Drittmittelprojekt

Kartieren und Transformieren. Interdisziplinäre Zugriffe auf Stadtkarten als visuelles Medium urbaner Transformation in Mittel- und Osteuropa, 1939-1949

Forschungsabteilung: Historische Forschungsstelle

Projektleitung im IRS: Prof. Dr. Christoph Bernhardt Dr. Piotr Szczepan Kisiel

Verbundpartner: Otto-Friedrich Universität Bamberg (Koordination) Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung (HI) GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften

Förderorganisation: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Laufzeit: 11/2020 - 10/2024

Städte, die vom Zweiten Weltkrieg betroffen waren, mussten angesichts der drohenden oder realen Bombenkatastrophe ihr städtisches Selbstverständnis neu bestimmen und eine Revision ihres Baubestandes vornehmen. In den Jahren 1939 bis 1949 zeichneten Stadtverwaltungen, Fachbehörden, Vereine, Firmen und Privatpersonen Karten, die materielle und ideelle Bewertungen der Bauten vornahmen. Sie informierten über Änderungen an der Einwohnerstruktur, an technischen Infrastrukturen, über Abbruch- und Stabilisierungsbedarf oder Trümmerverschiebung und Baustoffgewinnung. Thematische Karten entstanden in beschleunigten Verfahren und gezielt in Vorbereitung auf Entscheidungen zum Abbruch oder Wiederaufbau nach dem Krieg. Als Medien zur Steuerung städtebaulicher und politischer Planungsprozesse sind sie damit heute visuelle Quellen der damaligen Transformationsabsichten.

Der Forschungsverbund „Kartieren und Transformieren. Interdisziplinäre Zugriffe auf Stadtkarten als visuelles Medium urbaner Transformation in Mittel- und Osteuropa, 1939-1949“ erforscht Funktionen der Stadtkarten in Transformationsprozessen für ausgewählte Städte in Mittel- und Ostmitteleuropa in interdisziplinärer Zusammenarbeit aus der Perspektive der Geistes- und Ingenieurwissenschaften, Sozialgeographie sowie Informatik. Das Vorhaben wird unter folgenden Fragestellungen analysiert:

a) In welcher Weise entwickelte sich das visuelle Programm von Karten und Infografiken hinsichtlich der Abbildung von Schadenserhebungen sowie von Um- und Aufbauplanungen?

b) Wie nutzten Akteursgruppen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft im Kontext wechselnder Frontverläufe und politischer Zugehörigkeiten Themenkarten als Argumente für ihre Um- und Aufbauziele?

c) Welche Funktionen übernahmen Kartierungen und Aufzeichnungen in der Aufbauplanung sowie im materiellen Um- und Aufbau mittel- und osteuropäischer Städte?

Das Teilprojekt am IRS vereint heterogene und wenig erforschte Datensätze, Karten und Archivmaterial, um die Transformation ausgewählter Städte in Ostdeutschland und im kommunistischen Polen zu untersuchen. Dazu gehören: Chemnitz/Karl-Marx-Stadt, Magdeburg, Neubrandenburg, Weimar, Bolesławiec/Bunzlau, Myślibórz/Soldin, Racibórz/Ratibor und Szczecin/Stettin. Das Teilprojekt widmet sich dem Zeitraum bis in die 1960er Jahre und hinterfragt das Erbe der nationalsozialistischen Kartographie und Kriegsschäden bei der Planung sozialistischer Städte.

Dieses Teilprojekt konzentriert sich insbesondere auf Kriegsschäden und Themenkarten und analysiert die Intentionen, Strategien und Logiken des Wiederaufbaus bzw. der Nachkriegsstadtplanung in einer vergleichenden Perspektive. Planung zielt darauf ab, diese Karten kritisch zu de/rekonstruieren und fragt nach ihren Autoren*innen (die nicht auf die Mitarbeiter des Speer-Ministeriums beschränkt waren). Schließlich wird untersucht, wie mit der (teilweise) zerstörten Bausubstanz in der Praxis umgegangen wurde.

Weitere Teilprojekte:
Teilprojekt: KAR_Bestand (Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Dr.-Ing. Carmen M. Enss, Dr.Klaus Stein)
Teilprojekt: KAR_Diskurs (Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, Dr. Elisa-Maria Hiemer)
Teilprojekt: KAR_Sozialkartographie (Dr. Carol Ludwig, GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften)