31. Januar | 2021

Digitalisierungsinitiativen auf dem Land

Aktive Dorfgemeinschaften und öffentliche Rückendeckung machen den Unterschied

Schon vor der Corona-Pandemie haben Bewohnerinnen und Bewohner von Dörfern begonnen, mithilfe digitaler Technologien neue Lösungen für Herausforderungen des Landlebens zu entwickeln. Gemein ist diesen Initiativen, dass sie einen Beitrag zur Attraktivität ländlichen Lebens leisten wollen. Ein Fachforum des jährlichen Zukunftsforums Ländliche Entwicklung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft diskutierte am 21. Januar 2021 die Frage, wie Digitalisierungsinitiativen auf dem Land zu organisieren seien – öffentlich und hauptamtlich oder zivilgesellschaftlich und ehrenamtlich? Der Austausch von Forschungsergebnissen und Praxiserfahrungen ergab ein erstaunlich klares Bild davon, wie Digitalisierung auf dem Land gelingen kann.

Ariane Sept, Wissenschaftlerin in der Forschungsabteilung „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“ hatte das Fachforum „Smart Villagers. Digitale Daseinsvorsorge aus Bürgerhand?“ gemeinsam mit Silvia Hennig vom „Think & Do Tank“ Neuland 21 organisiert. In die straff getaktete und von Gerhard Mahnken (IRS) moderierte Stunde passte ein Set aus drei Impuls-Statements aus Forschung und Praxis sowie eine Podiumsdiskussion mit drei weiteren Teilnehmenden aus ländlichen Pionier-Kommunen, welche die Titelfrage aufgriff und zuspitzte.

Den Anfang der Input-Runde machte IRS-Abteilungsleiterin Gabriela Christmann mit zentralen Befunden des zum Forum gleichnamigen Forschungsprojekts „Smart Villagers“, das digital unterstützte soziale Innovationen in peripheren Dörfern in den Blick nimmt: neue Konzepte etwa für Nahversorgung, Mobilität, Nachbarschaftshilfe oder Telemedizin. Christmann hob die zentrale Rolle digitaler Tools bei der Entstehung neuer Lösungen, wie etwa einem per Smartphone buchbaren Dorfauto, hervor, genauso wie die große Vielfalt engagierter Personen, die solche Innovationen vorantreiben. Silvia Hennig bestätigte, dass Digitalisierung den Aktiven auf dem Land ganz neue Möglichkeiten an die Hand gibt. Wirklich bottom-up, pragmatisch und nutzerzentriert seien die neuen Lösungen. Aber: So gut die ehrenamtlich organisierte Zivilgesellschaft darin sei, die neuen Möglichkeiten zu nutzen, sie stoße auch an ihre Grenzen in Form von Überlastung, technischen Kompetenzengpässen und Kommunikationsproblemen. IRS-Juniorprofessorin Suntje Schmidt gab schließlich einen Ausblick auf ein neues Forschungsprojekt, welches die Wirkung offener Experimentier- und Arbeitsorte (FabLabs, Makerspaces, Coworking Spaces) in ländlichen Räumen in den Blick nimmt.

Die folgende Podiumsdiskussion beleuchtete das Thema aus drei durchaus unterschiedlichen Blickwinkeln, trug dadurch aber zu einem zunehmend klaren Bild bei, was erfolgreiche Digitalisierung auf dem Land ausmacht: Dr. Anna Funke, Vorsitzende des Dorfvereins im Brandenburgischen Barsikow, steuerte die Perspektive der Basisarbeit bei, besonders mit älteren Dorfbewohnerinnen und -bewohnern. Heidrun Wuttke vom Projekt Dorf.Zukunft.Digital im Kreis Höxter brachte die Erfahrung mehrerer geförderter Digitalisierungsprojekte und -netzwerke in Ostwestfalen ein, einer digitalen Vorreiterregion. Dirk Neubauer, Bürgermeister im sächsischen Augustusburg, demonstrierte, wie eine Gemeinde agiert, die Digitalisierung nicht als Sonderthema behandelt, sondern als integralen Bestandteil ihrer kommunalen Arbeit.

Als erstes Fazit lässt sich festhalten: Ohne Staat geht es nicht. Ob es um die Verstetigung von Projekten geht, die Skalierung lokaler Lösungen, um Infrastrukturen, Qualifizierungsangebote oder einfach einen engagierten Landkreis – die Zivilgesellschaft braucht die Fähigkeit der öffentlichen Hand, Dinge in die Fläche zu bringen und dauerhaft als öffentliche Leistung bereitzustellen. Öffentliche Einrichtungen müssen digitales Denken als Normalfall betrachten und in alle Handlungsfelder integrieren. Insbesondere Dirk Neubauer machte in dramatischen Worten klar, wie groß die Diskrepanz zwischen der Herausforderung und der staatlichen Antwort auf Landes- und Bundesebene aus seiner Sicht bislang ist: „Die Welt da draußen rast und wir schleichen“.

Das zweite, etwas optimistischere Fazit: Digitalisierung und Dorfleben vertragen sich hervorragend. Einerseits ist die Aneignung digitaler Möglichkeiten auf analoge Orte angewiesen: Ein alter Dorfkonsum als WLAN-Hotspot, gesellige Runden gemeinsamen Lernens und Ausprobierens („Tablet, Torte, Tee“, wie das entsprechende Format in Augustusburg heißt) oder der ländliche Coworking Space als Teilhabe-Infrastruktur jenseits des einsamen Heimbüros. Spaß, Gemeinschaftserleben und persönlicher Austausch schaffen notwendige Zugänge zu den alltäglichen Herausforderungen, an denen digitale Lösungen ansetzen können. Zudem beleben digitale Lösungen die oftmals eingeschlafene Kommunikation im Dorf. Statt sich in digitale Sphären zurückzuziehen, nutzen die Dorfbewohnerinnen und -bewohner digitale Tools, um sich gemeinsamen Themen zu widmen und neue Projekte anzugehen. Viele Ideen setzen direkt am Dorfleben an, wie ein Smartphone-basierter Zugang zum (physischen) Gemeinschaftshaus. Und schließlich, das zeigen neue Befunde, vermag Digitalisierung es sogar, neue Einwohnerinnen und Einwohner auf das Land zu locken. Eine kritische Frage bleibt allerdings die der kritischen Masse: Damit digitale Lösungen wirklich laufen, müssen genug Leute mitmachen.

 

Transferveranstaltung
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