06. August | 2019

Unternehmerische Ökosysteme: Internationale Entrepreneurship-Forschung trifft sich in Hannover

Wenn über Startups geredet wird, ist damit eine besondere Art von Unternehmensgründungen gemeint: Es geht um international ausgerichtete, wachstumsorientierte Unternehmen in Branchen wie der Digital-, Hightech- oder Kreativwirtschaft. Solche Unternehmen brauchen besondere Bedingungen, die seit einiger Zeit unter dem Label „Entrepreneurial Ecosystem“ – unternehmerisches Ökosystem – zusammengefasst werden. Auf dem von der Volkswagenstiftung geförderten Herrenhauser Symposium „Temporal Dynamics in Entrepreneurial Ecosystems“ am 1. und 2. Juli in Hannover diskutierten international führende Entrepreneurship-Forscherinnen und -Forscher den Stand des Wissens zu unternehmerischen Ökosystemen.

Unter einem unternehmerischen Ökosystem wird die Verbindung aus sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Elementen einer Region verstanden, die unternehmerische Prozesse befördern. Das „Ökosystem“ ist also eine Metapher - ein positiv besetztes Bild für das Zusammenwirken verschiedener Faktoren, die Innovation, Kreativität und Gründungsdynamik befördern.

Ein solches Bild stellt eine Sprachfähigkeit her zwischen wissenschaftlichen Disziplinen und der Praxis. Gleichzeitig stiftet es Inspiration für beide: Die Regionalentwicklungspolitik kann daran ansetzen, um ein unternehmerfreundliches Ökosystem zu fördern. Wirtschaftsgeographie, Wirtschaftswissenschaften, Soziologie und andere Disziplinen können versuchen, die Determinanten und raum-zeitlichen Dynamiken von und in unternehmerischen Ökosystemen besser zu verstehen.

Weil die Ökosystemperspektive vergleichsweise neu ist, beginnt die Wissenschaft erst, das Konzept weiter auszudifferenzieren und zu validieren. In der Praxis, sowohl auf europäischer wie auch auf lokaler Ebene, findet das Konzept aber bereits großen Anklang, obwohl noch deutliche und ernst zu nehmende Schwächen vorhanden sind. Beispielsweise ist die Rolle von unternehmerischen und sozialen Netzwerken in Ökosystemen noch nicht ausreichend erforscht. Auch die Frage, wie unternehmerisches Handeln in Raum und Zeit organisiert ist, wird noch nicht ausreichend berücksichtigt. Schließlich stellt sich die Frage, wie unternehmerische Ökosysteme räumlich gefasst werden können.

An diesen Lücken setzte das Herrenhauser Symposium an, welches von Suntje Schmidt (IRS und Humboldt-Universität zu Berlin), Timo Braun (Freie Universität Berlin) und Katharina Scheidgen (Technische Universität Berlin) organisiert wurde. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlicher unterschiedlicher Karrierestufen aus Wirtschafts- und Sozialwissenschaften verfolgten das Ziel, die interdisziplinären Potentiale raum-zeitlicher Perspektiven auf unternehmerische Ökosysteme auszuleuchten, theoretisch-konzeptionelle wie auch empirische Ansätze zu diskutieren und interdisziplinäre Bezüge herzustellen.

Howard Aldrich, Maryann Feldman (beide University of North Carolina) und Erik Stam (Universiteit Utrecht) eröffneten die Veranstaltung mit einem Panel. Sie stellten anschaulich die aktuellen Ansätze einer Ökosystembetrachtung vor, wiesen aber auch auf noch offene Fragen hin, wie etwa: Wie beobachtet man die Entstehung, Entwicklung und Veränderung von Ökosystemen? Und wie lassen sich die Grenzen von Ökosystemen benennen, in territorialer, aber auch in organisationaler und institutioneller Hinsicht?

In Pitch- und Breakout Sessions stellten anschließend die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Arbeiten in prägnanten Inputs vor, die intensiv im Plenum diskutiert wurden. Das Pitch-Format zwingt Vortragende, sich auf kurze Vorstellungen zu konzentrieren. Es eignet sich besonders für einen interdisziplinären Austausch, weil disziplinäre Grenzen so in den Hintergrund rücken.

Eine besondere Herausforderung im interdisziplinären Arbeiten besteht darin, Ergebnisse von Forschungsarbeiten zu veröffentlichen, weil viele Journale an wissenschaftlichen Disziplinen orientiert sind und weil unterschiedliche Disziplinen schwer miteinander vereinbare Publikationspraktiken verfolgen. Deswegen ging eine Session des Symposiums explizit auf die Herausforderung ein, interdisziplinäre Forschungsarbeit erfolgreich zu veröffentlichen. Maryann Feldman, Mitherausgeberin von „Research Policy“, und Erik Stam, Mitherausgeber von „Entrepreneurship Theory and Pratice“, machten klar, dass ein gemeinsames, interdisziplinäres Schreibvorhaben immer ein klar abgegrenztes Thema braucht, das in die dafür relevante Literatur und theoretische Debatte beider beteiligten Disziplinen eingeordnet wird.