07. Mai | 2018

Innovationen und Sozialunternehmertum: EU-Projekt zeigt neue Potenziale für die Landentwicklung auf

In dem im April 2018 abgeschlossenen EU-Forschungsprojekt „RurInno“ haben Wissenschaftler/-innen des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) gezeigt, dass Sozialunternehmen auf sehr unterschiedliche Weise Beiträge zur Stabilisierung marginalisierter ländlicher Räume leisten und soziale Innovationen in die Peripherie bringen können. Ebenso lieferte es wertvolle Hinweise zur Frage, worin deren besonderes Potenzial liegt – beispielsweise im unternehmerischen Denken und der Vernetzung peripherer Landgemeinden mit überregionalen Institutionen und Netzwerken. Nicht zuletzt gewährte die Projektarbeit auch Einblicke in das „Ökosystem“, das Sozialunternehmen in marginalisierten ländlichen Räumen zum Arbeiten benötigen, sowie in die Art und Weise, wie Förderprogramme für soziale Innovationen gestaltet sein sollten.

In vielen ländlichen Regionen in Deutschland und Europa verfestigen sich soziale Problemlagen, weil sich die Abwanderung junger und qualifizierter Menschen, infrastrukturelle Defizite, finanzielle Probleme der Gemeinden sowie die Stigmatisierung dieser Räume wechselseitig verstärken. Sozialunternehmen gelten als vielversprechende neue Akteure, um diese Abwärtsspirale zu durchbrechen. Sie verfolgen soziale Anliegen mit unternehmerischen Mitteln und entwickeln neuartige Lösungen für soziale Problemlagen. Im kürzlich abgeschlossenen EU-finanzierten Forschungsprojekt „Social Innovations in Structurally Weak Rural Regions: How Social Entrepreneurs Foster Innovative Solutions to Social Problems“ (RurInno) sind IRS-Wissenschaftler/-innen den Fragen nachgegangen, wie Sozialunternehmen innovative Lösungen für Probleme im ländlichen Raum entwickeln und etablieren, in welcher Weise sie sozialen Wandel in diesen Regionen mitgestalten können und wie sich die Innovationsfähigkeit der Sozialunternehmen fördern lässt. Sie fanden heraus, dass diese Unternehmen zwar selten eigene Erfindungen machen, aber ein ausgeprägtes Gespür für neue Ideen in anderen Kontexten haben. Diese adaptieren sie und entwickeln innovative Lösungsansätze für Problemlagen im eigenen ländlichen Umfeld. Durch ihre ausgeprägten Netzwerke tragen sie zur besseren Anbindung peripherer Landgemeinden an überregionale Institutionen bei.

Die Intention des Forschungsprojekts war es, das verfestigte Bild über marginalisierte ländliche Räume zu hinterfragen. Diese gelten gemeinhin als innovationsfern, wirtschaftlich und politisch abgehängt sowie durch Abwanderung ausgeblutet. Diesen Befund konnten die Wissenschaftler/-innen zwar vielerorts bestätigen, zugleich wiesen sie aber signifikante Gegenbewegungen nach: In vielen Gemeinden und ländlichen Regionen fanden sie kreative Projekte und innovative Akteure vor, die sich gegen die Abwärtsspiralen stemmen. Dies geschieht beispielsweise durch die Gründung und Etablierung eines „Themendorfs“, welches in einer strukturschwachen Landgemeinde im Osten Polens zum Besuchermagneten wurde und Menschen mit Behinderungen Arbeit gibt. Weitere Beispiele sind eine griechische Sozialgenossenschaft, die erstmalig in Europa den Zuckerersatz Stevia anbaut und so die Lebensgrundlage bäuerlicher Familienbetriebe sichert sowie ein Sozialunternehmen in Österreich, welches in Dörfern sogenannte offene Technologielabore betreibt, um junge Talente in der Region zu halten oder zur Rückkehr zu motivieren und zugleich einen Identifikationsort zu schaffen.

Das Forschungsprojekt „RurInno“ ist Teil eines Projektclusters zu Innovationen in ländlichen Regionen in der IRS-Forschungsabteilung „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“. RurInno hatte sich zum Ziel gesetzt, die Innovationstätigkeit von Sozialunternehmen anhand eines Vergleichs von vier Regionen Europas unter die Lupe zu nehmen und gleichzeitig den grenzüberschreitenden Austausch zwischen den Sozialunternehmen und zwischen Wissenschaft und Praxis zu intensivieren. Die Wissenschaftler/-innen führten in mehrwöchigen Forschungsaufenthalten in Österreich, Irland, Polen und Griechenland detaillierte Studien zu marginalisierten ländlichen Regionen in diesen Ländern durch und analysierten das Wirken von vier Sozialunternehmen. Im Anschluss entwickelten die Forscher mehrwöchige Weiterbildungsprogramme, zu welchen sie die Sozialunternehmen unter anderem an das IRS einluden. Neben der gemeinsamen Arbeit an einem Innovationshandbuch, standen Besuche innovativer Projekte in verschiedenen ländlichen Regionen Ostdeutschlands auf dem Programm. Im Zusammenspiel von Forschung und Weiterbildung konnten sie wichtige Erkenntnisse zum Zusammenhang von sozialen Innovationen, Sozialunternehmertum und ländlichen Räumen gewinnen:

  • Sozialunternehmen übernehmen in vielen ländlichen Regionen Funktionen eines sich zurückziehenden Sozialstaates bzw. Funktionen, die die öffentliche Hand aus finanziellen Gründen nicht mehr leisten kann. Dazu zählen beispielsweise die Beschäftigungssicherung durch Qualifizierungsinitiativen oder Projekte zum sozialen Zusammenhalt in Landgemeinden. Darüber hinaus erschließen die Unternehmen aber auch neue, innovative Betätigungsfelder. So schaffte das irische Sozialunternehmen beispielsweise neue Beschäftigungsmöglichkeiten durch das Anlegen eines Mountain Bike Parcours und förderte die Erforschung von Familiengeschichten von Auswandererfamilien, welchen bei Besuchen in Irland dadurch ein Stück Heimat zurückgegeben wird. Das Sozialunternehmertum stellt sich als enorm vielfältig dar, sowohl in Bezug auf die adressierten Themen und Problemlagen, als auch in Bezug auf die Organisationsformen.
  • Die unternehmerische Herangehensweise an soziale Problemlagen hat nennenswertes Potenzial gezeigt. Komplementär zu sozialstaatlichen Herangehensweisen zögen die Aktivitäten der Sozialunternehmen ihre Wirkkraft aus einer „Macher-Mentalität“ der Unternehmer/-innen, so die Wissenschaftler/-innen. Ebenso zeigten sie sich tendenziell als kosteneffizienter, bürgernäher und unbürokratischer. Nicht zuletzt ist unternehmerisches Handeln immer auf eine langfristige Perspektive ausgerichtet, was eine an Projekt- und Förderzyklen orientierte Herangehensweise wirksam ergänzen kann.
  • Die Rekontextualisierung von Wissen und Ideen ist entscheidend für die Innovationskraft ländlicher Sozialunternehmen. Als Voraussetzung für die Rekontextualisierung erweist sich die Fähigkeit, periphere Landgemeinden mit überregionalen Institutionen und Netzwerken zu verbinden. Ländliche Sozialunternehmen agieren als Intermediäre, die überregionalen Institutionen Zugang zu lokalen Umsetzungsmöglichkeiten für Programme und Strategien eröffnen und gleichsam für Landgemeinden ideelle und finanzielle Unterstützung in überregionalen Institutionen mobilisieren. Anhand von ego-zentrierten Netzwerkanalysen konnten die Forscher/-innen zeigen, dass Sozialunternehmen in unhierarchischen Netzwerken schneller und ungebundener agieren als Entscheidungsträger im politischen System.
  • Sozialunternehmen agieren zu einem nennenswerten Teil im Kontext von Förderprogrammen der öffentlichen Hand. Die Analysen im Projekt haben gezeigt, dass die Erwartung an die Innovationskraft der Sozialunternehmen nur dann wirklich eingelöst werden kann, wenn die Förderprogramme entsprechend gestaltet sind. Dazu müssten diese explizit ein „out of the box“-Denken fördern, Ergebnisoffenheit zulassen und Risikobereitschaft zeigen, dominante Programmlogiken vermeiden und Austausch über räumliche und institutionelle Grenzen hinweg fördern. Um Funktionen der öffentlichen Hand teilweise zu übernehmen, wurde beispielsweise in Irland und in Polen durch Förderprogramme ein Markt für Sozialunternehmen geschaffen, der aufgrund enger Förderrichtlinien aber wenig Raum für soziale Innovationen lässt. Für Brandenburg lernen wir daraus, dass Förderlinien Ziele definieren, nicht aber den Weg zu diesen vorgeben müssen.

Die Forschungen zu ländlichen Innovationen und Sozialunternehmertum werden in der Forschungsabteilung unter anderem durch das European Training Network „RurAction“ fortgeführt, in dessen Rahmen bis Ende 2020 zehn Promotionsprojekte durchgeführt werden.