23. Juli | 2020

Internationaler Forschungsverbund zu historischer Authentizität nimmt die Arbeit auf

Direkt neben dem Turm der barocken Garnisonkirche in der Potsdamer Dortustraße steht das 1971 fertiggestellte Gebäude des Datenverarbeitungszentrums des Volkseigenen Betriebs „Maschinelles Rechnen“. Die im Zweiten Weltkrieg beschädigte und 1968 gesprengte Garnisonkirche wird derzeit mit öffentlichen und privaten Mitteln wiederaufgebaut. Hingegen wird diskutiert, ob das „Rechenzentrum“, derzeit noch kulturell genutzt, abgerissen wird. Warum? Im Juni 2020 nahm der internationale Projektverbund „UrbAuth“ unter Leitung der Historischen Forschungsstelle des IRS die Arbeit auf. Das Projekt will klären, wie Städte seit dem Zweiten Weltkrieg bis heute in ihrer Baupolitik historische Authentizität herzustellen versuchen, und warum dabei immer wieder bestimmte Epochen als Identifikationspunkte herangezogen werden, während die Spuren anderer Epochen aus den Stadtbildern verschwinden.

Das Projekt untersucht, wie in öffentlichen Debatten, in den Medien und im Städtebau bestimmte Teile des baulichen Erbes von Städten „authentisiert“ und damit aufgewertet wurden. Verschiedene Anlässe dazu sind in jüngerer Zeit gegeben: der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses als Humboldt-Forum (und der vorangegangene Abriss des Palastes der Republik) etwa, der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche oder auch die eingangs genannte Potsdamer Garnisonkirche. Sie alle repräsentieren Versuche, ein historisch „authentisches“ Stadtgefüge wiederherzustellen. Authentizität ist dabei immer als ein soziales Konstrukt zu verstehen, eine Eigenschaft, die durch die Gesellschaft zugeschrieben wird und dabei auch einem kontinuierlichen Wandel unterliegt. Sich mit Debatten um historisch „authentischen“ Städtebau, sowie generell mit Authentizität zu beschäftigen, wie es die Theater- und Museumswissenschaft, die Denkmalpflege und die Geschichtswissenschaften tun, ist deswegen ein Zugang, um kulturellen Wandel zu verstehen.

Das Verbundprojekt “Urban Authenticity: Creating, contesting, and vizualizing the built heritage in European cities since the 1970s”, kurz “UrbAuth”, wird aus dem jährlichen Leibniz-Wettbewerb finanziert. Es wurde aus einer Vielzahl von Wettbewerbsbeiträgen aus dem gesamten disziplinären Spektrum der Leibniz-Gemeinschaft ausgewählt. Es wird für drei Jahre, bis Mai 2023 laufen. Beteiligt sind an UrbAuth neben dem IRS drei weitere Leibniz-Einrichtungen: das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), das Institut für Zeitgeschichte, München-Berlin (lfZ) und das Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft. Als Praxispartner nimmt darüber hinaus der Museumsverband des Landes Brandenburg am Projektverbund teil. Im IRS ist Daniel Hadwiger für die Verbundkoordination zuständig. Hadwiger ist Historiker und promovierte in Tübingen zur Wohlfahrtspflege in Deutschland und Frankreich im Zweiten Weltkrieg.

UrbAuth ist das erste Projekt, dass einen derartigen Forschungsansatz in internationaler Perspektive verfolgt. Es nimmt vier Städte in den Blick: Marseille, Szczecin (Stettin), Nürnberg und Potsdam. Diese Auswahl folgt einer doppelten Logik: Bei allen handelt es sich um Großstädte, aber nicht um Hauptstädte. Sie eint, dass sie grundlegende soziökonomische und bauliche Transformationen durchgemacht haben. Zugleich repräsentieren sie vier Länder, die in ihrer Baugeschichte vergleichbare Umbrüche durchgemacht haben: Frankreich, Polen, die alte Bundesrepublik Deutschland und die DDR. Alle vier Länder haben in ihrer Nachkriegsgeschichte eine intensive Hinwendung zur industriellen Errichtung von Wohnsiedlungen, verbunden mit einer sozialpolitischen Agenda, wie auch eine Abkehr von diesem Ansatz erlebt. Die Auswahl des Zeitraumes – von den 1970er Jahren bis heute – ist dabei ebenfalls nicht zufällig. „Die 70er Jahre markieren die erste Zäsur nach einer kontinuierlichen Boomphase seit dem Zweiten Weltkrieg“, erklärt Projektkoordinator Daniel Hadwiger. Abgesehen von der Ölkrise 1973, durch die das dominierende autobasierte Mobilitätsmodell erstmals herausgefordert wurde, begann in den 1970er-Jahren auch der Niedergang des keynesianischen Wohlfahrtsmodells, das auf Industriebeschäftigung und starker staatlicher Ausgleichspolitik basierte. Der sozioökonomische Wandel der folgenden Jahrzehnte wirkte sich auch auf die Städtebaupolitik und die durch sie artikulierten Wertvorstellungen aus.

Das UrbAuth-Projekt wird intensiv mit visuellem Material arbeiten. Für die Außendarstellung wird – ähnlich wie im StadtWende-Projekt der Historischen Forschungsstelle – eine eigene Website eingerichtet. Auf dieser werden Beispiele für das Bauerbe aller vier Untersuchungsstädte dokumentiert, wobei der Schwerpunkt auf Berlin und Brandenburg liegen wird. Hier sollen als erhaltenswert erachtete Gebäude und ihre Veränderung beispielhaft dokumentiert werden, aber auch jene, die aus den Stadtbildern verschwinden. „Es wird dann vielleicht auch nur einen leeren Platz zu sehen geben, wo etwas abgerissen wurde“, erklärt Hadwiger. Der Historiker freut sich auf die Gelegenheit, durch den Medieneinsatz auch über die Fachgemeinde hinaus Aufmerksamkeit zu erzeugen. „Bilder sind Eyecatcher“, sagt er. „Ich habe bereits früher versucht, Geschichte an eine möglichst breite Öffentlichkeit zu tragen. Diesen Anspruch haben wir im UrbAuth-Projekt auch.“