Drittmittelprojekt

Potsdam Research Cluster for Georisk Analysis, Environmental Change and Sustainability - Teilprojekt: Gesellschaftliche Verarbeitung von Klimarisiken: Öffentliche Diskurse und Experteneinschätzungen (PROGRESS)

Das Teilprojekt „Gesellschaftliche Verarbeitungen des Klimawandels“ untersuchte mit sozialwissenschaftlichen Methoden, wie Klimaveränderungen im Nord- und Ostseeraum antizipiert, wahrgenommen und in Handeln übersetzt werden. Durch die Untersuchung von Mediendiskursen und Expertenaussagen konnten Grundsätze und Maßnahmen identifiziert werden, die für eine erfolgreiche klimawandelbezogene Planung entscheidend sind.

Die Studien fanden im Rahmen des „Potsdamer Forschungsverbundes für Naturgefahren, Klimawandel und Nachhaltigkeit“ (PROGRESS) im Themenbereich „Governance-Strukturen“ statt. Sie fokussierten gesellschaftliche und politisch-administrative Formen der Bearbeitung von Naturgefahren und gingen der Frage nach, wie Akteure glaubten, mögliche Bedrohungen bewältigen zu können. Es sollten auch Aussagen darüber getroffen werden, wie naturwissenschaftliches Wissen zu Geo- und Klimarisiken durch gesellschaftliche Akteure bzw. politisch-administrative Systeme verarbeitet und in Handeln übersetzt wird.

Am IRS wurde die gesellschaftliche Verarbeitung von Klimawissen in verschiedenen Forschungsmodulen triangulativ durch Methodenkombinationen beleuchtet. Eine Länder vergleichende Fragebogenuntersuchung untersuchte, welche Wahrnehmungen von Bedrohungen und welche Maßnahmenpräferenzen bei Akteuren der Raumentwicklung in europäischen Küstenregionen festgestellt werden können. Qualitative Tiefeninterviews mit Experten und eine Wissenssoziologische Diskursanalyse rekonstruierten zudem für Lübeck, Rostock, Bremen und Bremerhaven Mechanismen lokaler Verarbeitungen jeweils im Detail. Über eine standardisierte Delphi-Befragung von Experten wurden zudem Erfolg versprechende Maßnahmen der Resilienzbildung für die deutschen Küstenregionen identifiziert.

Durch alle Forschungsmodule zieht sich die Erkenntnis hindurch, dass die jeweiligen gesellschaftlich geteilten Wissensbestände vor Ort Einfluss darauf haben, wie naturwissenschaftliches Wissen lokal aufgenommen und bearbeitet wird. Bei der Analyse lokaler Diskurse zeigte sich, dass trotz ähnlicher physisch-geographischer Gegebenheiten und Klimasimulationen in Rostock und Lübeck das aus den Naturwissenschaften vermittelte Klimawissen lokal sehr unterschiedlich aufgenommen wurde. Während in den 2000er Jahren in dem unter sozio-ökonomischen Problemlagen leidenden Rostock vor allem die positivem Folgen des Klimawandels für die touristische und ökonomische Entwicklung diskutiert wurden, standen in Lübeck Bedrohungen durch den Klimawandel im Zentrum der Diskussionen, insbesondere Herausforderungen für den Erhalt des UNESCO-Weltkulturerbes der Stadt. Auf nationaler Ebene zeigte sich, dass in den Niederlanden, anders als etwa in Polen oder Deutschland, Landverluste deutlich seltener als großes Problem für die Zukunft gesehen werden. Hier verfügt man bereits seit dem Mittelalter über jahrhundertelange Erfahrungen mit wasserbezogenen Problemen, so dass Machbarkeitsvorstellungen deutlich häufiger anzutreffen sind. Es konnte zudem gezeigt werden, dass Unterschiede im Wissen und Wollen der Akteure über dominierende Wertorientierungen, Naturbilder und raumbezogene Identitäten erklärt werden können. Im Hinblick auf aktuell drängende Handlungserfordernisse, stellte sich heraus, dass in Deutschland veränderte Niederschlagsmuster bereits als ernstes Problem der Gegenwart gesehen werden und dass in der Meinung von Experten daher Maßnahmen gegen Binnenlandhochwasser priorisiert werden sollten.

Publikationen

Heimann, T., & Christmann, G. (2013). Klimawandel in den deutschen Küstenstädten und -gemeinden: Befunde und Handlungsempfehlungen für Praktiker. Erkner: Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung.
Christmann, G., Heimann, T., Mahlkow, N., & Balgar, K. (2012). Klimawandel als soziale Konstruktion?. Zeitschrift für Zukunftsforschung, (2).