19. März | 2019

Anker im ländlichen Raum? Raumwissenschaftliches Kolloquium diskutiert, wie Klein- und Mittelstädte strukturschwache Räume stärken können

Die Metropolen standen lange im Zentrum der Aufmerksamkeit. Doch der Blickwinkel hat sich verschoben. Mit wachsendem Interesse am ländlichen Raum rücken Klein- und Mittelstädte auf die Agenda: Können sie als „Anker“ dabei helfen, besonders strukturschwache ländliche Räume zu stabilisieren? Das Raumwissenschaftliche Kolloquium 2019 des 5R-Netzwerks am 28. Februar 2019 in Berlin hat sich dieser Frage angenommen und wichtige Erkenntnisse aus Forschung und Praxis zusammengeführt.

Forschung, Planung und Raumentwicklungspolitik haben den wachsenden städtischen Ballungsräumen große Aufmerksamkeit gewidmet. Doch mit der anhaltenden Abwanderung von Menschen und Unternehmen aus peripher gelegenen ländlichen Regionen, mit Überalterung, der Einschränkung von lokalen Finanz- und Handlungsspielräumen, schwacher wirtschaftlicher Dynamik und dem Rückbau von Einrichtungen der Daseinsvorsorge droht die Abkopplung dieser Räume. Unzufriedenheit und Politikverdrossenheit wachsen, in manchen ländlichen Regionen erstarken extremistische Kräfte. Auch vor diesem Hintergrund hat das im Grundgesetz verankerte Postulat gleichwertiger Lebensverhältnisse raumplanerisch und politisch wieder stark an Bedeutung gewonnen. Die praktische Frage, wie strukturschwache ländliche Räume stabilisiert werden können, drängt.

Das Raumwissenschaftliche Kolloquium 2019 des 5R-Netzwerks nahm sich dieser Frage an und fokussierte dabei die Rolle der kleinen und mittelgroßen Städte im ländlichen Raum. Sein Titel lautete „Anker im Raum? Klein- und Mittelstädte in strukturschwachen Regionen“. Sebastian Lentz, Direktor des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IfL) in Leipzig, betonte bei der Eröffnung, dass das Motto „Theoria cum Praxi“ die Transferaktivitäten in allen Leibniz-Instituten leitet. Es besagt, dass Erkenntnisse nicht linear von der Forschung in die Praxis „transferiert“ werden, sondern dass praxisrelevantes neues Wissen dialogisch entsteht – in einem von beiden Seiten offenen, ehrlichen und mitunter auch unbequemen Austausch. Das Format des Raumwissenschaftlichen Kolloquiums steht genau dafür.

Mit dem Thema Klein- und Mittelstädte hatte das 5R-Netzwerk offensichtlich einen Nerv getroffen. Der Konferenzraum „Hannover“ in der Geschäftsstelle der Leibniz-Gemeinschaft in der Chausseestraße war bis auf den letzten Platz gefüllt, die Teilnehmerzahl lag deutlich über den Erfahrungswerten für dieses Format. Aus der Forschung, der Landes- und Bundespolitik, der Planung und Beratung wie auch den Kommunen kommend hatte sich eine hoch interessierte und diskussionsfreudige „Crowd“ eingefunden. Sie sollte sich im Verlauf des Tages zwar ausdünnen, doch blieb auch für die – am Ende der ganztägigen Veranstaltung platzierte – Keynote Lecture ein gut gefüllter Saal.

Drei Impulsstatements aus der Praxis setzten gleich zu Beginn des Kolloquiums Akzente, die im späteren Verlauf immer wieder aufgegriffen wurden. Beispielsweise wurde schnell klar, dass Klein- und Mittelstädte in strukturschwachen ländlichen Räumen, wenn sie stabilisierend wirken sollen, selbst gestärkt werden müssen – hinsichtlich ihrer Einwohnerentwicklung, ihres Arbeitsplatz-, Dienstleistungs- und Bildungsangebots, ihrer Lebensqualität und ihrer Ausstattung mit Infrastrukturen und behördlichen Funktionen.

Monika Thomas, Leiterin der Abteilung Stadtentwicklung, Wohnen und öffentliches Baurecht im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) hob zunächst die quantitative Bedeutung des Lebens in Klein- und Mittelstädten hervor: Die Mehrheit der Deutschen lebe in kleinen und mittleren Städten, zugleich stehe diese Oberkategorie für eine große regionale und gesellschaftliche Vielfalt. Thomas verwies auf zahlreiche bundespolitische Programme und Initiativen, die Klein- und Mittelstädten zugutekommen. Sie skizzierte auch eine strategische Perspektive bis zur nächsten deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2020, bis zu der aktuelle Herausforderungen wie Klimawandel, Digitalisierung, Integration und neue Mobilität in die konzeptionellen Grundlagen der Stadtentwicklungspolitik integriert werden sollen. Ihre Botschaft an die Praxis von Ländern und Kommunen: Nicht nur Geld gäbe den Ausschlag für erfolgreiche Stabilisierung. Entscheidend sei vielmehr, dass Städte die Anstrengungen auf sich nähmen, die interkommunale Zusammenarbeit und die Erstellung integrierter Entwicklungskonzepte mit sich brächten.

Carsten Kühl, Direktor des Deutschen Institus für Urbanistik (Difu) und ehemaliger Wirtschaftsminister von Rheinland-Pfalz, brachte seine Botschaft in drei Thesen zur Raumentwicklungspolitik auf den Punkt: Diese müsse erstens neu ausgerichtet werden, und zwar auf das Ziel des räumlichen Ausgleichs und in klarer Abgrenzung zu einem marktgläubigen Verständnis von Raumentwicklung. Unterschiedliche Lebensbedingungen in unterschiedlich strukturierten Räumen seien zwar eine unvermeidliche Ausgangsbedingung, diese Art von Diversität tauge jedoch nicht als normative Orientierung. Zweitens müssten die Ursachen von Strukturschwäche angegangen werden. Und diese lägen heute nicht mehr primär in mangelnder Wertschöpfungskraft, sondern im Schwarmverhalten der Arbeitnehmer, die es in die Orte mit der höchsten Lebensqualität ziehe. Entsprechend müssten Themen wie Innenstadtentwicklung und Einzelhandel, Gastronomie, Wohnen und (Bau-)Kultur auf der politischen Prioritätenliste weiter nach oben rücken. Und drittens behinderten Ressort- und Territorialgrenzen eine sinnvolle Raumentwicklungspolitik. Kühl empfahl hierzu eine themenbezogene Kooperation zwischen Ressorts, wie sie beispielsweise in Rheinland-Pfalz in den 1990er Jahren im „Konversions-Kabinett“ praktiziert wurde, das die Umnutzung ehemaliger Militärstandorte steuerte.

Torsten Pötzsch, Oberbürgermeister der Stadt Weißwasser in der Oberlausitz (Sachsen) beschrieb die Handlungsperspektiven einer ländlichen Mittelstadt, die sich seit 30 Jahren in Schrumpfung befindet. Pötzsch regiert Weißwasser seit 2010 mit der von ihm ins Leben gerufenen Wählervereinigung „Klartext“. Trotz unübersehbarer Probleme zeigte er, dass eine Abkehr von eingeschliffenen Problembearbeitungsmustern nicht in destruktiven Populismus münden muss, sondern Einigkeit und eine „Kultur des Ermöglichens“ stiften kann. Dazu gehört einmal mehr die Kooperation über Gemeinde- und Landesgrenzen hinweg, wie sie im Motto der „360°-Region“ zum Ausdruck kommt. Zwar sparte Pötzsch nicht mit Hinweisen auf politische Fehlsteuerungen auf unterschiedlichen politisch-administrativen Ebenen, das Hauptaugenmerk legte er aber auf das gemeinsam Erreichbare: Bei der Innenstadtregenerierung, Abriss, Zwischennutzungen und eigenem Kulturzentrum sowie Angeboten für Umlandbewohner (etwa eine Eissportanlage in Weißwasser), dem Breitbandausbau und der gezielten Ansprache von Rückkehrern. Als größte Herausforderungen benannte Pötzsch neben geringen Eigenmitteln den Mangel an qualifiziertem Verwaltungspersonal und die Reproduktion eines negativen Selbstbildes der Region bei ihren Bewohnern – häufig durch Lehrkräfte, die Heranwachsenden den Wegzug nahelegen.

In den folgenden Fachbeiträgen brachten die raumwissenschaftlichen Institute des 5R-Netzwerks je ihre eigene Sicht und Expertise auf Klein- und Mittelstädte ein. Manfred Kühn, Senior Researcher am IRS, stellte das Konzept der Peripherisierung vor. Zur Unterfütterung hatte er die Städte Pirmasens (Rheinland-Pfalz) und Stendal (Sachsen-Anhalt) untersucht. Ein zentraler Punkt in seiner Analyse: Peripherisierung bedeutet, dass ein Ort abhängig wird von politischen und wirtschaftlichen Machtzentren, und dass sich die lokalen Gestaltungsspielräume entsprechend einengen. Neben Bildung und Qualifizierung gebe es dagegen vor allem einen entscheidenden Hebel: Mehr festes, qualifiziertes Personal für die Kommunen und weniger reine Projektförderung.

Axel Priebs, Vizepräsident der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL), hob die Bedeutung der Klein- und Mittelstädte und hier vor allem ihre wichtigen zentralörtlichen Versorgungsleistungen, überlokalen Behördenfunktionen und ein differenziertes Arbeitsplatzangebot für ländliche Räume hervor. Um ihr stabilisierendes Potential aktiv zu nutzen, so Priebs, sei die Kooperation zwischen Städten und ihrem Umland und damit ein regionaler und interkommunaler Blick auf räumliche Ausgleichspolitiken notwendig. Das Mit- statt Gegeneinander könne durch eine stärkere Verbindung zwischen Raumordnungs- und Städtebaupolitik flankiert werden und in eine Bund-Länder-Kooperation für ein Wettbewerbsprogramm mit gezielter Förderung für Klein- und Mittelstädte münden. Darüber hinaus warf Priebs die Frage auf, wie sich wie sich Standards für eine infrastrukturelle Mindestausstattung für zentrale Orte sinnvoll rechtlich verankern lassen.

Robert Knippschild, kommissarischer Leiter des Forschungsbereiches „Nachhaltigkeits-Transformationen in Städten und Regionen“ des Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR), präsentierte Erkenntnisse aus zwei experimentellen Projekten in Görlitz. Diese hatten Interessierten die Möglichkeit geboten, zeitweise in der ostsächsischen Stadt zur Probe zu wohnen. Knippschild zeigte, wie attraktiv das als Gerontopole verschriene Görlitz mittlerweile auch für Junge und Menschen mittleren Alters ist – als potenzieller permanenter Wohnort, als Ort für Selbstverwirklichung für die beruflich Angekommenen, oder als phasenweiser Rückzugsraum für gestresste Großstädter.

Tim Leibert, Senior Researcher, und Frank Meyer, Doktorand am IfL, präsentierten ihre Forschungsergebnisse zu „Abwanderungskulturen“. Sie bestätigten die Alltagsbeobachtungen von Oberbürgermeister Pötzsch mit umfangreichem Datenmaterial, das zeigt: In strukturschwachen Regionen lernen junge Menschen von klein auf, dass es zur Abwanderung keine Alternative gibt. Selbst wer bleiben will und eine wirtschaftliche Perspektive hat, gerät damit vor Ort unter Rechtfertigungsdruck. Wer Landflucht bekämpfen wolle, müsse bei der Kommunikation in Schule, Elternhaus und Freundeskreis ansetzen, durch welche junge Menschen Abwanderung als einzig gültigen Lebensentwurf präsentiert bekommen, so Leibert und Meyer.

Sabine Weck, Leiterin der Forschungsgruppe „Sozialraum Stadt“ am ILS, berichtete aus dem Digitalisierungsprojekt „Smart Countryside“ – einem Gemeinschaftsprojekt des Kreises Lippe und der Stadt Höxter, das von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen gefördert wurde. In „Smart Countryside“ ging es darum, die Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung für ländliche Gemeinden auszuloten. Wecks Botschaft: Digitalisierung ist mehr als 5G und Breitbandausbau. Die Nutzerinnen und Nutzer – gerade auch in ländlichen Gemeinden – müssen selbst innovativ werden und ihre eigenen Digitalisierungsvorhaben definieren, von Telemedizin bis zu Einzelhandelslösungen und neuen Mobilitätsformen.

In fünf Diskussionsgruppen gingen die Teilnehmenden im Anschluss an die Fachbeiträge den Themen des Tages auf den Grund. Sie präzisierten ihre Fragen zu den Vorträgen, diskutierten zentrale Thesen und brachten eigene Aspekte ein: Wie erfolgreich ist „Stabilisierung“, wenn eine Stadt nur am Tag von Einpendlern bevölkert wird, wie etwa Dessau? In wie viele Satellitenstandorte kann man eine Fachhochschule zerlegen? Kann man Kooperation von oben verordnen? „Kannibalisieren“ Klein- und Mittelstädte ihr Umland, wenn sie Zuwanderungsgewinne verzeichnen? Ein Aspekt, der immer wieder betont wurde, war dass es mit Blick auf „Landflucht“ nicht darum geht, Wegzug zu verhindern, sondern  darum, Rückkehr zu ermöglichen.

Abschließend bot Annett Steinführer vom Thünen-Institut in Braunschweig in ihrer Keynote Lecture  einen pointierten Überblick über die blinden Flecken zur Kleinstadtforschung und den auch in der Wissenschaft weithin gepflegten Stereotypen über Kleinstädte. Steinführer eröffnete mit der erfundenen „Spiegel“-Reportage über die US-Kleinstadt Fergus Falls im ländlichen Minnesota, mit der der systematische Betrug des Journalisten Claas Relotius 2017 aufflog: Ortsansässige hatten den klischeebeladenen Text gelesen, der ihre Stadt als Bollwerk tumber Trump-Wähler portraitierte, und festgestellt: „Das sind wir nicht“. Akribisch arbeitete sich Steinführer dann durch die historische Forschungsliteratur und wies kenntnisreich nach, dass das Bild von Kleinstädten in ihr nicht minder vorurteilsbelastet ist und überraschend wenig empirische Substanz besitzt: Die Kleinstadt dient in aller Regel als Gegenentwurf zur weltoffenen Großstadt und mal als Sinnbild geistiger Kleinbürgerlichkeit und Rückständigkeit oder als Ort der sozialen Nähe, Sicherheit und Kontrolle. Steinführer forderte dazu auf, diese Forschungslücke zu füllen und sich neugieriger und offener den Kleinstädten zu widmen. Sie selbst organisierte im Frühjahr 2018 gemeinsam mit Lars Porsche vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und Peter Dehne, Professor für Baurecht/Planungsrecht an der Hochschule Neubrandenburg, einen Ad-hoc-Arbeitskreis der ARL zur Kleinstadtforschung.

Mit Steinführers Aufruf ging die Tagung zu Ende. In einer Debatte, in der „Stadt“ und „Land“ oft polarisierend gegenüber gestellt werden, hat das Raumwissenschaftliche Kolloquium gezielt ländliche Klein- und Mittelstädte in den Fokus gerückt. Die Veranstaltung hat damit den Grundgedanken der Raumordnung hervorgehoben, dass Städte als zentrale Orte oder „Anker im Raum“ Leistungen für das Umland erbringen sollen, und dass sie dazu auch in der Lage sein müssen.

 

 

Das 5R-Netzwerk

Im 5R-Netzwerk kooperieren die raumwissenschaftlichen Institute der Leibniz-Gemeinschaft und das Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) in Dortmund. Mit dem „Raumwissenschaftlichen Kolloquium“ richten sie alle zwei Jahre eine Konferenz aus, auf der Forschung und Praxis ein aktuelles Thema der Raumentwicklung im direkten Austausch diskutieren und in einen Dialog mit Politik, Verwaltung und interessierter Öffentlichkeit treten.

von li. nach re.: caratello (CC BY-NC 2.0), flickr.com; Queryzo (CC BY-SA 4.0), commons.wikimedia.org; Ralf Roletschek - Eigenes Werk, GFDL 1.2, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38349063
19. Dezember | 2018 | Aktuelles

Im Hintergrund spielt gefühlvolle Gitarrenmusik. Saftiges Grün ist zu sehen, spielende Kinder, ein vor Frische strotzender Wochenmarkt, eine herausgeputzte Innenstadt und Menschen, die in diesem Idyll ihr Glück gefunden haben. Wer die Imagevideo-Reihe „Schön hier zu sein“ der Stadt Eberswalde sieht, möchte am liebsten sofort selbst dorthin. Die auftretenden Personen – Alleinstehende, Familien, Paare – sind keine Schauspieler, sondern echte Neu-Eberswalder, deren persönliche Sichten auf ihren neuen Wohnort in den Kurzfilmen erzählt werden. Doch, von Einzelbeispielen abgesehen, wer zieht eigentlich nach Eberswalde und in die anderen brandenburgischen Städte in mittlerer Distanz von Berlin? Kommt alles Wachstum aus Berlin? Und entscheiden sich die Zuzügler wirklich frei, oder werden sie schlicht verdrängt? Über diese Fragen diskutierten die Teilnehmenden des 45. Brandenburger Regionalgesprächs am 27. November 2018 im IRS in Erkner. mehr Info