14. Dezember | 2021

COVID und wie weiter?

Methodische Implikationen für die Digitalisierungsforschung in ländlich-peripheren Räumen

Die Pandemie stellt Wissenschaftler*innen seit bald zwei Jahren vor die Herausforderung, ihre Forschungen an die veränderten sozialräumlichen Rahmenbedingungen anzupassen. Vormals geplante Forschungsdesigns verlieren ihre Gültigkeit, Feldzugänge müssen neu bestimmt werden, gesellschaftliche Akteur*innen im öffentlichen Raum bleiben mitunter unsichtbar. Für Forschungen in peripheren Räumen gilt das oft in besonderem Maße, werden doch nicht nur geplante Feldforschungen plötzlich am heimischen Rechner durch andere Zugänge ersetzt, sondern auch die digitale Ausstattung dieser Räume lässt oftmals zu wünschen übrig. 

Vor diesem Hintergrund fand am 17. November 2021 ein vom IRS mitorganisierter Online-Workshop statt: „COVID und wie weiter? Methodische Implikationen für die Digitalisierungsforschung in ländlich-peripheren Räumen“. Ausgehend von der Idee, die methodischen Herausforderungen der Pandemie für die Digitalisierungsforschung in ländlichen Räumen zu diskutieren, veranschaulichte der Workshop aktuelle Schwierigkeiten und neue methodische Entwicklungen.

So berichtete Christina Noble (The James Hutton Institute Aberdeen, UK) in ihrer Keynote eindrücklich von den Herausforderungen in einem partizipativ angelegten Forschungsprojekt mit Kleinbauern (Crofters) im Nordwesten Schottlands. Die abgelegene community war digital nur schwer erreichbar, und die Untersuchungsregion hatte erst kurz vor der Pandemie Breitbandzugang erhalten. Gleichzeitig konnten digitale Tools wie z.B. Verkaufsplattformen, Telemedizin oder Onlinekurse die lokalen Folgen des Lockdowns abmildern. Die dadurch erworbenen digitalen Kompetenzen wiederum führten unter anderem zur Beteiligung weiterer Gruppen an der Forschung, die sich mit Vor-Ort-Treffen nicht erreichen ließen. Reine Onlinebeteiligung wiederum würde diejenigen ausschließen, die keinen digitalen Zugang bzw. keine entsprechenden Kompetenzen haben, ebenso wie die wachsende Gruppe derer, die eine zunehmende „Digitalmüdigkeit“ verspüren. Christina Noble kam zu dem Schluss, dass Digitalisierung ein zweischneidiges Schwert ist und Vernetzungsmöglichkeiten aller Art gefördert werden müssen. Sie ist überzeugt, dass hybride Optionen in der Zukunft bleiben werden.

In drei parallelen Arbeitsgruppen diskutierten die Teilnehmenden anschließend jeweils anhand von zwei bis drei Inputs „Digitalisierungsforschung in ländlichen Räumen“ (Chair: Heike Mayer), „Integrierte Methoden“ (Chair: Julia Binder) sowie „Dynamiken von Wissenstraditionen“ (Chair: Gabriela Christmann). Dabei reichten die Themen von digitalen Pionieren in ländlichen Räumen Deutschlands über die digitale Multilokalität in den Schweizer Bergen oder sozial-ökologischen Fragen des handwerklichen Fischens in Bolivien bis hin zu „Photovoice“-Ansätzen in Burkina Faso. Neben den zahlreichen Herausforderungen während der Pandemie zeigten sich vor allem kreative Lösungen. Die Forschenden ließen Landbewohner*innen Fototagebücher erstellen, beobachteten die Zubereitung von Mahlzeiten via zoom, nutzten digitales Tracing oder erhoben zusätzlich quantitative Daten. Häufig wurde berichtet, dass vor allem die Datenmengen zugenommen haben und andere Kompetenzen sowie neue Kooperationen bedeutsamer werden. So sind auch in den Sozialwissenschaften z.B. zunehmend Programmierkenntnisse gefragt.

Ähnliche Fragen adressierte auch Hilary Faxon (University of California, Berkeley, USA), die sich in der abschließenden Keynote auf den Weg von Dörfern in Myanmar zu einer globalen Forschungsagenda machte, die Peripherien ins Zentrum rückt und davon ausgeht, dass das Digitale und das Materielle in vernetzten Geografien des landwirtschaftlichen Wandels zunehmend ineinander verwoben sind. Unter dem Motto „from ground to cloud“ plädierte sie für eine große Methodenvielfalt und berichtete unter anderem von ihren Erfahrungen mit „Scraping Daten“ am Beispiel von Landverkaufsgruppen auf einer Social Media Platform. Über API-Schnittstellen und Onlinearchive lassen sich mit vergleichsweise geringem Aufwand und nur wenigen Spezialkenntnissen große Datenmengen zu unterschiedlichen Themen generieren und mit anderen Daten z.B. aus Ethnografien oder Interviews triangulieren. Dabei muss es zukünftig verstärkt auch um eine Ethik der Sorgfalt bei der Online-Archivierung gehen.

Insgesamt hat der Workshop gezeigt, dass Digitalisierungsforschung in ländlichen Räumen während der Pandemie ethische, moralische und rechtliche Verpflichtungen mit sich bringt, die uns zukünftig weiter beschäftigen werden. Darunter auch die Frage nach einer Vorbildfunktion von Forschung, wenn es z.B. um Reisen geht. Insbesondere hybride Formen der partizipatorischen Forschung entwickeln sich dynamisch und bringen logistische Herausforderungen mit sich, bieten aber neue Möglichkeiten der Beteiligung für die Bevölkerung in ländlichen Räumen. Der Einsatz digitaler Methoden neben qualitativen, persönlichen Methoden eröffnet viele Möglichkeiten, verschiedene Arten von Daten zu gewinnen und wird sich weiter durchsetzen.

Die Organisatorinnen Prof. Dr. Heike Mayer (Uni Bern), Dr. Julia Binder (BTU Cottbus), Prof. Dr. Gabriela Christmann und Dr. Ariane Sept (IRS, Erkner) bedanken sich bei allen Teilnehmer*innen und hoffen, weiterhin im Austausch zu bleiben.

Workshop
Photo: Ingo Bartussek/stock.adobe.com
17. November | 2021

The pandemic not only confronts political actors with the enormous task of finding answers to the infection processes and how to deal with it in society, but also researchers are confronted with new challenges in adapting their research to the transforming socio-spatial conditions. Former research designs lose their validity, field approaches have to be redefined, and social actors in public space become invisible. mehr Info