25. September | 2019

„Der Architekt ist einer von ihnen!“ – Workshop am IRS diskutiert kollektives Arbeiten in der DDR-Architektur

Workshop zu Architekturkollektiven am 10. September in Erkner

Workshop zu Architekturkollektiven am 10. September in Erkner

Sophie Stackmann, Universität Bamberg, und Stefanie Brünenberg, IRS (Workshoporganisation)

Dr. Stephanie Herold, Universität Bamberg (Workshoporganisation)

Dr. Tobias Zervosen, TU München

Dr. Sarah Schlachetzki, Universität Bern

Tanja Scheffler, TU Dresden

Prof. Dr. Thomas Topfstedt, Emeritus Universität Leipzig

Das Team des DFG-Projekts „Architektur- und Planungskollektive der DDR"

Dr. Harald Engler, IRS

Dr. Frank Betker, IRS

„Das Gebaute ist [...] immer das Ergebnis eines kollektiven Zusammenwirkens vieler Menschen, die unterschiedliche Berufe ausüben und unterschiedliche Aufgaben haben. Der Architekt ist einer von ihnen!“ So heißt es in einer Broschüre des Bundes der Architekten der DDR aus dem Jahr 1980 zur Beschreibung des Architektenberufs und der Ausbildung zum Architekten bzw. zur Architektin. Wie dieses „kollektive Zusammenwirken“ im Bauwesen der DDR in Form der Architekten- und Planerkollektive aussah, welche Kontrollorgane es bestimmten und wie dabei kreative Architekturentwürfe entstehen konnten, wurde am 10. September 2019 bei einem eintägigen Workshop mit ausgewiesenen Fachleuten am IRS in Erkner besprochen.

Der Workshop wurde im Rahmen des seit April 2019 laufenden DFG-Projekts „Architektur- und Planungskollektive der DDR – Institutionelle Strukturen und kreative Prozesse in der sozialistischen Architekturproduktion“ von der Historischen Forschungsstelle des IRS gemeinsam mit dem Arbeitsbereich Denkmalpflege des Kompetenzzentrums Denkmalwissenschaften und Denkmaltechnologien (KDWT) der Universität Bamberg ausgerichtet.

Eingeladen waren Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen. Neben Frank Betker (IRS), Tanja Scheffler (Technische Universität Dresden) und Thomas Topfstedt (Universität Leipzig), alle drei ausgewiesen in der Geschichte der Architektur und des Städtebaus der DDR, wurden die Diskussionen bereichert durch die Beiträge der Historikerin Merve Lühr (Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde, Dresden) mit ihrem Forschungsschwerpunkt zum Brigadeleben in der DDR, der Kunsthistorikerin Sarah Schlachetzki (Universität Bern) und ihren Kenntnissen zu Systembauten in der Schweiz, sowie durch den Kunsthistoriker Tobias Zervosen (Technische Universität München), dessen Monografie „Architekten in der DDR: Realität und Selbstverständnis einer Profession“ das Berufsbild des DDR-Architekten charakterisiert.

Der Tag war unterteilt in offene Diskussionen zu vier Teilschwerpunkten des Projekts: Institutionalisierung, Personelle Strukturen, Kreativität und die Untersuchung der gebauten Architektur. Von besonderem Interesse waren dabei vor allem die Handlungsspielräume der Kollektive: Waren sie innerhalb des vermeintlichen starren Systems aus unterschiedlichsten staatlichen Institutionen wirklich so eng begrenzt, wie man es Planung und Architektur in der DDR leicht unterstellt? Weiterhin ging es um Rollenverteilung, Hierarchien und Arbeitsorganisation der Planungs- und Architekturkollektive, sowie mögliche informelle und professionelle Netzwerke zwischen ihnen. Außerdem wurde über Fragen der kollektiven Autorschaft und der Kreativität von Gruppen diskutiert. Denn in der heutigen Architektur, wie in vielen anderen kreativen Feldern, wird oft dem genialen Individuum die Rolle des ästhetischen und kreativen Schöpfers zugeschrieben. Kann man das auf die Architektur der DDR übertragen? Oder muss Kreativität vielleicht gänzlich neu, eben als kollektiver Prozess verstanden werden?

Daneben verwies Tanja Scheffler auf die Besonderheiten der Frauenrolle in den Architektenkollektiven: Denn einerseits kam der offiziell verkündete hohe Frauenanteil in Architekturkollektiven nur dadurch zustande, dass systematisch die Reinigungskräfte in die Zählung einbezogen wurden. Andererseits war die Stadtplanung in der DDR tatsächlich ein Feld, das Frauen bis in die 1980er Jahre den graduellen Ausbruch aus geschlechterstereotypen Tätigkeitsfeldern wie Innenraumgestaltung und Gartenbau ermöglichte.

Merve Lühr zog die Parallelen zu den Brigaden der Landwirtschaft und der Industrie, wobei insbesondere das Spannungsfeld dieses sozialistischen Ideals mit dem vermeintlich bürgerlichen Berufsbild des Architekten von Frank Betker betont wurde. Thomas Topfstedt konnte als Zeitzeuge und Wissenschaftler darüber hinaus die Diskussionen mit eigenen Erfahrungsberichten bereichern.

Der Workshop hat wichtige Erkenntnisse für das weitere Vorgehen im Projekt geliefert. Er machte aber vor allem klar, wie wichtig es ist über die Rolle des Architekten oder der Architektin beim „kollektiven Zusammenwirken“ am Bauwerk nachzudenken.

Das Architektenkollektiv unter der Leitung von Wilfried Stallknecht (2. v. r.), das 1967 Pläne für das „sozialistische Musterdorf“ Ferdinandshof (Bezirk Neubrandenburg, bei Ueckermünde) entwickelte.
15. Juli | 2019 | Aktuelles

Die marxistisch-leninistische Staatsideologie der DDR postulierte, dass der einzelne Mensch seine Fähigkeiten nur in der Gemeinschaft des Kollektivs vollumfänglich entfalten könne. Dieser Grundsatz des sozialistischen Arbeitens wurde auch auf die Architektur und Stadtplanung in der DDR übertragen. Aber wie haben sich diese Architekturkollektive organisiert? Wie waren die Arbeitsstrukturen gesetzlich geregelt und politisch geprägt? Welche Auswirkungen hatte das kollektive Arbeiten auf die Kreativität der Entwurfsarchitektinnen und -architekten? Aus der Sicht der planungsgeschichtlichen Forschung der Historischen Forschungsstelle des IRS sind diese Fragen hoch relevant. In einem neuen DFG-Projekt werden sie untersucht. mehr Info