Raum als Gegenstand und als Ressource des Wandels

Sozial-räumlicher Wandel in allen seinen Facetten hat schon immer das Interesse der raumbezogenen Sozialforschung geweckt. Dazu gehören etwa Auf- und Abwertungsprozesse in Stadtquartieren, innovative und in Entwicklungsblockaden verharrende Städte und Regionen oder auch nationalstaatliche Programme wie die Deutsche „Energiewende“, die sich räumlich differenziert auswirken. Es wäre sicher nicht falsch, noch weitergehend zu behaupten, dass derart räumlich gefasste Gegenstände der Forschung die wesentliche Gemeinsamkeit bilden, die das interdisziplinäre Feld einer raumbezogenen Sozialforschung zusammenhält. Und doch sollte dieses Feld sich nicht allein über räumlich definierte Gegenstände von anderen Forschungsrichtungen abgrenzen: Es ergeben sich Chancen für andere Perspektiven, wenn Raum nicht mehr bloß als Gegenstand der Untersuchung beforscht, sondern auch als eine Ressource gesellschaftlicher Entwicklungen thematisiert wird.

Prozesse des Wandels, seien es Aufwertungsstrategien, Innovationsinitiativen oder soziale Bewegungen, können als eine Zusammenführung von Elementen in Raum und Zeit verstanden werden. Diese Elemente können zum Beispiel Finanzmittel, Expertise, Forschungskapazitäten, Grundstücke, Bauwerke oder politische Unterstützung sein. Alles, was den Wandel unterstützt – oder ihn bewusst hemmt oder in seiner Zielrichtung verändert – kann als raumbezogene Ressource bezeichnet werden. Was dies konkret ist, hängt davon ab, welche Ziele verfolgt werden. In Innovationsprozessen sind es oft Risikokapital, Ideen, Expertise und Technologien, die zusammengeführt werden müssen. Soziale Innovationen benötigen hingegen idealistische Enthusiasten, preisgünstigen Zugang zu Gebäuden und politische Unterstützung. Wandel kann immer dann gelingen, wenn die benötigten Elemente in Raum und Zeit zusammengeführt werden können. Diese Grunderkenntnis lehrt beispielsweise die Theorie der innovativen Cluster, die den wirtschaftlichen Erfolg und die Anpassungsfähigkeit von Regionen mit einer räumlichen Konzentration der entscheidenden Ressourcen, etwa Firmen, Forschungseinrichtungen, Arbeitskräfte, politische Programme sowie eine unternehmerische Kultur, erklären.

Innovative Cluster stellen gewissermaßen glückliche Fügungen dar. Die Situation, dass die wesentlichen Ressourcen in räumlicher Nähe zueinander verfügbar sind, geht teils zurück auf historische Zufälle, teils auf das aktive Streben regionaler Akteure. Im Normalfall sind Ressourcen des Wandels aber räumlich verteilt. In Innovationsprozessen, etwa in der Biotechnologie, ist der Austausch mit Wissenschaftler/-innen, die Suche nach industriellen Partnern oder die Konsultation mit experimentierfreudigen Kliniken notwendig. Diese sind nur selten alle in derselben Region zu finden: Einige sind im Ausland ansässig, andere können auf internationalen Konferenzen kontaktiert werden. Die Forschungen am IRS zu sozialen Innovationsprozessen in Landgemeinden zeigen, dass es häufig die mobilen Dorfbewohner sind, etwa Zugezogene oder Rückkehrer, die die entscheidenden Anstöße zum Wandel in ein Dorf hineintragen. Raum als Ressource zu denken, lenkt die Aufmerksamkeit auf Aktivitäten der Distanzüberwindung: Mobilität von Menschen und Dingen, multi-lokale Lebensweisen oder medienvermittelte Kommunikation. 

Was eine Ressource im Wandel ist, ist typischerweise nicht von vornherein klar. Insbesondere bei radikaleren Prozessen des Wandels lernen die Beteiligten erst im Laufe des Prozesses, was genau sie benötigen und wo dies für sie zugänglich ist. Für den Biochemiker, der im Labor einen bisher unbekannten Wirkmechanismus findet, sind Publikationsmöglichkeiten wichtige Ressourcen. In einer folgenden Entwicklungsstufe wendet sich das Interesse eventuell in Richtung Laborkapazitäten mit hochspezialisiertem Equipment, wohingegen die Suche nach Risikokapitalgebern noch kein Thema ist. Es ist also nicht nur wichtig, über die räumliche Verteilung und Konzentration von Ressourcen als statische Konstellation nachzudenken, sondern auch die Dynamik, in der sich die Gelegenheitsstruktur im Prozess entfaltet, ins Zentrum des Interesses zu rücken. 

Schließlich sind Ressourcen nichts Gegebenes. Vielmehr stellt sich erst im sozialen Handeln heraus, was eine Ressource ist. 

Das sich mit Grundwasser füllende Loch als Hinterlassenschaft des Braunkohletagebaus wird zum Beispiel erst dadurch zu einer Ressource des Wandels, wenn die handelnden Akteure die Situation als Möglichkeiten der Wassersport- oder touristischen Nutzung durch Deutung und soziale Aushandlung aktiv schaffen. Analog dazu können die Erschließungsprobleme eines Gewerbegebiets zu einem Anlass umgedeutet werden, um lokale Expertise über Verkehrsentwicklungskonzepte aufzubauen. 

Die IRS-Forschungen zu Schlüsselfiguren in der räumlichen Entwicklung zeigen deutlich, dass der Erfolg von Prozessen des Wandels ganz wesentlich von den Fähigkeiten der Beteiligten zur subjektiven Umdeutung der räumlich verteilten Gelegenheiten abhängt. Raum wird nicht zuletzt auch zu einer Ressource im Wandel, wenn räumliche Arrangements diesem Wandel einen Ausdruck verleihen. Der rostige Förderturm einer alten Zeche, der als Industriedenkmal historischen Wert zugeschrieben bekommt und dadurch zu einem Wahrzeichen für einen neuen Gewerbepark werden konnte, symbolisiert fortan den Aufbruch einer Region im Wandel und trägt dazu bei, zusätzliche Akteure zu mobilisieren, sich in dieselbe Richtung auf den Weg zu machen. 

Raum als eine dynamische Ressource zu denken, hat auch Konsequenzen für die anwendungsbezogene Forschung am IRS. So kommt es zukünftig darauf an, Prozesse zu initiieren, die dazu einladen, regionale Problemlagen in neues Licht zu rücken. Auch sollten Problemlagen nicht nur als Entwicklungshemmnisse problematisiert werden, sondern immer auch daraufhin befragt werden, welche Ansatzpunkte für neue Entwicklungspfade in ihnen angelegt sind. Schließlich können regionale Ressourcen auch durch Impulse von außen entdeckt und mobilisiert werden. Beispielsweise können Zuwanderer/-innen Erfahrungen in einen Raum tragen und damit die Konstellation lokal mobilisierbarer Ressourcen nachhaltig verändern.