Raumkonzepte in der IRS-Forschung

Grundlegend für die Konzeptualisierung von Raum in der IRS-Forschung ist ein konstruktivistischer Ansatz: Akteure oder soziale Gruppen bilden und prägen Räume durch selektive Wahrnehmungen, symbolische Zuschreibungen, diskursive Erzeugungen von Raumqualitäten und materielle Gestaltungen. Kennzeichnend für diese Konstruktionsprozesse ist, dass sie materielle Raumelemente mit sozialen Elementen verbinden. So ist beispielsweise nicht nur von Belang, welche physischen Bestandteile Räume aufweisen, sondern auch, wie Individuen oder Gruppen den Raum wahrnehmen, aneignen und ihn bewerten.

Die IRS-Forschung zeichnet sich durch ein relationales Raumverständnis aus. Entscheidend für das räumliche Handeln von Akteuren ist demnach die Nähe und Distanz zu anderen Akteuren oder Elementen des Raumes – nicht nur verstanden als physische Entfernung, sondern auch und vor allem im Sinne von sozialer, kognitiver, institutioneller und organisationaler Divergenz.

Die globale Erwärmung des Klimas hat die Sensibilität für Naturereignisse wie Starkregen, Überflutungen und Dürren erhöht. Wenn Pegel eines Flusses bedrohlich ansteigen, sich ein Sturmtief Richtung Küste bewegt oder Trockenheit das Waldbrandrisiko enorm erhöht, scheinen sich die konkreten Ursachen und möglichen Folgen der Katastrophen zunächst jeder Zweideutigkeit zu entziehen: Extremwetterereignisse sind einerseits Fakt, materiell und objektiv. Andererseits wird am Beispiel von globalen Kontroversen zum Klimawandel schnell deutlich, dass der Klimawandel und seine Folgen nur scheinbar als eine objektive und eindeutige Gegebenheit wahrgenommen werden. Wenn es auf globaler Ebene um zukünftige Entwicklungen geht, vertreten verschiedene Akteure – selbst innerhalb kleiner räumlicher Einheiten wie Städten – durchaus unterschiedliche Ansichten. mehr Info

Ein weiteres Kennzeichnen des IRS-Raumverständnisses ist eine Prozessperspektive auf den Raum. Die Interaktion der räumlichen und zeitlichen Dimensionen reichen in der IRS-Forschung von alltäglichen Prozessen der Raumaneignung bis hin zu historischen Entwicklungslinien über mehrere Jahrzehnte. Wiederkehrende Eigenlogiken, etwa von Innovations- oder Planungsprozessen, werden dabei ebenso herausgearbeitet wie einzigartige Ereignisse.

 

Kennzeichnend für die raumbezogene Sozialforschung am IRS ist das Zusammendenken von räumlichen und gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen. Daraus folgt unter anderem, dass der Raum konsequent aus einer Prozessperspektive erforscht und somit die Interaktion zwischen der räumlichen und der zeitlichen Dimension systematisch analysiert wird. Ein Beispiel dafür sind die Arbeiten der Forschungsabteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“: Die Wissenschaftler/-innen untersuchen regionale Energiewenden als sozioräumliche Prozesse, die Raumnutzungen verändern und dadurch die Grundlage für die Veränderung bestehender und die Herausbildung neuer Energieräume sind. Dafür wenden sie den TPSN-Ansatz (Territory, Place, Scale, Network) erstmals auf das Themenfeld der Energieforschung an und prüfen kritisch, inwieweit dieser als theoretisch-konzeptionelle Grundlage für die empirische Arbeit im Projekt „Neue Energieräume: Dimensionen sozioräumlicher Beziehungen in regionalen Energiewenden“ nutzbar ist. mehr Info

Eine Besonderheit in der Raumkonzeption des IRS besteht im Verständnis von Raum als Ressource in Entwicklungsprozessen und nicht allein als Objekt oder Kontext. Räumlich verteilte Ressourcen und Akteure können mobilisiert und verknüpft sowie vorhandene Ressourcen so zu Gelegenheiten und Hemmnissen räumlicher Entwicklung werden. Symbolisch aufgeladene Orte können Entwicklungsvorstellungen und damit Konsequenzen von Lernprozessen erlebbar machen.

Sozial-räumlicher Wandel in allen seinen Facetten hat schon immer das Interesse der raumbezogenen Sozialforschung geweckt. Dazu gehören etwa Auf- und Abwertungsprozesse in Stadtquartieren, innovative und in Entwicklungsblockaden verharrende Städte und Regionen oder auch nationalstaatliche Programme wie die Deutsche „Energiewende“, die sich räumlich differenziert auswirken. Es wäre sicher nicht falsch, noch weitergehend zu behaupten, dass derart räumlich gefasste Gegenstände der Forschung die wesentliche Gemeinsamkeit bilden, die das interdisziplinäre Feld einer raumbezogenen Sozialforschung zusammenhält. Und doch sollte dieses Feld sich nicht allein über räumlich definierte Gegenstände von anderen Forschungsrichtungen abgrenzen: Es ergeben sich Chancen für andere Perspektiven, wenn Raum nicht mehr bloß als Gegenstand der Untersuchung beforscht, sondern auch als eine Ressource gesellschaftlicher Entwicklungen thematisiert wird. mehr Info

Schließlich machen Wissenschaftler/-innen am IRS die unterschiedlichen Bedeutungen von Raum und Ort für ihre Forschung fruchtbar. „Raum“ bezeichnet ein eher abstraktes Ordnungssystem, in dem nach verschiedenen Logiken Punkte verortet, Distanzen gemessen und Raumeinheiten voneinander abgegrenzt werden können. „Orte“ hingegen benennen konkrete, unmittelbar sinnlich erfahrbare und besondere Qualitäten, die einen konkreten Punkt im Raum von anderen unterscheiden.

 

Eine traditionelle Perspektive der Raumwissenschaften betont, dass räumliche Nähe mit intensiveren Beziehungen einhergeht und damit benachbarte Personen, Dinge oder Orte wahrscheinlich eine höhere Ähnlichkeit aufweisen als weit entfernte. Viele Alltagserfahrungen, die häufig mit räumlicher Nähe in Zusammenhang stehen, scheinen dieses „eherne“ Gesetz zu bestätigen. Auf dieser Zentralstellung physisch-räumlicher Nähe und Distanz beruhen viele geographische Raumkonzeptionen, etwa das System der zentralen Orte oder Standorttheorien. Im Zuge der Globalisierung werden jedoch immer mehr Anzeichen sichtbar, dass dieses Raumverständnis seine Grenzen hat. Beziehungen werden heutzutage häufiger ortsungebunden im Internet angebahnt und gepflegt und auch Lern- und Arbeitsprozesse sind mittlerweile so global verteilt, dass ökonomische und soziale Zusammenhänge nur noch zum Teil an lokale Nähe geknüpft sind. mehr Info

02. August | 2017
Zur raumtheoretischen Forschung am IRS

Unter den vier großen Wissenschaftsorganisationen der Bundesrepublik Deutschland, die von Bund und Ländern gemeinsam gefördert werden, ist die Leibniz-Gemeinschaft die einzige, die mehrere Institute unter ihrem Dach versammelt, die aus jeweils eigenen Perspektiven Forschungen mit Raumbezug durchführen. Diese Besonderheit liegt sicher nicht ursächlich in der Faszination begründet, die Fragen des Raumes auf den Namensgeber Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) ausgeübt haben. Seine Überlegungen zu absoluten und relativen Räumen stellen für raumwissenschaftliche Institute – und ganz besonders für das IRS – einen spannenden Referenzpunkt dar. Der Essay von Prof. Dr. Oliver Ibert und Prof. Dr. Heiderose Kilper stellt die theoretischen und konzeptionellen Grundlinien der raumbezogenen Forschung des IRS dar. mehr Info