Qualifizierungsprojekt

Figurationen des Ländlichen. Diskursive Konstruktionen ländlicher Räume zwischen Sehnsuchtsort und Restraum

Forschungsabteilung: Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum

Projektleitung im IRS: Dr. Ariane Sept

Laufzeit: 10/2020 - 09/2024

Regelmäßig werden ländliche Räume mit negativen Bildern über Probleme wie demografischer Wandel, Verlust von Infrastrukturen oder fehlende Breitbandanschlüsse in Verbindung gebracht. Dies gipfelte in Zuschreibungen wie „sterbende Dörfer“, „Ausbluten“ oder „leeren Landschaften“, insbesondere in Bezug auf strukturschwache Regionen in den östlichen Bundesländern. Die Landflucht, so die reduzierte diskursive Annahme, sei eine unaufhaltsame Tatsache und die Zukunft liege in den Großstädten. Seit einigen Jahren scheint jedoch ein neuer Ton Einzug in die Debatte zu halten, der sich im Zuge der Covid19-Pandemie rasant verstärkte: Nun erscheint Stadtflucht als neuer Trend. Ländliche Räume gewinnen vermeintlich an Attraktivität, sei es, weil diese als neue Möglichkeitsräume betrachtet werden oder weil im Zuge steigender Miet-/Eigentumspreise Flächen in den Großstädten immer knapper werden. Diese „aktuelle Konjunktur des Ländlichen“ (Baumann 2018) lebt gleichzeitig von einem romantischen Blick auf den ländlichen Raum.

Die ländlichen Räume sind jedoch einem andauernden Wandel unterworfen und schon seit der Industrialisierung immer wieder gleichzeitig Sehnsuchtsort, Auslaufmodell, Projektionsfläche für das Leben in suburbanen Räumen, unbeachteter Restraum oder Ort von Tradition und Konservatismus. In der Wissenschaft scheint es gleichzeitig Konsens zu sein, dass die dichotome Trennung von Stadt und Land nicht länger haltbar ist und durch eine zunehmende Hybridisierung der Raumformen abgelöst wird.

Das Habilitationsprojekt widmet sich den Veränderungen der Raumkonstruktionen des Ländlichen sowie deren Bedeutung für die Raumplanung und -entwicklung, indem es die diskursive Konstruktion ländlicher Räume und deren Veränderungen seit den 1960er-Jahren in Deutschland analysiert. Das Projekt macht es sich zur Aufgabe, die Komplexität dieser Tendenzen und Debatten zu systematisieren. Dabei wird die These verfolgt, dass es nicht ausreichend ist, die Dichotomie von Stadt und Land durch das Konstatieren einer Hybridisierung und die Suche nach Begriffen für eine solche aufzulösen. Stattdessen sollen Stadt und Land als komplexe Beziehungsgeflechte (Figurationen) zwischen räumlichen Kategorien verstanden werden, die einer ständigen Wandlungsdynamik unterliegen und jeweils eigene Spezifitäten aufweisen können. Im Sinne von Elias und in Anlehnung an die Vorstellung einer „Re-Figuration von Räumen“ (Löw/Knoblauch 2019) soll schließlich ein Konzept erarbeitet werden, das sowohl eine Hybridisierung städtischer und ländlicher Raumformen im Ländlichen als auch (bewusste) Abgrenzungen sowie dominierende Raumfiguren fassen kann und gleichzeitig in der räumlichen Planung als praktisches Hilfskonstrukt dienen kann.