Leitprojekt

Smart Villagers. Digitalisierungen und soziale Innovationen in ländlichen Räumen

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Smart Cities sind in aller Munde – doch smarte Dörfer? Ländliche Räume, insbesondere in strukturschwachen Regionen, sind häufig von Abwanderung und einem zunehmenden Rückstand bei digitalen Infrastrukturen und Innovationsdynamiken betroffen. Beide Trends verstärken sich gegenseitig. Es gibt jedoch Beispiele für Dörfer, in welchen innovationsorientierte Initiativen nicht nur vorhandene Defizite ausgleichen, sondern situations- und problemspezifisch neue lokale Lösungsmodelle entwickeln. Sie verbinden dabei neue Dienstleistungsangebote mit kreativen Anwendungen von Digitaltechnologie und mitunter auch verbesserten digitalen Infrastrukturen. Die Rede ist also von digital unterstützten sozialen initiativen. Dabei zeigt sich zum einen eine große Vielfalt von Handlungsgebieten und -ansätzen – von App-gestützten Mobilitätsdienstleistungen über Telemedizin zu Coworking Spaces, die im ländlichen Raum flexible Arbeitsformen ermöglichen, die typischerweise nur in Städten zu Verfügung stehen. Zum anderen zeichnen sich die besagten Initiativen durch ihren ausgeprägten bottom-up-Charakter aus, was jedoch eine Unterstützung etwa durch Politiken der Landesebene nicht ausschließt.
Das Erkenntnisinteresse des Leitprojekts liegt darin, derartige Initiativen mit Blick auf ihren Gehalt, die beteiligten Akteure und Akteurskonstellationen, ihren Prozesscharakter und ihre Wirkungen auf das Alltagsleben in ländlichen Räumen zu verstehen. Der zentrale konzeptionelle Bezugspunkt ist dabei Rammerts Konzept der „gesellschaftlichen Innovationen“. Er wird ergänzt durch Überlegungen zur Mediatisierung sozialen Handelns. Hinsichtlich des Gehalts und des Akteurshandelns steht die Frage im Vordergrund, wie verschiedene technologische und nicht-technologische Elemente rekombiniert werden und inwiefern Digitalisierung eher als Triebkraft oder eher als Konsequenz oder Teilaspekt zu verstehen ist. Hinsichtlich der Prozessualität steht die Frage nach ortsspezifischen Entwicklungsverläufen, Phasierungen sowie inhaltlichen und räumlichen Ausbreitungsmustern im Zentrum. Mit dem Fragenkomplex „Wirkung“ sind Be- oder Entschleunigungen des Alltagslebens durch globale Konnektivität, neue alltagspraktisch wirksame Raumkonstruktionen sowie soziale Differenzierungen der Auswirkung von Digitalisierungen (auf unterschiedliche Gruppen) angesprochen.
Die Forschungsobjekte sind digital unterstützte sozial-innovative Initiativen, von welchen jeweils eine in einer detaillierten qualitativen Fallstudie nachgezeichnet werden soll. Insgesamt sollen sechs Fallstudien erhoben werden, fünf davon in deutschen Gemeinden und eine in Estland. Letztere soll dabei als Referenzfall für Initiativen in einer Gesellschaft mit weit fortgeschrittener Digitalisierung dienen. Zur Datenerhebung soll eine fokussierte Ethnographie zum Einsatz kommen, die Experteninterviews und Dokumentenanalysen, medienbiographische Interviews, problemzentrierte Interviews und teilnehmende Beobachtungen verbindet.

Fotos: dusanpetkovic1/stock.adobe.com; agenturfotografin/stock.adobe.com; alexbrylovhk/stock.adobe.com;