Leitprojekt

Kritische Infrastrukturen. Die politische Konstruktion, Räumlichkeit und Governance von Kritikalität

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Ziel des Leitprojekts ist es, die politische Konstruktion und die Governance kritischer Infrastrukturen im Zusammenhang mit ihrer Räumlichkeit zu verstehen. Infrastrukturen werden zunehmend im Hinblick auf ihre Anfälligkeit für Störungen und die daraus resultierenden Sicherheitsrisiken betrachtet. Politische Ressourcen werden darauf verwendet, „kritische Infrastrukturen“ wie etwa Wasserversorgungs- und Energienetze angemessen zu sichern.
Doch welche Infrastrukturen gelten als kritisch und warum? Die Wahrnehmung und Governance von Infrastrukturen sind insbesondere für Städte durch ihre hohe Konzentration an Menschen, Infrastrukturen, ökonomischen und kulturellen Gütern relevant. Zum einen können lebenswichtige Infrastrukturen, etwa Verkehr, Wasserversorgung und Kanalisation, durch Extremwetterereignisse wie Dürren, Stürme und Überflutungen überfordert oder geschädigt werden. Dementsprechend dient die städtische Klimaanpassung, welche auf derartige Disruptionen vorzubereiten versucht, als ein Untersuchungsfeld. Darüber hinaus wird Digitalisierung zunehmend als Möglichkeit gesehen, urbanen, komplexen Problemen als Instrument für eine flexiblere Steuerung von Infrastrukturnetzen zu begegnen. Andererseits stellt Digitalisierung eine neue Unsicherheitsquelle durch die mögliche Anfälligkeit der IT-Sicherheit von Infrastrukturen da. Beides wirft insbesondere Fragen für Smart-City-Projekte auf, welche digitalisierte, effizientere Formen der Steuerung und Nutzung von Versorgungs- und Ressourcennetzwerken zum hauptsächlichen Zielt haben.

Bislang ist die raumbezogene politische Konstruktion von Infrastrukturkritikalität noch wenig erforscht. Das Leitprojekt soll an dieser Forschungslücke ansetzen. In einem ersten Fragenkomplex geht es darum, welche kollektiven Vorstellungen und Wahrnehmungen von Kritikalität auf der nationalen Ebene – am Beispiel Deutschlands – in institutionelle Regelungen und den politischen Diskurs überführt wurden. Welche Infrastrukturen werden als kritisch eingeschätzt und von wem, und wird die Raum-Zeit-Dynamik kritischer Infrastrukturen adressiert? Denn Infrastrukturen stehen zeitlich in einem Spannungsfeld zwischen schleichenden Prozessen, etwa mangelnde Instandhaltung oder Klimaerwärmung, und disruptiven Einzelereignissen, wie Cyberattacken oder extremen Wetterereignissen. Werden Strategien wie Resilienz, welche zeitliche Dynamiken beinhalten, in politischen Diskursen und institutionellen Regelungen wiedergegeben? Darüber hinaus stehen Infrastrukturen in einem relationalen Verhältnis zu organisierten Praktiken ihres räumlichen Umfelds – sie sind in den jeweiligen Kontext sozial und materiell eingebettet. Wie wirkt sich daher die Wahrnehmung nach der COVID-19 Pandemie hinsichtlich der Definition von kritischer Infrastrukturen aus?

In einem zweiten Fragekomplex stehen die Untersuchungsfelder der städtischen Klimawandelanpassung und urbaner Digitalisierungsprojekte im Zentrum: Wie gestaltet sich die Wahrnehmung und Governance kritischer Infrastrukturen in dem untersuchten Handlungsfeldern? Zu diesem Zweck beforschen wir einerseits die Städtestrategien des transnationalen Netzwerks der 100 Resilient Cities. In diesem waren teilnehmende Städte aufgefordert, resiliente Maßnahmen der Klimaanpassung mit ihren potentiell dringendsten Schocks und systemischen Belastungen zu verbinden. Welche Vorstellungen von urbaner Vulnerabilität, Resilienz und Kritikalität prägen die Strategien über Zeit und geografischen Raum? Andererseits nehmen wir Digitalisierungsprojekte in Deutschland in den Blick. Welche Dynamiken ergeben sich aus der Digitalisierung von kritischen, urbanen Infrastrukturen? Durch wen (Akteur*innen, Akteurskonstellationen), was (Leitbilder, Raum- und Zeitdimensionen) und wie wird die Planung digitalisierter Infrastrukturen beeinflusst?

Um diesen Fragestellungen zu begegnen, sollen im Leitprojekt die Methoden der Institutionenanalyse, Diskursanalyse, Dokumentenanalyse, qualitativer Indikatorentwicklung und qualitativen Interviews zur Anwendung kommen.

Fotos: urbans78/stock.adobe.com

Aktuelles
23. April | 2020

In der Corona-Krise sind wir gezwungen, unsere Alltagsroutinen zu ändern. Digitale Kommunikation und Remote-Arbeit werden wichtiger, neue Umgangsformen etablieren sich, etwa im Einzelhandel. Und selten stand die Leistungsfähigkeit von Infrastrukturen – in diesem Fall die des Gesundheitssystems – so im Zentrum der Aufmerksamkeit wie jetzt. Diese Krise ist damit auch eine Gelegenheit für die raumbezogene Sozialforschung, ganz neue Erkenntnisse zu generieren und, als Seismograph und Impulsgeber, der Gesellschaft bei der Bewältigung der Krise zu helfen. Das IRS justiert seine Forschung kurzfristig neu, um dieser Herausforderung zu begegnen. mehr Info

Publikationen

Coppola, A., Crivelli, S., & Haupt, W. (2020). Urban Resilience as New Ways of Governing: The Implementation of the 100 Resilient Cities Initiative in Rome and Milan. in A. Balducci, D. Chiffi, & F. Curci (Hrsg.), Risk and Resilience: Socio‐Spatial and Environmental Challenges (S. 113-136). (PoliMI SpringerBriefs). Cham: Springer. DOI: 10.1007/978-3-030-56067-6_8