Qualifizierungsprojekt

Das mediatisierte Dorf. Digitale soziale Innovationen und Smart Villagers in ländlichen Räumen

Forschungsabteilung: Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum

Projektleitung im IRS: Nicole Zerrer

Laufzeit: 06/2019 - 05/2023

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Die Digitalisierung der verschiedensten Lebensbereiche ist einer der Megatrends des 21. Jahrhunderts, ein Wandlungsprozess, der die ganze Gesellschaft umfasst. Über mögliche Auswirkungen auf urbane Räume, wie sie sich etwa im Rahmen von Smart City-Projekten vollziehen, wird in der Öffentlichkeit bereits breit diskutiert. Digitalisierungsprozesse haben aber auch ländliche Räume längst erfasst. Beispiele hierfür sind die vielfältigen Digitalisierungsinitiativen, die darauf zielen, die Lebensqualität von Dorfbewohner*innen zu steigern. So werden beispielsweise spezielle Dorf-Apps, Telemedizin und smarte Mobilitätslösungen erprobt.

Orientiert an der Frage "Wie erleben Dorfgemeinschaften durch DSI verursachte Mediatisierungsprozesse?" ist das Ziel dieses Dissertationsprojekts, rurale Digitalisierungsprozesse besser zu verstehen, die Effekte auf die Dorfgemeinschaft zu erforschen und eine theoretische Rahmung für diesen Untersuchungsgegenstand (weiter-) zu entwickeln.

Am Start und in der Durchführung digital unterstützter sozial innovativer (DSI) Initiativen sind unterschiedliche Akteur*innen aus dem Dorf und von außen beteiligt. Für einen erfolgreichen Innovationsprozess braucht es ein Zusammenwirken von Akteur*innen auf verschiedenen Ebenen und mit sich ergänzenden Kompetenzen. Wer, wann, wie, welche Rolle in diesem dynamischen Prozess einnimmt, wird die Analyse des Datenmaterials zeigen.
Ein Bedürfnis, welches in auffällig vielen Dorfgemeinschaften adressiert wird, ist die Stärkung bzw. Wiederbelebung des Austausches und der Kommunikation im Ort. Mit dem Wegfall wichtiger Infrastrukturen wie Lebensmittelgeschäften, Bäckereien, Schulen oder Postfilialen sind gleichzeitig die täglichen Begegnungsorte der Dorfbewohner*innen verschwunden.

Dies hat zum einen zur Folge, dass dorfrelevante Themen weniger oder in kleineren Kreisen diskutiert werden, zum anderen fühlen sich die Dorfbewohner*innen schlechter informiert und ihr Gemeinschaftsgefühl, sowie ihre Identifikation mit dem Ort haben abgenommen. Mit steigendem Lebensalter schwindet die Mobilität und die soziale Isolation nimmt zu, hierdurch sind ältere Dorfbewohner*innen eine besonders vulnerable Gruppe. Der digitale Austausch via App könnte die soziale Interaktion im Dorf stärken und Möglichkeiten schaffen, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Herauszufinden wie sich diese Form des digitalen Austausches auf die Dorfgemeinschaft auswirkt, ist ein weiteres Erkenntnisinteresse dieses Forschungsprojekts.

Auf theoretischer Ebene wird in diesem Projekt eine Rahmung von ruralen Digitalisierungsprozessen vorgenommen. Im Allgemeinen lässt sich die Einführung und Aneignung von digitalen Medienformaten mit dem Konzept der Mediatisierung beschreiben. Mit diesem Konzept kann sozialer, gesellschaftlicher und kultureller Wandel in Hinblick auf den Medienwandel betrachtet werden. Vor allem in Bezug auf das städtische, urbane Leben sind Mediatisierungsstudien publiziert, im Rahmen dieser Arbeit werden Mediatisierungsprozesse in Dorfgemeinschaft untersucht und analysiert. Die Dorfgemeinschaft tritt hierbei als eine spezifische, soziale, netzwerkartige Einheit bzw. eine kommunikative Figuration in den Vordergrund.

Um dieses Erkenntnisinteresse empirisch bedienen zu können, wurden drei spezifische Unterfragen entwickelt: Wer sind die wichtigen Akteur*innen im Innovationsprozess? Was verändert sich in der Dorfgemeinschaft durch die Nutzung einer Dorfkommunikations-App? Und: Wie kann das Konzept von Mediatisierung und kommunikativen Figurationen auf Dorfgemeinschaften angewendet werden? Die empirischen Daten werden über qualitative Leitfadeninterviews erhoben und um Daten aus teilnehmenden Beobachtungen, Dokumentenanalysen und digitalen Nutzungsprofilen ergänzt. Die Auswertung erfolgt nach den Grundlagen der Grounded Theory.

Die Ergebnisse leisten einen Beitrag dazu, die Forschungslücke von wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Digitalisierung im ländlichen Raum zu bearbeiten. Spezifisch werden hierbei Erkenntnisse zu Akteur*innen und Akteurskonstellationen im ruralen Innovationsprozess erarbeitet und der kommunikationswissenschaftliche Mediatisierungsansatz auf Dorfgemeinschaften übertragen und weiterentwickelt. Der methodische Zugewinn besteht aus der Integration von App-Daten im Rahmen der sozialwissenschaftlichen Analyse. Zum anderen können die Ergebnisse wichtige Hinweise für die Gemeinde- und Förderpolitik liefern, um Kommunen zukünftig erfolgreich durch Digitalisierungsprozesse zu begleiten.

Dieses Dissertationsprojekt wird betreut durch Prof. Dr. Jeffrey Wimmer an der Universität Augsburg, im Arbeitsbereich Medienrealität und durch Prof. Dr. Gabriela Christmann am IRS.

Publikationen

Zerrer, N., & Sept, A. (2020). Smart Villagers as Actors of Digital Social Innovation in Rural Areas. Urban Planning, 5(4), 78-88. DOI: 10.17645/up.v5i4.3183