konstruiert, sondern immer wieder verändert – re-konstruiert – werden, hat die Leiterin der Forschungsabteilung, Prof. Dr. Gabriela Christmann, maßgeblich an der Entwicklung eines theoretischen Rahmens für einen kommunikativen Re-Kons­truktivismus von Räumen mitgewirkt. In einem 2016 veröffentlichten Sammelband führt sie aktuelle konzeptionelle Debatten zusammen und entwickelt ein konzeptionell-theoretisches Fundament speziell für die Raumtheorie. Der zugrunde liegende Befund, dass Raum­entwicklungsprozesse in Städten und Regionen oft Gegenstand breiter und intensiver, zum Teil auch kontroverser Diskussion sind, ist auch über Christmanns Forschungsabteilung hinaus zu einem wesentlichen Kennzeichen des Raumverständnisses im IRS geworden.

In seiner an Forschungen aus dem PROGRESS-Projekt anknüpfenden Dissertation hat Christmanns Mitarbeiter Dr. Thorsten Heimann eine weitere Facette dieses Themenkomplexes beleuchtet und einen relationalen Kulturraumbegriff in Bezug auf den Klimawandel entwickelt. Sein Verständnis von Kultur als kollektiv geteiltes Wissen nimmt die Beobachtung um gemeinsame Erfahrungen, Diskurse und Wahrnehmungen auf. Wenn Menschen gemeinsame Vorstellungen über mögliche Probleme oder ähnliche Präferenzen von Praktiken im Umgang mit dem Klimawandel entwickeln, konstituieren sie in Bezug auf ein bestimmtes Thema eine Kultur. Entscheidend ist, dass physisch-räumliche Nähe ein fördernder Faktor für kulturelle Nähe ist, keineswegs aber der einzige. In gleicher Weise, wie sich einzelne Menschen in Bezug auf einen Aspekt kulturell sehr nah und in Bezug auf einen anderen wiederum sehr fern sein können, können sich Nachbar/-innen fern sein und Menschen an verschiedenen Orten „ähnlich ticken“. Kulturräume als relationale Anordnungen von Akteuren, die aspektbezogen über geteilte Wissenskonstruktionen verfügen, sind also wesentlich fragmentierter als rein territorial gedachte Räume. 

Die Grundlagenforschung im CultCon-Projekt zeigt, dass eine besondere theoretisch-konzeptionelle Perspektive in der raumbezogenen Sozialforschung auch für praktische Fragen bedeutsam sein kann. Akteure in Politik und Verwaltung, beispielsweise auf der Landesebene in Brandenburg, müssen im Oderraum weitreichende Entscheidungen im Hochwasserschutz fällen und dabei mit Entscheidungsträgern in Landkreisen und Kommunen sowie im Nachbarland Polen zusammenarbeiten. Forschungen, die auf einem relationalen und konstruktivistischen Raumverständnis wie im CultCon-Projekt basieren, macht ihnen deutlich, dass es nicht genügt, nur auf die scheinbar objektiv gegebenen naturräumlichen Rahmenbedingungen zu schauen, sondern dass auch mit Implikationen von sehr unterschiedlichen lokal-, regional- und nationalkulturellen Wissensbeständen und Erfahrungen gerechnet werden muss.