Drittmittelprojekt

Wie kommt Neuartiges in die räumliche Planung? Innovationsprozesse in Handlungsfeldern der Stadt- und Regionalplanung (InnoPlan)

Forschungsabteilung: Dynamiken von Wirtschaftsräumen

Projektleitung: Prof. Dr. Oliver Ibert Prof. Dr. Gabriela Christmann

Projektteam: Franz Füg Oliver Koczy Thomas Honeck

Externe Mitarbeiter: Daniela Zupan Johann Jessen

Förderorganisation: Deutsche Forschungsgemeinschaft

Laufzeit: 10/2013 - 03/2016

innovationsprozesse-in-handlungsfeldern
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Das DFG-Forschungsprojekt „Innovationen in der Planung: Wie kommt Neuartiges in die räumliche Planung?“ (InnoPlan) untersuchte den Prozess der Entstehung, Verbreitung und Durchsetzung neuer Planungsverfahren und -instrumente. Dabei übertrug es das sozialwissenschaftliche Konzept der „gesellschaftlichen Innovation“ auf Handlungsfelder der Stadt- und Regionalplanung. Der sozialwissenschaftliche Innovationsbegriff fasst die Entstehung von Neuerungen als komplexe, soziale Prozesse, die zwar durch historische Ereignisse und besondere Situationen geprägt sind, dennoch zeitlich strukturiert ablaufen. Dabei wirken verschiedene individuelle und kollektive Akteure, durchaus auch konflikthaft zusammen. Dem passiven Charakter des vorherrschenden Begriffs „Wandel“ wird dabei das proaktive Moment intentionalen Lernens und Handelns entgegengestellt.

In drei Fragenkomplexen wurden die zeitliche, die organisatorische und die institutionelle Dimension von Innovationsprozessen in der Planung analysiert. Im Erkenntnisinteresse standen die Fragen nach der zeitlichen Verlaufslogik des Prozesses, der räumlichen Verbreitung und Mobilität von Innovationen, zentralen Akteuren und Arrangements und der institutionellen Manifestation. Im Forschungsprojekt kam ein Methodenmix aus Diskurs- und Dokumentenanalyse, qualitativen Interviews sowie der Erhebung von Fallstudien zur Anwendung.

In vier Handlungsfeldern der räumlichen Planung analysierte InnoPlan die Entwicklungspfade, auf denen sich eine spezifische Neuerung als Innovation durchsetzen konnte. Die untersuchten Handlungsfelder waren „Planung und Bau neuer Stadtteile“, „Zwischennutzungen und Raumpioniere“, „Lernende Region“ sowie „Quartiersmanagement in benachteiligten Stadtgebieten“. Die drei letztgenannten Studien wurden am IRS durchgeführt.

 

Die Handlungsfeldstudie „Zwischennutzung“ fokussiert sich darauf, wie sich angesichts vielschichtiger Herausforderungen des Strukturwandels Zwischennutzungen von leerstehenden Flächen und Gebäuden in Deutschland als gängige Verfahren der Planung etabliert haben. Ähnliche Raumaneignungen mit informellem Charakter wurden noch vor zwanzig Jahren meist als illegitim verhandelt und weitgehend unterbunden. Die strategische Implementierung von Zwischennutzungen stellt damit einen deutlichen Bruch mit der vormals üblichen Planungspraxis dar.

Während die Entwicklung des Ansatzes in einem ersten Projektteil in Bezug auf das gesamte deutsche Planungssystem rekonstruiert wurde, untersuchte ein zweiter Projektteil speziell seine Etablierung in den strukturell verschiedenen Städten Berlin und Stuttgart. Im Feld der Zwischennutzung nehmen Innovationsnarrative starke Bezüge auf Berlin. Nach der Wiedervereinigung bot die Stadt mit ihren zahlreichen Freiflächen und den vielen Kreativen eine sozial-räumliche Nische für (teils auch illegale) Raumaneignungen. Eine neue Generation von Berliner Urbanisten erforschte und beschrieb die Potenziale dieser Praktiken und machte sie damit auch außerhalb der Nische bekannt. Über die Revitalisierungsbemühungen in den in jener Zeit schrumpfenden Städten im Osten Deutschlands wurden erste Policies zur Zwischennutzung entwickelt und es kam zu einer Novellierung des Baugesetzbuchs. Die weltweit geführte Debatte zur kreativen Stadt machte speziell die kulturorientierten Zwischennutzungen auch für prosperierende Städte in Deutschland zu Standortfaktoren.

 

Die Handlungsfeldstudie „Lernende Region“ untersucht das Aufkommen von Ansätzen in der Regionalpolitik, in denen ab den späten 1980er Jahren zunehmend ein Verständnis aufholender Regionalentwicklung durch ein Leitbild einer pfadverändernden Regionalpolitik abgelöst worden ist und eine Fokussierung auf die harten Infrastrukturen von Regionen zunehmend durch eine Wertschätzung der Software (also der Lern- und Veränderungsfähigkeit regionaler Akteure) überlagert wurde. Wesentliche Merkmale dieser Intervention sind

• das Zusammenwirken einer regionalen Entwicklungsvision und deren Konkretisierung in Form von Projekten,

• die weit reichende Integration von privaten und zivilgesellschaftlichen Akteuren in die Politikgestaltung,

• die Implementierung von regionalen Entwicklungsagenturen,

• die Re-Skalierung des Handelns auf Räume, die durch das adressierte Entwicklungsproblem konstituiert sind sowie

• eine zunehmenden Festivalisierung von Planung.

Da Politiken der lernenden Region immer regional spezifisch sein müssen, hat sich der Politikansatz weniger in festen Regeln oder Gesetzen manifestiert, doch die Kernelemente des Ansatzes gehören zum Standardrepertoire zeitgemäßer Planung und werden an unterschiedlichen Orten und seit gut zwei Jahrzehnten immer wieder aufs Neue re-kombiniert.

 

Die Handlungsfeldstudie „Quartiersmanagement in benachteiligten Stadtgebieten“ untersuchte den Innovationsprozess integrierter und gebietsbezogener Quartiersentwicklungsverfahren. Aufgrund zunehmender Polarisierungs- und Segregationsprozesse in Großstädten entstanden seit den siebziger Jahren in Deutschland neue Planungsansätze für benachteiligte Stadtquartiere. Neben baulich-investiven Mitteln sollten durch sozial-konsumtive Maßnahmen strukturelle Missstände und Ungleichheiten kleinräumig kompensiert werden. Dabei werden vertikal mehrere Politikebenen und horizontal mehrere Politiksektoren und Akteure außerhalb des politisch-administrativen Systems in den Planungsprozess mit einbezogen. Die Umsetzung integrierter Handlungskonzepte erfolgt dabei lokal und kooperativ durch ein Quartiersmanagement im Stadtteil. Mit der integrierten Quartiersentwicklung hat sich ein Verfahren etabliert, das nicht nur zur Verbesserung der Lebensverhältnisse in den Stadtquartieren, sondern auch zu einem Wandel in der Stadterneuerungspolitik geführt hat. Es hat sich auf allen administrativen Planungsebenen (EU, Bund, Länder und Kommunen) als angewandte Routine durchgesetzt und wurde in politischen Programmen und Leitlinien (z.B. Städtebauförderung) verankert. Daher kann es als ein Beispiel für eine Innovation in der Planung verstanden werden.

 

Foto: IBA Hamburg, © Gunnar Ries