19. Juli | 2020

Zwischen „Ankunftsquartier“ und „Falle“: Zwei Veranstaltungen am IRS beleuchten neue Herausforderungen der Integration in städtischen Wohnvierteln

Seit 2015 ist die internationale Migration nach Deutschland zu einem Topthema vieler politischer Debatten geworden. In vielen ostdeutschen Städten vollziehen sich diese Debatten auch vor dem Hintergrund einer wachsenden Konzentration Geflüchteter in bestimmten Wohnvierteln. Gerade periphere Plattenbausiedlungen entwickeln sich aktuell zu neuen „Ankunftsquartieren“. Diese Entwicklung wirft in der Planungspraxis vielfältige neue Fragen auf: Entwickeln sich die betreffenden Quartiere zu Sprungbrettern, die die Integration Zugewanderter erleichtern – oder entstehen hier neue „Ghettos“? Welche neuen Aufgaben und Bedarfe ergeben sich auf Nachbarschaftsebene? Wie wird diese Entwicklung politisch verarbeitet? Am IRS fanden im Juli 2020 zwei Veranstaltungen statt, in denen die Herausforderungen von Ankunftsquartieren intensiv diskutiert wurden.

Eingeladen hatte dazu die Forschungsabteilung „Regenerierung von Städten“, die die skizzierte Entwicklung intensiv in mehreren Forschungsprojekten begleitet und hierzu auch mit der Praxis im Dialog steht. Die 16. IRS International Lecture on Society and Space beschäftigte sich am 30. Juni 2020 unter dem Titel „Arrival Cities and Neighbourhood Traps“ mit der Beziehung zwischen Zuwanderung in migrantisch geprägte Stadtviertel und sozialer Mobilität bzw. dem Fehlen sozialer Mobilität. Sie wurde als Online-Veranstaltung organisiert und von über 100 Angemeldeten live verfolgt. Die Lecture wurde auf Youtube hochgeladen und kann hier aufgerufen werden.

Als Referent der International Lecture war der kanadische Journalist und Autor Doug Saunders eingeladen, der mit seinem Buch „Arrival City: How the largest Migration in History is Reshaping Our World” (2011), den Begriff der Ankunftsquartiere weltweit populär gemacht hat. In seinem Vortrag legte Saunders die Bedingungen für Erfolg und Misserfolg von durch Einwanderung definierten Vierteln dar.  Er argumentierte, dass Ankunftsquartiere wirtschaftliche und soziale Gelegenheitsstrukturen anbieten, die Migranten den sozialen Aufstieg erleichtern. Der Hauptgrund für die Entstehung von Ankunftsquartieren liegt in niedrigen Wohnkosten und in der Existenz sozialer Netzwerke, die neu Zugewanderten Unterstützung bieten. Gleichzeitig zeigte die internationale Erfahrung, dass sich Ankunftsquartiere in aufeinanderfolgenden Generationen in soziale „Mobilitätsfallen“ verwandeln können.

Als wesentliche Gründe hierfür benannte Saunders: Armut und die daraus resultierende Angewiesenheit auf preiswerten Wohnraum, versperrte berufliche Aufstiegschancen (bspw. aufgrund der Nicht-Anerkennung von Bildungsabschlüssen), Defizite an wohnortnahen höheren Bildungsangeboten, qualitativ minderwertige Schulen, physische Isolierung und unzureichende Verkehrsanbindung, sowie Hindernisse bei der Unternehmensgründungen. Gleichzeitig hob Saunders hervor, dass Städte viel tun können, um diese Probleme anzugehen. Seit Jahrzehnten seien international Revitalisierungsprogramme erprobt worden, in denen sowohl positive als auch negative Erfahrungen gemacht wurden, aus denen man lernen könne. Dabei gäbe es zwar keine „Silver Bullet“ (eine magische Lösung für alle Probleme) aber ein eine Vielzahl von effektiven Ansätzen.

Nihad El-Kayed vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der Humboldt Universität unterstrich als Discussant die Komplexität des Themas. Unter Bezugnahme auf eigene Studien in deutschen Städten wies sie insbesondere darauf hin, dass die von Saunders beschriebenen Probleme im Zusammenwirken von Umständen entstünden, die auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen angesiedelt sind und unterschiedlichen Logiken folgten. Auch die Alltags- und Mobilitätspraxen von Geflüchteten seien nicht ausschließlich auf ihre Wohnquartiere konzentriert. Ein ausschließlicher Fokus auf die Nachbarschaft könne deshalb leicht zu kurz greifen.

Am 9. Juli wurde das Thema „Ankunftsquartiere“ auf dem 48. Regionalgespräch – online und zunächst ohne Publikum – ein weiteres Mal diskutiert. Die Veröffentlichung als Audiobeitrag im IRS-Institutspodcast Society@Space folgte dann am 17. Juli. Aus der Praxis nahmen Dr. Stefanie Kaygusuz-Schurmann (Leiterin des Servicebereichs Bildung und Integration der Cottbuser Stadtverwaltung) und René Wilke, Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt (Oder) am Gespräch teil. Dr. Madlen Pilz repräsentierte die IRS-Forschung zu Ankunftsquartieren.

Kaygusuz-Schurmann, Wilke und Pilz tauschten sich zu den Fragen von Ankunft, Integration, kommunalen Gestaltungsmöglichkeiten und sozialem Miteinander im städtischen Alltag aus. Dabei thematisierten sie die Schwierigkeiten mit dem Begriff des Ankunftsquartiers, der trotz wachsender Beliebtheit bislang weder wissenschaftlich noch kommunalpolitisch abschließend ausbuchstabiert ist. Hinzu kommt, dass sich auch die Bedingungen für die kommunale Integrationsarbeit in Cottbus und Frankfurt von den bei Doug Saunders beschriebenen Ankunftsquartieren unterschieden: Beide Kommunen können mit Hilfe des brandenburgischen Landesfonds für die kommunale Migrationssozialarbeit zahlreiche Projekte, Anlaufstellen und auch Arbeitsmöglichkeiten finanzieren. Der große Bestand an kommunalem Eigentum an Wohnraum öffnet den Kommunen breitere Handlungsräume bei der Unterbringung Zugewanderter.

Im Gespräch wird auch deutlich, dass der Begriff Ankunftsquartier neue Perspektiven eröffnet. Deren Fokus liegt nicht so sehr auf den Schwierigkeiten für Zugezogene: die schweren Anfangszeiten zu überstehen, ihre neuen Alltage zu organisieren, neue Kontakte und Netzwerke aufzubauen oder in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Der Blick wird stärker auf ihrer Kreativität und ihren hohen Einsatz in diesem Prozess gelenkt. Diesen Aspekt gilt es noch stärker zu berücksichtigen, um kommunale Integrationsarbeit erfolgreicher auszugestalten, z. B. auch bürokratische Regularien, dort wo sie sich für Zugezogene als Barrieren erweisen wie mitunter bei der Integration in die Arbeitswelt, zu flexibilisieren. Der Begriff des Ankunftsquartiers hat eine inspirierende Kraft, resümierte Stefanie Kaygusuz-Schurmann, die es gestalterisch zu nutzen gilt.

IRS International Lecture
30. Juni | 2020
16th IRS International Lecture on Society and Space with Doug Saunders

How do cities manage the arrival and settlement of immigrants? This question is discussed by the Canadian journalist Douglas Saunders in his book "Arrival City: How the largest Migration in History is Reshaping Our World", published in 2011. In his book, Saunders lays out the conditions for success and failure of immigration-defined neighbourhoods around the world. mehr Info

Regionalgespräch
Foto v.l.n.r.: © Harald Henkel, IRS,IRS
17. Juli | 2020

In den 2000er Jahren verloren viele ostdeutsche Großwohnsiedlungen massiv Einwohnerinnen und Einwohner. Mit dem Programm Stadtumbau Ost wurden seinerzeit ganze Quartiere um- oder rückgebaut. Die Zuwanderung Geflüchteter, vor allem ab dem Jahr 2015, verwandelt aktuell etliche dieser Wohnsiedlungen nach und nach in „Ankunftsquartiere“. Damit ergeben sich vor Ort neue Herausforderungen. mehr Info