02. Oktober | 2019

StadtWende-Projekt sucht die Öffentlichkeit: Website und Regionalgespräch zu Bürgerinitiativen gegen Altstadtverfall in der DDR

Als die DDR-Führung in den letzten Jahren vor 1989 die historischen Innenstädte immer mehr verfallen ließ, formierten sich in vielen Städten Bürgerinitiativen, die dagegen Widerstand leisteten. Ihre Aktivitäten könnten sogar zum Ende der DDR beigetragen haben. Im Forschungsprojekt „StadtWende“ untersucht die Historische Forschungsstelle des IRS im Verbund mit mehreren Partneruniversitäten diese Bürgerinitiativen. Als Teil einer umfangreichen Öffentlichkeitsarbeit wurde die Website stadtwende.de (Beta-Version) online geschaltet, die das Wirken der aktiven DDR-Bürgerinnen und Bürger nach und nach dokumentiert, u.a. mit Fotos, Filmen und Interviewsequenzen sowie zukünftig mit einer interaktiven Karte. Am 13. November 2019 wird die Forschungsfrage des Projekts zudem beim 47. Brandenburger Regionalgespräch diskutiert, unter anderem mit Zeitzeugen, Aktiven der Bürgerrechtsbewegung und Fachleuten aus dem IRS und darüber hinaus.

Seit Anfang 2019 läuft das Verbundprojekt „Stadterneuerung am Wendepunkt – die Bedeutung der Bürgerinitiativen gegen den Altstadtzerfall für die Wende in der DDR“, kurz „StadtWende“. Es ist das erste Projekt, das Bürgerinitiativen gegen Altstadtzerfall in der DDR umfassend historisch untersucht. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) aus seiner Forschungsstrecke DDR-Forschung. Es läuft bis Ende 2022. Dem Projektverbund gehören die Universität Kaiserslautern, wo auch die Koordination liegt, die Universität Kassel, die Bauhaus-Universität Weimar und die Historische Forschungsstelle des IRS an. Am IRS leitet Dr. Harald Engler die Forschungsaktivitäten.

Ziel des Forschungsprojekts ist zum einen die geschichtswissenschaftliche Analyse des Kampfs von Bürgerinitiativen gegen Altstadtverfall in der DDR. Dabei geht es auch um die Frage, inwiefern die besagten Bürgerinitiativen zur friedlichen Revolution 1989 und dem Untergang der DDR beigetragen haben. Auch über das Ende der DDR hinaus dürften die Bürgerinitiativen gewirkt haben, denn ihre Akteure gelangten zum Teil nach der Wende in einflussreiche Positionen wie etwa in Stadtplanungsämter und Parlamente.

Zum anderen sucht das StadtWende-Projekt sehr intensiv den Austausch mit der Öffentlichkeit. Angesichts der großen Bedeutung, die das Thema für die ostdeutschen Stadtgesellschaften hat, soll es eine Plattform für den gesellschaftlichen Dialog über Städtebau und Denkmalschutz bieten. Das geschieht unter anderem durch öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen vor Ort in den Städten, Podiumsdiskussionen mit Akteuren der Reformbewegung und eine geplante Wanderausstellung durch ostdeutsche Städte.

Die im Aufbau befindliche Website stadtwende.de ist der zentrale Baustein der digitalen Öffentlichkeitsarbeit des Projekts. Sie dokumentiert das Wirken der Bürgerinitiativen mit Fotos, Filmen, Dokumenten, Interviewausschnitten, Texten, Open Access-Publikationen und weiteren Hintergrundinformationen. Darüber hinaus wird sie eine Wiki-Funktion enthalten, die auch auf die Mitwirkung von Bürgerinnen und Bürgern angewiesen ist. Die Website bietet aber auch eine interaktive Kartenvisualisierung in Verbindung mit einer Datenbank, die – wenn sie fertiggestellt ist – alle Städte, Bürgerinitiativen und Reformkräften (Akteure, Gründung, Aktionen, Erfolge usw.) verknüpfen und präsentieren wird. Die Website liegt aktuell in der Beta-Version vor. Im Winter 2019/20 wird eine aktualisierte Version vorliegen. Über Veranstaltungen und Termine wird sie laufend informieren. Auch der Twitter-Account @stadtwende informiert kontinuierlich über die Fortschritte und Aktivitäten im Projekt.

Am 13. November 2019 richtet das IRS in Erkner das 47. Brandenburger Regionalgespräch aus (siehe Veranstaltungshinweis), das die Rolle von Städtebau und Wohnen für den Umbruch von 1989/90 in den Blick nimmt. Dabei kommen neben Fachleuten aus dem StadtWende-Projektteam auch Zeitzeugen und Aktive zu Wort. So wird der DDR-Bürgerrechtler und ehemalige brandenburgische Wissenschaftsminister Steffen Reiche über „Städtische Triebfedern der friedlichen Revolution 1989“ sprechen.

StadtWende-Website

Regionalgespräch
13. November | 2019

Während in diesem November das dreißigjährige Jubiläum der friedlichen Revolution von 1989 öffentlich gefeiert wird, fokussiert das 47. Brandenburger Regionalgespräch aus einer zeithistorischen Perspektive auf die Bedeutung von Städtebau und Wohnen für den Umbruch von 1989/90. Eine Grundannahme besteht darin, dass der historisch einmalige, rasante und großflächige Verfall großer Altstadtgebiete bei gleichzeitiger und einseitiger Dominanz des industriellen Plattenbaus die Menschen in Ostdeutschland wesentlich dazu bewegte, sich zu engagieren und die Revolution mit anzustoßen. Im Mittel­punkt der Veranstaltung stehen von daher die urbanen Denkwelten, die Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner unter repressiven Verhältnissen in der DDR dazu veranlassten, den risikoreichen Weg der Beteiligung in einer Bürgerbewegung zu gehen und die Handlungsmuster ihrer Aktionen gegen den Altstadtverfall. mehr Info

Jörg_Blobelt/creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0
07. Januar | 2019 | Aktuelles

Wenn 2019 das dreißigjährige Jubiläum der friedlichen Revolution von 1989 in allen Medien gefeiert wird, so wird in den historischen Analysen zu diesem epochalen Ereignis sicher die Frage gestellt werden, welches eigentlich die entscheidenden Triebkräfte waren, die den Zusammenbruch der DDR herbeiführten. Die Historische Forschungsstelle des IRS interessiert dabei in erster Linie, welche Bedeutung und welcher Anteil dabei dem Städtebau und den Wohnverhältnissen zukam. Motivierte der rasante und großflächige Verfall großer Altstadtgebiete bei gleichzeitiger und einseitiger Dominanz des industriellen Plattenbaus die Menschen in Ostdeutschland zusätzlich, eine Revolution loszutreten? mehr Info