31. August | 2018

„Trajectories and Imaginaries”: Neuer Sammelband über internationale Migration erschienen

Internationale Migration steht weit oben auf der politischen Agenda vieler nationaler Regierungen und internationaler Organisationen. Das liegt zum Teil an den Zahlen, viel mehr aber noch an der Erkenntnis, dass Migration ein auf Dauer gestelltes Thema bleiben wird. Die Zahl der internationalen Migranten hat sich zwischen 1970 und 2015 absolut gesehen verdreifacht (auf 244 Millionen), anteilig ist dieser Anteil an der gesamten Weltbevölkerung dagegen verhältnismäßig stabil (oszillierend um etwa 3,3 %). Die Zahlen zeigen, dass Migranten vor allem zwischen den Ländern des Globalen Südens wandern – und eine hohe Mobilität war lange selbstverständlich. Mehr Menschen aus immer vielfältigeren Herkunftsländern kommen nun jedoch in eine schrumpfende Zahl von Zielländern im Globalen Norden. Doch – und dies ist der Grundton des neu erschienenen Sammelbandes „Trajectories and Imaginaries in Migration: The Migrant Actor in Transnational Space“ – man muss hinter die Zahlen schauen und verstehen, was die Menschen antreibt und welche Vorstellungen, welche mentalen Bilder, („Imaginaries“) sie mit auf ihre Wanderung nehmen. Die 19 Autorinnen und Autoren sprechen hier von der „soft side of migration“, die hilft, die einmal initiierten Migrationsbewegungen in ihren kollektiven Verläufen in Raum und Zeit, ihren Pfaden („Trajectories“), zu verstehen.

Angetrieben wird die persönliche Krise der Migrantin und des Migranten von der Erkenntnis, dass sie die strukturelle Krise in ihren Herkunftsregionen, sei es aufgrund von Gewalt und politischen Unruhen, Armut, Ungleichentwicklung oder fehlenden Zukunftsperspektiven nicht verändern können. Die Lebenswirklichkeiten im Globalen Süden haben die Steuerungsversuche der Länder des Nordens längst eingeholt. Mittelsmänner und transnationale Netzwerke lenken die Migrationspfade der unterschiedlichen Gruppen, die Wanderung ist ein Prozess über Jahre hinweg. Immer wieder finden sich die Migrantinnen und Migranten in Situationen der Ausbeutung und in Grauzonen des Rechtes wider. Man muss, so die Autoren, die akademische Komfortzone verlassen, um Migration als einen mehrdimensionalen und auf unterschiedlichsten Handlungsebenen verankerten Prozess mit ständig wechselnden Beteiligten zu analysieren.

In dem gerade erschienenen Sammelband „Trajectories and Imaginaries in Migration: The Migrant Actor in Transnational Space“, herausgegeben von Prof. Dr. Felicitas Hillmann (IRS Erkner), Dr. Ton van Naerssen (Nijmegen Center for Border Research) und Dr. Ernst Spaan (Radboud University Nijmegen), beschäftigen sich 19 Autorinnen und Autoren aus den Politikwissenschaften, Soziologie, Humangeographie und Ethnologie mit den Trajectories und Imaginaries der Migration. Die zehn Beiträge thematisieren hauptsächlich afrikanische und chinesische Migrant-/innen, meist in Zusammenhang mit Europa als Zielregion. Der Band versammelt Beiträge zur aktuellen internationalen Migrationsforschung und richtet sich in erster Linie an diese wissenschaftliche Fachcommunity. Es spricht aber durch die gewählten Beiträge auch die Praktiker in den politiknahen Institutionen an.

Die meisten Beiträge präsentieren einen besonderen Fall und stützen sich auf mühsame empirische Forschung. Die Beiträge porträtieren zum Beispiel die Situation eines gambischen Migranten, der nach einer langen Odysee entlang seiner Kontakte innerhalb Europas, in den Niederlanden sesshaft wird und dort heiratet. Ganz ähnlich das Konzept der guoke, das die translokalen Verbindungen der Afrikaner in Dengfeng (China) beschreibt. Die Geschichten der Migranten erzählen von Deportationen, Camouflage und Moral, auch davon, dass eine Rückwanderung einer Kamerunerin wegen der damit verbundenen Scham des Scheiterns außer Frage steht. Gezeigt wird, wie Rückwanderungen oder Reverse Remittances, Überweisungen aus dem Herkunftsland in das Zielland, hier von Bolivien nach Spanien, zu einer üblichen Variante der internationalen Verflechtungen wurden. Es sind die „linked lives“, die diesen trajectories und imaginaries zugrunde liegen und die sich aus den kurzen Kontakten unsichtbar aneinanderketten.

Die Autorinnen und Autoren rücken die subjektive Perspektive der Wandernden in den Mittelpunkt. Statt diese als passive Spielbälle im Kräftefeld von „Push“ und „Pull“-Faktoren, von Anreizen und Abschreckung zu betrachten, so die zentrale Forderung, soll die Forschung auf die vielfältigen migrantischen Wahrnehmungen und Erfahrungen ernst nehmen. Migrationshandeln – und dies schließt die Entscheidung zu migrieren genauso ein wie die Entscheidung zu bleiben oder zurückzukehren – wird als aktive Arbeit an der eigenen Resilienz beschrieben, die eingebettet ist in strukturelle Abhängigkeiten, persönliche Netzwerke, Kulturen und Deutungen der eigenen Lebenssituation bzw. der vermuteten Potentiale anderswo.

Noch etwas machen die Beiträge in diesem Buch deutlich: die mentalen Bilder, die die Migrantinnen und Migranten vom Herkunftsort, vom Zielort und dem Raum dazwischen haben, sowie deren Entstehung und Vermittlung gehören zu den „versteckten Auslösern“ von Wanderungsbewegungen. Wesentlich ist auch die mediale Vermittlung durch Telekommunikation und Smartphones. Der Verlust einer SIM-Karte hat unmittelbare Folgen für den weiteren Migrationsverlauf.

Das Buch zeigt, dass die kollektiven Migrationserfahrungen, migrant agency, weitaus komplexer sind als die Dualität von Herkunfts- und Zielland. Vertrauen stellt sich als entscheidende Größe für die Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit aller Aushandlungsprozesse dar. Europäische Regierungen, die durch Aufklärungsmaßnahmen Migrationsentscheidungen beeinflussen wollen, können sich an den hier aufgezeigten Fallbeispielen orientieren.

Mit dem Begriff der „Trajectories“ analysieren die Autorinnen und Autoren die komplexen und veränderlichen Pfade der Migration.  Im Verlauf von Wanderungen werden Migrant-/innen mit Herausforderungen konfrontiert, die sie, mitunter auf brutale Art, zur Anpassungen und flexiblen Reaktionen bewegen. Während in der migrationspolitischen Diskussion nach kategorischen und permanenten Problemlösungen gesucht wird, suchen die Migrantinnen und Migranten nach für sie selbst pragmatischen Problemlösungen, meist mit ad hoc-Charakter . Sie passen ihre Vorstellungen und Ziele an die sich entwickelnden Gegebenheiten an, was zur Herausbildung einer großen Bandbreite an „Migration Trajectories“ führt. Blockademaßnahmen wie Zäune bringen dementsprechend eine Verlagerung von Wanderungskorridoren mit und damit auch zu Verantwortungsverschiebungen zwischen Nationalstaaten. Sie ändern wenig an den auslösenden Dynamiken der Migration und bringen vielmehr die Menschen in zusätzliche Gefahr.

Die Autor-/innen des vorliegenden Bandes tragen zu einer wachsenden Forschungsliteratur über transnationale Migrationsräume bei. Sie verfolgen dabei eine Perspektive in welcher Migration, Rückwanderung und auch Nicht-Wanderung miteinander zusammenhängen, aufeinander Bezug nehmen und individuelle Migrationsentscheidungen kontextualisieren.