06. Dezember | 2018

Buchveröffentlichung: Warum wir uns noch mehr mit Klimakulturen beschäftigen müssen

Im Vorfeld der UN-Klimakonferenz, die gerade in Katowice stattfindet, führte die polnische Regierung vorübergehende Grenzkontrollen ein. Begründung: Die öffentliche Sicherheit sei durch ausländische Aktivisten bedroht. Die abwehrende Haltung gegen eine offene Auseinandersetzung mit dem Klimawandel ist nicht nur repräsentativ für die aktuelle Regierungspolitik in Polen, sondern auch für einen kulturellen Kontext, in welchem Klimaschutz eine sehr geringe Priorität hat. Ist Klimaschutz also eine Kulturfrage? Der Kulturwissenschaftler und Soziologe Dr. Thorsten Heimann sagt „ja“. In seinem Buch „Culture, Space and Climate Change – Vulnerability and Resilience in European Coastal Areas”, das heute bei Routledge erscheint, zeigt er, wie kulturelle Hintergründe Klimaschutz und Klimaanpassung hemmen und fördern.

Das Buch erscheint in der Reihe „Routledge Advances in Climate Change Research“. Heimann untersuchte in seiner Studie Problemwahrnehmungen des Klimawandels wie auch die Bewertung geeigneter Bewältigungsstrategien in Küstenregionen in Dänemark, Deutschland, den Niederlanden und Polen. Vertiefend betrachtete er in Deutschland die Städte Bremerhaven, Lübeck und Rostock. Die These: Sowohl beim Klimaschutz als auch bei der Klimaanpassung entscheidet vielfach das kulturell geteilte Hintergrundwissen der Akteure darüber, ob Klimawandel als Problem gesehen wird und welche Maßnahmen sie für adäquat halten. Heimann befragte über 800 Entscheider mit Verantwortung für Küstengemeinden aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

Er ging nicht davon aus, dass nationale Grenzen immer auch Kulturgrenzen sind. Sein „relationales“ Kulturraum-Konzept bedeutet: Je nach Thema kann Wissen in einer globalisierten Welt lokal und weltweit sehr unterschiedlich geteilt werden. Nationale Grenzen können aber weiterhin als (klima-)kulturelle Grenzen in Erscheinung treten.

Die Ergebnisse sind sehr differenziert. Beim Thema Klimaschutz verläuft eine klare Grenze zwischen Polen und den anderen Untersuchungsländern. „Klimaskeptizismus ist eng mit konservativen Wertvorstellungen und Weltbildern verbunden“, sagt Heimann. Konservativere Gesellschaften tun sich also schwerer damit, die Prämisse zu akzeptieren, dass der Mensch das Klima verändert und sein Verhalten ändern sollte. Beim Thema Anpassung, etwa im Küstenschutz, teilen Polen und Deutsche wesentliche Vorstellungen, unterscheiden sich aber beispielsweise von den Niederländern. „Die Historie einer Region spielt eine wichtige Rolle“, sagt Heimann. „In den Niederlanden ist die Angst vor Landverlusten etwa weitaus niedriger als in Deutschland oder Dänemark, denn hier hat sich über die Jahrhunderte das Bewusstsein verbreitet, mit Fluten umgehen zu können.“

Das hat Konsequenzen für die Klimapolitik. Gesellschaften, in denen Maßnahmen umgesetzt werden sollen, die dort keine kulturelle Verankerung haben, reagieren mit Unverständnis und Widerstand. Liegen die großen Verwerfungen in der weltweiten Klimadiplomatie also an kulturellen Unterschieden? „Seit mindestens 30 Jahren besteht unter Wissenschaftlern weltweit Konsens darüber, dass Klimawandel menschlich verursacht ist. Die naturwissenschaftlichen Daten liegen seit langem auf dem Tisch. Das menschliche Handeln ändert sich dagegen nur langsam, der CO2-Ausstoß ist sogar weiter gestiegen. Die Übersetzung funktioniert immer noch nicht richtig“, sagt Heimann. „Wir müssen also noch viel mehr beim menschlichen Denken und Handeln ansetzen, und diese sind kulturspezifisch. Deshalb müssen wir über Klimakulturen reden“. Städte und Länder, die Klimaschutz oder Klimaanpassung vorantreiben wollen, können aus Heimanns Studie lernen, warum bestimmte Akteure ihre Politikansätze mittragen und vorantreiben, während andere sie blockieren.

Das Thema Klimakulturen ist über Europa hinaus relevant. Deshalb begann Heimann in diesem Jahr, ein internationales Netzwerk von Forscherinnen und Forschern aufzubauen, die sich mit Klimakulturen beschäftigen. Das Team besteht bislang aus Soziologen, Politikwissenschaftlern, Planern und Gesundheitswissenschaftlern aus Europa, Asien und Amerika. Die Forscher stießen in den von ihnen untersuchten Fluss- und Küstenregionen auf spezifische, kulturell verwurzelte Arten des Umgangs mit Ereignissen wie Dürren und Überschwemmungen, die im Zuge des Klimawandels häufiger auftreten. Heimann: „Eine global orientierte Forschung über Klimakulturen kann zu einem besseren Verständnis für unterschiedliche Wahrnehmungen des Klimawandels führen, und vielleicht neue Verbindungen zwischen räumlich distanten, aber kulturell ähnlichen Partnern stiften.“