17. September | 2019

Auf den globalen Spuren der deutschen Bauindustrie: Monika Motylinska erhält Freigeist-Fellowship der VolkswagenStiftung

Was haben deutsche Bauunternehmen wie Bilfinger Berger und HOCHTIEF zur Globalisierung der Architektur beigetragen? Noch nie wurde diese Frage umfassend, aus der Sicht unterschiedlicher Disziplinen untersucht. Für ihre wegweisende Projektidee erhielt die IRS-Architekturhistorikerin Monika Motylinska eine Freigeist-Fellowship der VolkswagenStiftung. Die Förderung erlaubt es Motylinska fünf Jahre lang zu forschen und dabei bis zu drei Doktorandinnen oder Doktoranden auszubilden. Diese Nachwuchsgruppe wird mit der Bauhaus-Universität Weimar assoziiert sein. Das IRS als Institut der Leibniz-Gemeinschaft ist damit in der aktuellen Förderrunde die einzige außeruniversitäre Forschungseinrichtung mit einem Freigeist-Fellow. 

 

Beton, Kapital, Ideen: Bauunternehmen als analytische Prismen

Das von Monika Motylinska entwickelte und in der Historischen Forschungsstelle des IRS angesiedelte Projekt trägt den Titel „Conquering (with) Concrete. German Construction Companies as Global Players in Local Contexts“. Es untersucht, wie große deutschen Baufirmen Märkte und Räume eroberten und damit ihre Präsenz in unterschiedlichen Regionen des Globalen Südens wortwörtlich zementierten. Denn die Frage der Zementproduktion ist zentral. Wissen und Kontrolle über Herstellung und Distribution von Zement waren und sind ein prägender Faktor für die Fähigkeit von Bauunternehmen, neue Märkte zu erschließen.

Doch das Projekt blickt weiter. Es soll Bauunternehmen als analytische Prismen nutzen: für das Zusammenkommen von materiellen und immateriellen Faktoren wie Kapital, Wissen, technischen Standards und architektonischen Ideen, aber auch verschiedener disziplinäre Perspektiven: Architektur- und Baugeschichte, Stadtforschung, Wirtschaftsgeographie, Governance, Ökologie und Anthropologie. Dabei sollen auch die Hinterlassenschaften deutscher Bauunternehmen im Globalen Süden und die Persistenz des Labels „Made in Germany“ in der Bauwirtschaft betrachtet werden. Anhand von Fallstudien in Brasilien, Indien und Nigeria geht es darum, wie der deutsche Architekturexport des 20. Jahrhunderts sich an unterschiedliche lokale Bedingungen angepasst hat, und wie mit diesem Erbe umgegangen wird – etwa im Denkmalschutz. 

Freigeist-Fellowships: Mutige Vorhaben, die den Rahmen sprengen

Ziel dieses umfassenden Vorhabens ist es also, abseits ausgetretener Pfade neue konzeptionelle und empirische Verbindungen herzustellen. Das Freigeist-Programm dient dazu, genau solche mutigen Schritte zu ermöglichen. In der Pressemitteilung der VolkswagenStiftung vom 03.09.3019 heißt es: „Die Freigeist-Fellowships der VolkswagenStiftung richten sich an ungewöhnliche und mutige Querdenker aus allen Fachgebieten in den ersten vier Jahren nach ihrer Promotion. Der Begriff spiegelt die fachliche Offenheit des Programms wider, die ausgewählten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollen über das Bekannte hinausdenken: Um Freigeist-Fellow werden zu können, müssen die jungen Forscherpersönlichkeiten nicht nur eine herausragende fachliche Expertise mitbringen, sondern auch über die Grenzen der eigenen Fachdisziplin hinausblicken und kritisches Analysevermögen mit neuen Perspektiven und Lösungsansätzen verbinden.“

Motylinska ist eine von insgesamt neun Freigeist-Fellows, die in der aktuellen Runde gefördert werden - und die einzige, die an einer außeruniversitären Forschungseinrichtung angesiedelt ist. Rund 90 Forscherinnen und Forscher hatten zum Stichtag im vergangenen Oktober Ideen eingereicht. Die Fördersumme für Motylinskas Projekt beläuft sich auf 1.060.000 €, wovon 830.000 € von der VolkswagenStiftung getragen werden. Der verbleibende Betrag wird vom IRS als Ko-Finanzierung getragen. Johan Lagae, Professor an der Universität Gent fungiert als externer Mentor des Projekts.

Monika Motylinska studierte von 2005 bis 2009 Denkmalpflege und Denkmalkunde an der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Torun/Thorn (Polen). Daran schloss sie ihr Masterstudium an der Technischen Universität Berlin in Kunstwissenschaft und Kunsttechnologie an. Von 2012 bis 2016 promovierte sie an der TU Berlin im Fach Kunstgeschichte, gefördert im Rahmen eines Promotionsstipendiums der Studienstiftung des deutschen Volkes. In ihrer Arbeit verknüpfte sie Ansätze aus den Bereichen Architekturgeschichte, Denkmalpflege sowie historische Urbanistik.

Am Freigeist Fellowship-Programm schätzt Motylinska die große Offenheit. „Seit ich 2014 zum ersten Mal von Freigeist hörte, war mir klar, dass ich diese Option für meinen weiteren akademischen Weg wählen würde, weil sie Vorhaben mit unvorhersehbarem Ausgang unterstützt, die nicht in einen disziplinär abgegrenzten Rahmen passen“, sagt sie. „Wichtig ist mir außerdem, dass eine Freigeist-Fellowship faire Arbeitsbedingungen für das ganze Forschungsteam bietet, etwa dreijährige Arbeitsverträge mit Sozialversicherung für Doktoranden anstelle von Stipendien“.

Am Freitag dem 13. September 2019 wurden die neuen Freigeist-Fellowships in Hannover offiziell verliehen.  

Zum Weiterlesen: Architekturhistorische Forschung am IRS

Das Architektenkollektiv unter der Leitung von Wilfried Stallknecht (2. v. r.), das 1967 Pläne für das „sozialistische Musterdorf“ Ferdinandshof (Bezirk Neubrandenburg, bei Ueckermünde) entwickelte.
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Die marxistisch-leninistische Staatsideologie der DDR postulierte, dass der einzelne Mensch seine Fähigkeiten nur in der Gemeinschaft des Kollektivs vollumfänglich entfalten könne. Dieser Grundsatz des sozialistischen Arbeitens wurde auch auf die Architektur und Stadtplanung in der DDR übertragen. Aber wie haben sich diese Architekturkollektive organisiert? Wie waren die Arbeitsstrukturen gesetzlich geregelt und politisch geprägt? Welche Auswirkungen hatte das kollektive Arbeiten auf die Kreativität der Entwurfsarchitektinnen und -architekten? Aus der Sicht der planungsgeschichtlichen Forschung der Historischen Forschungsstelle des IRS sind diese Fragen hoch relevant. In einem neuen DFG-Projekt werden sie untersucht. mehr Info