18. Januar | 2018

Disaster Vulnerability and Resilience Building at the Social Margins

Vulnerabilität und Resilienz sind seit rund 50 Jahren etablierte Konzepte, um die Bedrohungen und Schutzmechanismen von unterschiedlichsten Systemen zu analysieren. Vielfältige Anwendung finden sie beispielsweise in der Erforschung von Gefährdungen durch Naturkatastrophen, aber auch in Bezug auf wirtschaftliche, politische oder soziale Krisen. Moderne sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Vulnerabilität und Resilienz betonen, dass Gefahren keine objektiv bestimmbaren Größen sind, sondern Systeme ­– etwa Gesellschaften, Personen oder Städte – durch interne Faktoren individuell unterschiedlich vulnerabel gegenüber der „gleichen“ Gefahr sind. Ein Special Issue des „International Journal of Mass Emergencies and Disasters“, das von Prof. Margarethe Kusenbach (University of South Florida) und Prof. Gabriela Christmann (IRS) herausgegeben wurde, wirft nun einen detaillierten Blick auf den Zusammenhang von sozialer Marginalisierung und Gefährdung.

Umweltkatastrophen wie die verheerenden Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 oder im Indischen Ozean 2004 führen eindrücklich vor Augen, dass spezifische soziale Aspekte einen maßgeblichen Einfluss darauf haben können, wie vulnerabel Personen oder Personengruppen gegenüber Gefahren sind und welche Resilienzstrategien sie zur Verfügung haben. Oft sind infrastrukturell schlecht ausgestattete Gemeinschaften am stärksten von Nachwirkungen betroffen, auch gelten Armut und mangelhafte Bildung als zusätzliche Risikofaktoren gegenüber den Folgen solcher Katastrophen. Es gilt als erwiesen, dass durch soziale Ungleichheit bestimmte Personen und Personengruppen eingeschränkten Zugang zu sozio-ökonomischen Ressourcen haben und ihre begrenzte Teilhabe an ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Prozessen eine erhöhte Vulnerabilität und geringe Kapazitäten zur Resilienzbildung zur Folge hat. Zur den Faktoren, die direkt auf Vulnerabilität und Resilienzbildung wirken, zählen neben Einkommen auch Alter, ethnische oder religiöse Zugehörigkeit, Geschlecht und Bildung.

Kusenbach und Christmann gehen in ihrem Special Issue jedoch darüber hinaus, soziale, politische, ökonomische und kulturelle Einflussfaktoren zu katalogisieren. Sie betonen die sozialen und kommunikativen Prozesse, die einer individuellen oder geteilten Vulnerabilitätswahrnehmung zugrunde liegen und die Voraussetzung für kollektive Resilienzbildungen sind. Damit vertreten sie eine sozialkonstruktivistische Perspektive: Natürlichen wie sozialen Faktoren und Prozessen schreiben sie in ihrem Ansatz gleichermaßen Relevanz zu. Menschen können kollektiv geteilte Vorstellungen von Gefährdungen entwickeln, so lautet der Ansatz, die durch ihre sozio-ökonomischen Verhältnisse geprägt sein können und   die nicht notwendigerweise den faktischen Expositionen gegenüber natürlichen oder sozialen Gefährdungen entsprechen müssen. Dass individuelle oder geteilte Wahrnehmungen von Gefahren das menschliche Handeln maßgeblich beeinflussen, haben unter anderem Studien zum Sicherheitsempfinden in Städten, aber auch zu Terrorismus gezeigt. In mehreren Forschungsprojekten am IRS forscht Christmann zur Signifikanz von sozio-kulturellen Konstruktionen von Vulnerabilität und Resilienz im Kontext von Naturgefahren.

Das Special Issue versammelt sechs Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen und thematischen Zusammenhängen, um das Wissen zu sozialen Vulnerabilitäts- und Resilienzkonstruktionen insbesondere aus dem Blickwinkel sozial marginalisierter Personen zu erweitern und zu systematisieren. Damit trägt das Themenheft dazu bei zu verstehen, in welcher Weise soziale Strukturen, Kulturen, Interpretationen und Verhaltensweisen bei der Entwicklung von Vulnerabilität und Resilienz speziell an den gesellschaftlichen Rändern prägend sind. Die Beiträge – etwa zu Obdachlosen und Naturgefahren in Florida, zu Resilienzbildung durch Frauenförderung in Ghana oder zu Wahrnehmungen von Flutereignissen durch unterschiedliche Einkommensgruppen im Amazonasgebiet in Brasilien – tragen Beispiele aus diversen nationalen und regionalen Kontexten zusammen und zeigen die Komplexität und Vielfältigkeit von individuellen und kollektiven Konstruktionen von Vulnerabilität und Resilienz auf.

Kusenbach, M., & Christmann, G. (Hrsg.) (2017). Disaster Vulnerability and Resilience Building at the Social Margins. (International Journal of Mass Emergencies and Disasters, Special Issue; Band 35, Nr. 2)