24. Januar | 2008 - 25. Januar | 2008

Neue Forschungen zur ostdeutschen Planungsgeschichte

10. Werkstattgespräch

Tagungsbericht von Dr. Harald Engler / IRS

Während die historische DDR-Forschung im Allgemeinen in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist [1], wird die Architektur-, Planungs- und Stadtgeschichte der ostdeutschen Kommunen und Regionen immerhin in den regelmäßigen „Werkstattgesprächen“ am Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner kontinuierlich diskutiert. Das am 24./25. Januar 2008 durchgeführte zehnte Werkstattgespräch zur ostdeutschen Planungsgeschichte war nicht nur ein kleines Jubiläum, sondern versammelte mit etwa 90 Tagungsteilnehmern mehr Fachleute als je zuvor. Die Konferenz führte wie immer etablierte Forscher mit Nachwuchswissenschaftlern zusammen und wurde wieder in Zusammenarbeit mit dem Schinkelzentrum sowie dem Center for Metropolitan Studies der Technischen Universität Berlin durchgeführt.[2]

Die Tagung gliederte sich in sieben Themenblöcke und spannte den Bogen von biographischen Zugriffen über Zentrumsplanungen bis zu Kirchenbau, Stadterneuerung und transnationalen Zusammenhängen. Nachdem die Direktorin des IRS, Prof. Heiderose Kilper, die Tagungsteilnehmer begrüßt und die neue personelle Struktur der Wissenschaftlichen Sammlungen am IRS vorgestellt hatte, zeichnete EDUARD KÖGEL (Berlin) in der einleitenden Sektion „Architekten und Planer“ eindrucksvoll das tragische Lebensschicksal des Architekten Rudolf Hamburger nach. Hamburger war unter seinem Freund Richard Paulick zeitweise stellvertretender Leiter für den Aufbau der zweiten „Sozialistischen Wohnstadt“ Hoyerswerda, zuvor hatte er in Shanghai die ersten Gebäude im Geiste der europäischen Moderne realisiert. Sein weitgehendes Scheitern und das offizielle Verschweigen seiner Emigrationserlebnisse in der DDR – sein Lebenslauf war aus politischen Gründen tabu, seine außerordentlichen Bauten in Shanghai wurden nie veröffentlicht – bot Anlass zu einer grundsätzlichen Debatte über die Rolle von und den staatlichen Umgang mit Re-Migranten im Bauwesen der DDR. ELMAR KOSSEL (Berlin) porträtierte hingegen mit Hermann Henselmann den bekanntesten, sehr erfolgreichen DDR-Architekten und rückte vor allem dessen Rezeption der Moderne in den Vordergrund der Betrachtung. Die Endphase der DDR behandelte hingegen MAX WELCH GUERRA (Bauhaus-Universität Weimar), der erörterte, ob es in der späten DDR einen „Reformflügel“ gab, der sich fachpolitisch kritisch mit der etablierten Stadtentwicklungspolitik auseinandersetzte. Am Beispiel von drei Initiativen an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar um Fred Staufenbiel, am Bauhaus in Dessau unter Rolf Kuhn sowie am Institut für Städtebau und Architektur (ISA) der Bauakademie in Berlin um Bernd Grönwald versuchte Welch Guerra, Reformansätze und reformorientierte Netzwerke zu rekonstruieren. In der Diskussion wurde die Reichweite dieser Netzwerke bis in die Staatsbürokratie und damit die Grundfrage nach der Reformierbarkeit von Teilen des DDR-Systems kontrovers debattiert.

Im Rahmen des Themenblocks „Zentrumsplanungen“ referierte THOMAS HOSCISLAWSKI (Stadtplanungsamt Leipzig) die Genese der defizitären Wiederaufbauplanungen für das Leipziger Stadtzentrum von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zur Wende 1990, wobei er insbesondere den Umgang mit dem überlieferten Stadtgrundriss in den Mittelpunkt stellte. Nach der planerischen „Erfindung“ eines ganz neuen Stadtzentrums 1959 mussten die Stadtplaner zehn Jahre später – wie auch in anderen Städten der DDR – aus wirtschaftlichen Gründen sukzessive Abschied von dieser Idealplanung nehmen. Am Beispiel Leipzigs, dessen Bausubstanz im Zweiten Weltkrieg vergleichsweise wenig Schaden genommen hatte, wurde deutlich, dass es wesentlich von den verantwortlichen Akteuren vor Ort abhing, ob für eine Stadt eine relativ qualitätsvolle Stadtplanung betrieben wurde oder nicht. Einen Vergleich zwischen den Entwicklungen in der Bundesrepublik und der DDR stellte die Gartenhistorikerin LEONIE GLABAU (Berlin) an, die die Platzgestaltungen in ausgewählten Städten beider deutschen Staaten miteinander verglich. Trotz der gegensätzlichen Systemkontexte und unterschiedlicher Formen der Platznutzung stieß sie auf zahlreiche Parallelentwicklungen und planerische Konvergenzen in Ost und West, wenn sich auch neue Formensprache und Ausstattungselemente in der DDR in vielen Fällen erst mit zeitlichem Abstand zur Bundesrepublik durchsetzten.

Die übergreifenden Fragen der gesamtstädtischen Planung und Entwicklung wurden am Beispiel zweier sehr unterschiedlicher Stadttypen analysiert. KATJA ZIMMERMANN (Berlin) stellte für Dresden Anspruch und Wirklichkeit im Baugeschehen der unmittelbaren Nachkriegszeit in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Dabei warf sie die Frage auf, ob die zunehmende Zentralisierung der kommunalen Bauverwaltung in der sächsischen Hauptstadt nicht in erster Linie durch übergeordnete politische Stellen, sondern vielmehr unter dem Handlungsdruck der akuten Nachkriegskrise durch die lokalen Akteure vorangetrieben wurde. Am Beispiel einer für die DDR-Stadtlandschaft charakteristischen kleinen Mittelstadt verglich HARALD ENGLER (IRS Erkner) die utopischen Planungen der sechziger Jahre für die uckermärkische Kreisstadt Prenzlau mit den tatsächlich realisierten Bauausführungen. Weder wurden jemals die für das Stadtzentrum geplanten zehnstöckigen Hochhäuser errichtet, noch erreichte die Kreisstadt trotz eines politisch induzierten Industrialisierungs- und Urbanisierungsschubs mit knapp 25.000 Einwohner die avisierte Perspektivzahl von bis zu 80.000 Bewohnern.

In der Sektion „Stadterneuerung“ beleuchteten SANDRA KELTSCH und KONSTANZE RICHTER (beide Leipzig) die städtebauliche Denkmalpflege in der DDR am Beispiel ausgewählter Städte im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt bzw. anhand des Fallbeispiels Görlitz. Zwar ist allgemein für die DDR mit der Industrialisierung des Bauwesens seit Mitte der fünfziger Jahre ein fortschreitender Verfall von Altbausubstanz zu konstatieren, der nicht nur ökonomische Ursachen hatte. Die beiden Beiträge machten aber deutlich, dass der Umgang mit alter Bausubstanz auch im Kontext des zentralistisch gesteuerten ostdeutschen Staats vor Ort stark von den verantwortlichen Akteuren beim Magistrat bzw. in der Stadtverwaltung abhing, die durchaus über Handlungsspielräume verfügten. Neben diesem Willen der Akteure in der Kommunalpolitik entschieden auch die jeweiligen Eigentumsverhältnisse sowie das Engagement der häufig im örtlichen Kulturbund organisierten Bürger wesentlich mit darüber, ob auch über die schmalen Staatsgelder hinaus großflächig instand gehalten wurde, wie in Wernigerode, oder ob hier keine großen Anstrengungen unternommen wurden. Letzteres war etwa der Fall in Naumburg, dessen Bausubstanz 1989 größtenteils verfallen war. Für Görlitz hatte bereits 1962 der Dresdner Architekt Bernhard Klemm ein modellhaftes Konzept einer behutsamen und weitgehend bestandserhaltenden Erneuerung alter Städte entwickelt, das aber nur ansatzweise realisiert wurde. Dem schwierigen Umgang mit den Kirchenbauten in der DDR war eine eigene Sektion gewidmet, in der HENRIETTE VON PREUSCHEN (Brandenburgische Technische Universität Cottbus) unter anderem über Phänomene wie die Umnutzung und Umgestaltung von Kirchen in Zeiten zurückgehender Kirchlichkeit referierte. VERENA HEINEMANN (Weimar) stellte mit der buchstäblichen, auch räumlichen „Randlage“ katholischer Kirchenbauten in den DDR-Städten ein weiteres, ebenfalls sehr kontrovers diskutiertes Thema vor. Auch hier zeigten sich starke örtliche bzw. regionale Unterschiede, denn mancherorts verfiel die Bausubstanz von Sakralbauten in der DDR, während sie in anderen Städten und Gemeinden restauriert und Kirchenruinen sogar mit großem Aufwand wieder instandgesetzt wurden.

Die Kulturlandschaftsforschung am Beispiel DDR wurde von zwei ausgewiesenen Kennern dieses Forschungsfeldes vorgestellt. ANDREAS DIX (Otto-Friedrich-Universität Bamberg) skizzierte die Bedeutung von Bodenreform und Kollektivierung für die längerfristige Entwicklung der Kulturlandschaft als „Archiv der Landschaft“ und betonte die Einmaligkeit dieser großflächigen Intervention in der DDR-Zeit. GÜNTER BAYERL (BTU Cottbus) analysierte das Erbe von Bergbau, Ressourcenplünderung, Umweltverwüstung, Devastierung und Rekultivierung für die Kulturlandschaftsentwicklung Brandenburgs. Er betonte insbesondere die Erfolgsgeschichte der Sanierung als „postindustrielle Landschaftsgestaltung“ nach der Wende. Besonders spannend gestaltete sich der Blick über den Tellerrand der DDR-Bau- und Planungsgeschichte anhand zweier Beiträge mit transnationaler Perspektive. LUDGER WIMMELBÜCKER (Hamburg) ging in seinem Referat dem Wirken von DDR-Planern wie Hubert Scholz oder Heinz Willumeit beim industriellen Wohnungsbau auf der Insel Sansibar/Tansania nach der Revolution von 1964 nach. NICOLE MÜNNICH (Berlin/Leipzig) nahm die Stadtplanung für die jugoslawische Hauptstadt Belgrad in den Blick. Für Belgrad überraschte die für eine sozialistische Hauptstadt ungewöhnliche Erhaltung gewachsener städtebaulicher Strukturen beim repräsentativen Ausbau der neuen Kapitale. In beiden Fällen stach das konfliktträchtige Spannungsverhältnis sozialistischer Baupolitik mit den überlieferten Wohntraditionen der Bevölkerung ins Auge, die sich als sehr zählebig erwiesen, obwohl zumindest in der Erbauungszeit der Siedlungen wenig Rücksicht auf sie genommen wurde. Ursächlich für diesen die Bedürfnisse der Bevölkerung nicht immer berücksichtigenden Wohnungsbau waren neben der insbesondere in Belgrad durch große Zuzüge verursachten Wohnungsnot auch die Ansprüche der sozialistischen Regierungen in dieser Zeit der weltweiten Systemkonkurrenz, der Bevölkerung einen angemessenen und modernen Wohnstandard zur Verfügung zu stellen.

Abschließend zog HARALD BODENSCHATZ (Schinkelzentrum der Technischen Universität Berlin) ein Resümee der Debatten auf dem zehnten Werkstattgespräch. Zum einen, so Bodenschatz, sei die DDR-Geschichte in längerfristige Entwicklungsverläufe einzubetten und einer „Stunde-Null“-Fiktion entgegen zu arbeiten. Zum zweiten bestehe die Gefahr einer schleichenden Isolierung bzw. eines Rückzugs der ostdeutschen Planungsgeschichtsforschung aus größeren Diskussionszusammenhängen. Der auf den Werkstattgesprächen gepflegte Dialog zwischen verschiedenen Disziplinen sowie zwischen Forschern und „Zeitzeugen“ gelte es hingegen als bemerkenswerte Errungenschaft zu kultivieren und zu sichern.

Anmerkungen:
[1] Zum aktuellen Forschungsstand zusammenfassend Sabrow, Martin, Die DDR in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, in: Zentrum für Zeithistorische Forschung (10.05.2008).
[2] Zur Funktion und Bedeutung der Werkstattgespräche vgl. jetzt auch Topfstedt, Thomas, Die Werkstattgespräche als Forum der ostdeutschen Planungsgeschichtsforschung, in: IRS Aktuell Nr. 58 (April 2008)  , S. 7f. Einen Überblick über die Veranstaltungen der Werkstattgesprächs-Reihe bietet die Website leibniz-irs.de (unter „Veranstaltungen/Werkstattgespräche“). Die Beiträge des 7. Werkstattgesprächs sind abgedruckt in Bernhardt, Christoph/Wolfes, Thomas (Hrsg.), Schönheit und Typenprojektierung. Der DDR-Städtebau im internationalen Kontext. Beiträge zur anwendungsbezogenen Stadt- und Regionalforschung (= REGIOtransfer, Bd. 5), Erkner 2005.

Angaben zur Veranstaltung

Veranstalter

  • Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung
  • Schinkelzentrum und Center for Metropolitan Studies der TU Berlin

24. - 25. Januar

Erkner

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