Raumkonzepte in der IRS-Forschung

Grundlegend für die Konzeptualisierung von Raum in der IRS-Forschung ist ein konstruktivistischer Ansatz: Akteure oder soziale Gruppen bilden und prägen Räume durch selektive Wahrnehmungen, symbolische Zuschreibungen, diskursive Erzeugungen von Raumqualitäten und materielle Gestaltungen. Kennzeichnend für diese Konstruktionsprozesse ist, dass sie materielle Raumelemente mit sozialen Elementen verbinden. So ist beispielsweise nicht nur von Belang, welche physischen Bestandteile Räume aufweisen, sondern auch, wie Individuen oder Gruppen den Raum wahrnehmen, aneignen und ihn bewerten.

Die IRS-Forschung zeichnet sich durch ein relationales Raumverständnis aus. Entscheidend für das räumliche Handeln von Akteuren ist demnach die Nähe und Distanz zu anderen Akteuren oder Elementen des Raumes – nicht nur verstanden als physische Entfernung, sondern auch und vor allem im Sinne von sozialer, kognitiver, institutioneller und organisationaler Divergenz.

Ein weiteres Kennzeichnen des IRS-Raumverständnisses ist eine Prozessperspektive auf den Raum. Die Interaktion der räumlichen und zeitlichen Dimensionen reichen in der IRS-Forschung von alltäglichen Prozessen der Raumaneignung bis hin zu historischen Entwicklungslinien über mehrere Jahrzehnte. Wiederkehrende Eigenlogiken, etwa von Innovations- oder Planungsprozessen, werden dabei ebenso herausgearbeitet wie einzigartige Ereignisse.

Eine Besonderheit in der Raumkonzeption des IRS besteht im Verständnis von Raum als Ressource in Entwicklungsprozessen und nicht allein als Objekt oder Kontext. Räumlich verteilte Ressourcen und Akteure können mobilisiert und verknüpft sowie vorhandene Ressourcen so zu Gelegenheiten und Hemmnissen räumlicher Entwicklung werden. Symbolisch aufgeladene Orte können Entwicklungsvorstellungen und damit Konsequenzen von Lernprozessen erlebbar machen.

Schließlich machen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am IRS die unterschiedlichen Bedeutungen von Raum und Ort für ihre Forschung fruchtbar. „Raum“ bezeichnet ein eher abstraktes Ordnungssystem, in dem nach verschiedenen Logiken Punkte verortet, Distanzen gemessen und Raumeinheiten voneinander abgegrenzt werden können. „Orte“ hingegen benennen konkrete, unmittelbar sinnlich erfahrbare und besondere Qualitäten, die einen konkreten Punkt im Raum von anderen unterscheiden.

02. August | 2017
Zur raumtheoretischen Forschung am IRS

Unter den vier großen Wissenschaftsorganisationen der Bundesrepublik Deutschland, die von Bund und Ländern gemeinsam gefördert werden, ist die Leibniz-Gemeinschaft die einzige, die mehrere Institute unter ihrem Dach versammelt, die aus jeweils eigenen Perspektiven Forschungen mit Raumbezug durchführen. Diese Besonderheit liegt sicher nicht ursächlich in der Faszination begründet, die Fragen des Raumes auf den Namensgeber Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) ausgeübt haben. Seine Überlegungen zu absoluten und relativen Räumen stellen für raumwissenschaftliche Institute – und ganz besonders für das IRS – einen spannenden Referenzpunkt dar. Der Essay von Prof. Dr. Oliver Ibert und Prof. Dr. Heiderose Kilper stellt die theoretischen und konzeptionellen Grundlinien der raumbezogenen Forschung des IRS dar. mehr Info