07. Januar | 2019

Forschungsprojekt „StadtWende“ der Historischen Forschungsstelle gestartet

Wenn 2019 das dreißigjährige Jubiläum der friedlichen Revolution von 1989 in allen Medien gefeiert wird, so wird in den historischen Analysen zu diesem epochalen Ereignis sicher die Frage gestellt werden, welches eigentlich die entscheidenden Triebkräfte waren, die den Zusammenbruch der DDR herbeiführten. Für die Historische Forschungsstelle des IRS interessiert dabei in erster Linie, welche Bedeutung und welcher Anteil dabei dem Städtebau und den Wohnverhältnissen zukam. Motivierte der rasante und großflächige Verfall großer Altstadtgebiete bei gleichzeitiger und einseitiger Dominanz des industriellen Plattenbaus die Menschen in Ostdeutschland zusätzlich, eine Revolution loszutreten? 

Das neue Projekt „StadtWende“ der Historischen Forschungsstelle des IRS, das im Januar 2019 mit einer Laufzeit von vier Jahren startete, will diese Frage gründlicher als bisher möglich untersuchen. Auf eine Ausschreibung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) mit dem Ziel der Stärkung der DDR-Forschung ist es den Historikern im IRS gelungen, im Verbund mit drei universitären Partnern (Prof. Holger Schmidt, Kaiserslautern, Prof. Harald Kegler, Kassel und Prof. Max Welch Guerra, Weimar) eine Projektfinanzierung für vier (plus eventuell weitere zwei) Jahre zu erhalten. Ziel des Projektverbundes ist es, die Bedeutung des Altstadtverfalls in der DDR zu erfassen, speziell mit Blick auf die Entstehung und Entfaltung von Bürgerbewegungen, die zu Triebkräften der gesellschaftlichen Wende 1989 wurden. Darüber hinaus soll die Stadtentwicklungspolitik nach der deutschen Einheit im Sinne jener Erfahrungen neu eingeordnet und bewertet werden.

Die Historische Forschungsstelle des IRS wird insgesamt drei Teilprojekte verantworten. Dabei wird es um eine intensive Tiefenanalyse der Struktur und Handlungsweisen der Bürgerinitiativen gehen, die gegen den Verfall von Altstädten in der DDR kämpften. Im Mittelpunkt der Untersuchung sollen die urbanen Denkwelten, die Stadtbewohner unter schwierigen Verhältnissen in der DDR dazu veranlassten, den risikoreichen Weg der Beteiligung in einer zivilen Oppositionsbewegung zu gehen, sowie die Handlungsmuster ihrer Aktionen gegen den Altstadtverfall stehen. „Es ist beispielsweise eine zu untersuchende Frage, weshalb in der DDR in einer Stadt mit eklatantem Altstadtverfall eine Bürgerinitiative entstand, in einer anderen Stadt mit ähnlicher Problemlage aber gerade nicht“, erläutert dazu der Projektleiter am IRS, Dr. Harald Engler. Im zweiten Arbeitspaket soll der historische Kontext der DDR und insbesondere des Institutionensystems von Partei, Bauministerium und Bauakademie in den Blick genommen werden, in dem der Altstadtverfall sich vollzog. So waren beispielsweise in Leipzig 1988 ganze 89,1 Prozent der Altbausubstanz dringend sanierungsbedürftig, schwer beschädigt oder gar ruinös, nur noch 10 Prozent der Bausubstanz war in einem normalen Zustand. Nicht zuletzt angesichts dieser Bilanz entwickelte sich in der Messestadt eine besonders starke Bürgerbewegung. Im dritten Teilprojekt wird die Forschungsstelle des IRS für die materielle und digitale Projektdokumentation sowie die aufwändige Projektwebsite verantwortlich zeichnen. Auf dieser Website, die über das Projekt hinaus bestehen bleiben wird, sollen auf einer multimedial gestalteten Karte der DDR alle Städte mit Bürgerinitiativen und Widerstandspotenzial aufrufbar sein. Informationen, Interviews, Fotomaterial und Filme zu den Aktivitäten der Bürgerinitiativen sollen so auf einen Blick zugänglich gemacht werden.

Insgesamt verfolgt die Historische Forschungsstelle des IRS mit dem Projekt mehrere forschungsstrategische und inhaltliche Ziele. Eine wesentliche Absicht besteht darin, der Opposition insgesamt, vor allem aber den oppositionellen Akteuren in der städtischen Bürgergesellschaft, den städtischen Bauverwaltungen und in der Forschung und Lehre im (häufig gemeinsamen) Kampf gegen den Altstadtverfall ein Gesicht zu geben. Biografische Porträts sollen sie als wichtige Akteure und Triebkräfte der Geschichte charakterisieren und im kulturellen Gedächtnis der Städte und letztlich der Gesellschaft fest verankern. Aus diesem Grund sollen neben den für Historikern selbstverständlichen Archiv- und Aktenstudien in großem Umfang Zeitzeugeninterviews durchgeführt werden, mit denen die individuellen Beweggründe und die häufig wichtigen informellen Vorgehensweisen bei oppositionellen Handlungen differenzierter analysiert werden können. Das Projekt soll gleichzeitig dezidiert einen Beitrag zur Gesellschaftsgeschichte der DDR liefern, denn der Kampf gegen den Verfall der Altstädte kam aus der Gesellschaft Ostdeutschlands heraus und sorgte wahrscheinlich mit dafür, dass die DDR 1989 zusammenbrach. Das Projekt soll damit auch einen Beitrag zur Forschung über soziale Bewegungen sowie zum Funktionieren des Institutionensystems der DDR liefern. Nicht zuletzt soll mit diesem Vorhaben die Frage beantwortet werden, welche Bedeutung Architektur und Bauwesen (neben den Faktoren Umweltzerstörung, Frieden/Militär, Reisemöglichkeiten und Menschenrechte) für die Ursachen und Genese der friedlichen Revolution von 1989/90 hatten.

Da das Thema des Projekts für die Identität der heutigen (ostdeutschen) Gesellschaft von entscheidender Bedeutung ist, soll dem Transfer der Forschungsergebnisse in die Öffentlichkeit in Form politischer Bildungsarbeit ein großes Gewicht beigemessen werden. Im Projektverbund wird deshalb mit diversen medialen Mitteln und Formaten die politische Bildungsarbeit akzentuiert. Dazu gehören die besagte interaktiv-mediale Karte der DDR, Interviews und Gespräche mit Zeitzeugen auf öffentlichen Veranstaltungen, eine gemeinsame Ringvorlesung, sowie zahlreiche Kooperationen: mit Multiplikatoren im Bereich der politischen Bildung (z.B. Stiftung Aufarbeitung), mit Vertreter/-innen der Initiativen selbst, mit den Städten und mit wichtigen Akteuren der dortigen Stadtplanungs- und Stadtgeschichteszene. Das Projekt kann so einen Beitrag zur inneren Verständigung ostdeutscher Stadtgesellschaften über ihre gemeinsame Geschichte und ihre freiheitlichen Impulse liefern.