19. November | 2018

Vom Zentrum zur Peripherie und zurück: Neues Themenheft zur Geographie der Kreativität erschienen

Wer in kleinen Ortschaften und Dörfern im österreichischen Bundesland Vorarlberg unterwegs ist, dem mögen markante, architektonisch sehr anspruchsvolle Gebäude auffallen, die sich zwar harmonisch in die Landschaft fügen, aber so gar nicht in die allgemeine Vorstellung von Provinzialität. Errichtet werden sie von den „Vorarlberger Baukünstlern“, einem Kollektiv von Architekten und Handwerkern, die sich die „Peripherie“ bewusst als Arbeits- und Lebensort gesucht haben und sich dem architektonischen Mainstream der Metropolen verweigern. Die Vorarlberger Baukünstler werden in einem Artikel des Hamburger Wirtschaftsgeographen Prof. Dr. Gernot Grabher beschrieben, der nun gemeinsam mit sechs anderen Beiträgen im Themenheft „Creativity in arts and sciences: collective processes from a spatial perspective“ der Fachzeitschrift „Environment and Planning A: Econmy and Space“ erscheint.

Als Gast-Herausgeberin und Herausgeber für dieses Themenheft fungieren  Dr. Johanna Hautala (Universität Turku) und Prof. Dr. Oliver Ibert (IRS und FU Berlin). Es versammelt vier Beiträge, zwei Kommentare und ein Einleitungskapitel von Autorinnen und Autoren der soziologischen und wirtschaftsgeographischen Kreativitätsforschung. Aus dem IRS sind, neben Ibert, Dr. Verena Brinks, Prof. Dr. Suntje Schmidt und Dr. Felix C. Müller als Autor/-innen vertreten.

Kreativität ist seit geraumer Zeit ein wichtiges Forschungsthema in verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen – einschließlich der Wirtschaftsgeographie – und außerdem ein Buzzword in öffentlichen Debatten. Dennoch ist die Frage, was Kreativität ausmacht und wie sie entsteht, keineswegs beantwortet. Das Themenheft soll der Kreativitätsforschung gleich mehrere wesentliche Impulse geben. So soll der geographische Blick auf Kreativität erweitert werden: Wurden bisher überwiegend pulsierende städtische Zentren als besonders kreative Orte gefeiert, so wendet sich die Forschung in letzter Zeit den Peripherien zu. Diese sollen aber nicht (nur) als Gegenmodell zu den Zentren verstanden werden, sondern in Wechselwirkung mit ihnen. Dabei ist besonders die Mobilität kreativer Gruppen und Individuen wichtig: Wie bewegen sie sich zwischen Zentrum und Peripherie, und was bedeutet das für ihre kreative Leistung? Schließlich stellen die Autor/-innen eine sehr grundsätzliche Grenzziehung in Frage, nämlich die zwischen Wissenschaft und Kunst. Funktionieren die beiden Domänen wirklich auf so unterschiedliche Art, wie üblicherweise angenommen wird?

Die in dem Themenheft zusammengeführten Erkenntnisse sind reichhaltig. Manche kreativen Leistungen, wie die der Vorarlberger Baukünstler, entstehen, weil ihre Protagonisten bewusst die Freiheit der Peripherie suchen, wo die Vertreter von Konvention und Orthodoxie keine Macht haben. Andere, wie der Geograph William „Wild Bill“ Bungee, müssen in die Peripherie ausweichen, wir Prof. Trevor Barnes (University of British Columbia) in seiner Reflexion über kreative Umbrüche in der eigenen Disziplin zeigt. Bungee revolutionierte in den 1960er und 70er Jahren gleich zweimal die Geographie. In Seattle war er maßgeblich beteiligt an der „quantitativen Revolution“ der anglophonen Humangeographie. Nur etwa zehn Jahre später, nunmehr in Fitzgerald, einem von ethnischer Segregation und Armut geprägten Stadtteil in Detroit lebend und der dortigen Wayne State University lehrend, legte er den Grundstein einer aktivistischen, partizipativ arbeitenden politischen Stadtgeographie. An den für die Disziplin maßgeblichen Universitäten im Mittleren Westen der USA – dem Zentrum – war er mit keiner dieser als radikal empfundenen Ideen geduldet. An den Grenzen seiner Disziplin konnte er sie umsetzen. Doch auch die Kreativen in der Peripherie zieht es zurück in die Zentren, denn dort sitzen die wichtigen Bewertungsinstanzen. Künstler müssen sich irgendwann den Galerien und Auktionshäusern stellen, Architekten der Architektenkammer. Kreativität liegt nicht in der Peripherie allein, sondern in der Oszillation zwischen beiden Welten.

Jede Domäne – jede Disziplin, Profession oder Kunst – hat ihre eigenen Zentren und Peripherien. Manchmal werden auch ganz neue Domänen geschaffen, wie Dr. Niki Vermeulen (University of Edinburgh) in ihrem Beitrag zur Entstehung der Systembiologie zeigt. Diese entwickeln dann ihre eigene Landkarte, bestehend aus wenigen, neuen Zentren – herausragende Institute, neu gegründete Hightech-Unternehmen – und viel Peripherie. In dem Beitrag des Autorenteam des IRS steht die Mobilität im Zentrum des Interesses. Sie zeigen dass Beteiligten an kreativen Prozessen in drei Feldern – der Biotechnologie, der Rechtsberatung und der Brettspielentwicklung – weit gehend von Nicht-Wissen und Unsicherheit geprägt sind. Erst im Verlauf wird es möglich, überhaupt genauer zu bestimmen, welches Wissen noch fehlt zum Erfolg. Daher ist der Prozess anfänglich stark durch ungeplante Begegnungen und Gelegenheiten getrieben, erst später, wenn genauer eingegrenzt werden kann, was noch fehlt kommen geplante Formen von Mobilität und das gezielte Suchen über Distanz hinzu. Die genannten Beispiele zeigen bereits, dass Kunst und Wissenschaft sich, was die Räumlichkeit ihrer Kreativprozesse angeht, nicht besonders unterscheiden. Hautala und Ibert betonen, dass die konkreten Praktiken der Erzeugung des Neuen sich durchaus ähneln, wohingegen die offiziell herangezogenen Bewertungsmaßstäbe des Neuen sich weiterhin stark unterscheiden.

Deutlich wird schließlich auch, dass Kreativität kein einfacher oder angenehmer Prozess ist. Wer peripher (fern vom Zentrum) und womöglich marginal (nah an einer Grenze, auch etwa einer Professionsgrenze) lebt und arbeitet, wie viele der beschriebenen Akteure, wird emotional und wirtschaftlich herausgefordert. Die Existenz kann auf dem Spiel stehen, wenn jemand sich zu weit vom Konsens der eigenen Profession entfernt. Aber auch die professionelle Identität – die bei Kreativen eng mit dem persönlichen Selbstbild verflochten ist – kann bei Grenzgängen aus den Fugen geraten, wie Prof. Alice Lam (Royal Holloway, University of London) in ihrem Beitrag am Beispiel von Künstlern feststellt, die in späten Phasen ihrer Karriere in die akademische Lehre gewechselt sind.

Die Arbeit an dem Themenheft nahm ihren Anfang bei der von der DFG geförderten internationalen Konferenz „Creativity in Arts and Science“, die im Mai 2015 am IRS stattfand, und auf der die im Heft versammelten Autor/-innen ihre Forschung präsentierten. Aus der Forschungsabteilung „Dynamiken von Wirtschaftsräumen“ flossen die gesammelten Ergebnisse aus zwei Leitprojekten zu ein. Langjährige Kooperationsbeziehungen der Abteilung führten viele der Autor/-innen zusammen; etwa mit der Universität Turku in Finnland, von wo Dr. Johanna Hautala für ein Jahr als Gastwissenschaftlerin ans IRS kam, zum Arbeitsgebiet Stadt- und Regionalökonomie der HafenCity Universität Hamburg (Prof. Dr. Gernot Grabher) und zum Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der FU Berlin (Prof. Dr. Jörg Sydow) im Rahmen der DFG-Forschergruppe „Organized Creativity“.

Das jetzt erschienene Themenheft bleibt selbstverständlich ein offenes, unvollständiges Projekt. Es liefert Anstöße und neue Perspektiven für das Nachdenken über Kreativität.